ADAS ERINNERUNG AN WEISSE WEIHNACHTEN
von Andrea Moseler
Es ist kalt geworden draußen. In den letzten Jahren haben sich die Jahreszeiten immer ein wenig mehr nach hinten verschoben. Der Herbst lässt seine letzten Blätter bis weit in den Dezember fallen. Ada hat sich an die großflächige Fensterfront zum Garten hingesetzt. Sie ist eingekuschelt in die breite Sitzecke und schaut dem Entschwinden der letzten Sonnenstrahlen zu.
Ein wenig sehnsüchtig muss sie an diesem Dezembernachmittag an frühere Zeiten denken. Gerade mal dreißig Jahre ist es her, dass man „weiße Weihnachten“ in flacheren Gefilden noch erleben konnte. Zwar waren sie schon seltener geworden, aber es gab sie noch, je nach Region und Winterstart im Jahr.
Jetzt, im Dezember 2040, muss man bis zu einer hoch gelegenen Berghütte in die Alpen oder in die Nordländer Europas fahren, um weiße Weihnachten zu erleben. Adas Blick heftet sich an die Zweige der großen Tanne im Garten und ihre flankierenden Sträucher. Mit der sinkenden Sonne haben sie angefangen, einen feinen Raureif über sich zu ziehen.
Ada empfindet die Geborgenheit, die jedes Jahr mit dem Dezember kommt. Längst sind die Tage kürzer geworden und die Gedanken wandern hin zum nahenden Weihnachtsfest. „Es ist wirklich schön“ denkt sie, „dass die frühere vorweihnachtliche Hektik in den letzten Jahren nachgelassen hat!“
Sie weiß, dass sie nicht die Einzige ist, der das gefällt. „Weihnachten ist wieder zum Fest der Begegnung geworden, statt zum alljährlichen Konsumfestival auszuarten“, denkt sie zufrieden. Ada nimmt einen heißen Schluck Tee aus der Tasse in ihrer Hand.
Ihre Gedanken schweifen zurück. Seit dem ersten Jahrzehnt im neuen Jahrtausend, hat sich so Manches verändert. Damals ist sie mit ihrem Studium fertig geworden. Dann hatte sie fast zehn Jahre angestellt gearbeitet, bevor sie allen Mut zusammen nahm und sich selbständig machte.
Ada muss lächeln. „Heute ist es selbstverständlich, so zu arbeiten wie ich es schon damals liebte“, geht ihr durch den Kopf. „Neben Sachverstand sind ungeteilte Aufmerksamkeit und ein Riesenbatzen Zeit für jeden einzelnen meiner Mandanten und Klienten noch immer das Wichtigste für mich.“
Ada Hand geht zum funden Tisch neben ihr und greift den Transceiver. Er zeigt ihr die Raumtemperatur an. Die Wärme kann sie über einen Mix aus Außen- und Innen-Messwerten regeln. Weil Sie ein wenig fröstelt, zoomt sie die Raumtemperatur um eine Stufe nach oben. Kaum fünf Minuten später hat das Wärmesystem reagiert und sie fühlt sich wieder rundum wohl.
„Ja, die Ereignisse im ersten Jahrzehnt haben wohl viel angestoßen.“ Im nächsten Moment hört sie ein Klacken der Eingangstüre im Hintergrund. „Guten Abend!“ ruft Timon ihr fröhlich zu. Adas kleine Teestunden-Auszeit ist wie im Flug vergangen.
Timon, ihr Mann, kommt herein und gibt ihr einen dicken Begrüßungsschmatz. „Magst du noch einen Tee?“ fragt er und hat Adas leere Tasse schon in seine Hand genommen. „Bin gleich wieder da“ verspricht er. Bald kehrt er mit zwei dampfenden Tassen aus der Küchenzone zurück und gesellt sich zu ihr.
„Na“ meint er, „du siehst etwas nachdenklich aus!“ „Das stimmt“ erwidert sie. „Ich denke gerade an die Ereignisse vor dreißig Jahren. Weißt du, seit damals ist so Vieles anders geworden!“ „Ja“ pflichtet er ihr bei. „das ging Hand in Hand mit den großen Veränderungen in der Wirtschaft.“
Ein Kratzen an der Fensterfront unterbricht ihren Gedankenaustausch. „Whitetoe!“ kommentiert Ada. Der rundum kohlrabenschwarze Kater mit der einen weißen Zehe an der rechten Vorderpfote kehrt von seinem Streifzug zurück. Timon steht auf und berührt das Touchboard in der Wand neben der bodentiefen Fensterfront.
Die Tür der Glasfront fährt zur Seite in den Schacht der Wand und Whitetoe springt herein. Mit steil erhobenem Schwanz marschiert er geradewegs zu Ada und sucht sich einen Schmuseplatz an ihrer Seite. Während sich die Glasfront schließt, macht es sich Timon wieder neben Ada bequem.
„Heute haben wir uns längst darauf eingestellt, mit unseren Ressourcen bewusster und achtsamer umzugehen.“ setzt Timon seinen Gedankengang fort. „Ja, und zwar auf allen Gebieten!“ pflichtet ihm Ada bei. „Ganz besonders mit Zeit für sich selbst und andere und dem Miteinander von Menschen.“
„Den Stein ins Rollen gebracht hat doch damals die Subprime-Krise?“ überlegt sie weiter. „Damit fing es an, dann wurde eine weltweite Bankenkrise und schließlich eine Wirtschaftskrise daraus“, antwortet Timon. „Ja, erst mal hat es so ausgesehen, als würde es immer schlimmer werden.
Dann konnten wir erneut erfahren, dass Krisen auch immer Chancen enthalten!“ hebt Ada hervor. „Die Menschen haben viel gelernt daraus!“ „Und die Unternehmen“ erwidert Timon.
„Auf einmal ging es um mehr als Profit, denn der war weniger leicht als vorher zu erreichen.“ „Als der Wirtschaftskreislauf ins Stocken kam, waren Menschen und Unternehmen gezwungen, umzudenken“ gibt ihm Ada recht.
„Ja“ findet Timon. „Das hat uns hierher geführt, wo wir jetzt stehen. Wir schenken uns alle wieder mehr Zeit, und damit das Wertvollste, das wir haben!“ „Und ich freue mich sehr darüber, wie wir Weihnachten verbringen!“ schwenkt Ada zur nahen Zukunft um.
„Ja, wir finden uns alle zusammen und die Zeit, die jeder mitbringt ist von jedem das Geschenk für die anderen!“ stimmt Timon ihr zu. Adas Gedanken wandern mit Vorfreude zum bevorstehenden Fest. Einige der Menschen hat sie sehr wenig gesehen übers Jahr „Wie schön, dass wir die Begegnungen in den Mittelpunkt rücken!“ sagt sie zu Timon.
Und dann lässt sie ihre Gedanken kurz noch einmal zurückfließen. Sie empfindet Dankbarkeit für die Wendungen vor dreißig Jahren. Die Welt ist wärmer geworden, das Klima draußen und die Herzen im Inneren. Wie wertvoll sie doch für heute waren:
Die Zeiten, als es sie noch gab, die weißen Weihnachten im ganzen Land!