Hungerphantasien
von Rita Hausen
Hänsel und Gretel waren die Kinder eines armen Holzhackers. Die Zeiten waren schlecht, der Holzhacker wurde für seine Arbeit schlecht bezahlt. Schließlich wurde er sogar von der Holzhacker-Firma entlassen und musste von Hartz IV leben. Das reichte hinten und vorne nicht. Die Frau des Holzhackers war verzweifelt, sie wusste nicht, wie sie ihre Familie ernähren sollte.
Als Hänsel den dritten Abend hungrig ins Bett ging, träumte er des Nachts, dass er sich mit seiner Schwester im Westerwald verirrt hatte. Er kam an ein Haus, das ganz aus Lebkuchen bestand. Als er sich ein Stück abbrach, schaute eine alte Frau aus dem Fenster und lud ihn und seine Schwester ein, ins Haus zu kommen. Dort tischte sie den beiden die köstlichsten Speisen auf. Sie aßen und aßen.
Gretel träumte, dass sie bei einer alten Frau war, der sie den Haushalt führte. Sie kochte mit ihr zusammen die köstlichsten Speisen.
Eine alte Rentnerin, die von ihrer Rente kaum leben konnte, träumte, dass sie in einem Lebkuchenhaus lebte und dass zwei Kinder sie besuchten, denen sie leckere Speisen kochte.
Hänsel hatte im Traum so viel gegessen, dass er einen Alptraum hatte. Ihm träumte, dass die alte Frau ihn mästen wollte, um ihn dann im Ofen zu backen und zu essen.
Gretel träumte, dass sie schwere Arbeit verrichten musste. Eine alte Rentnerin nutzte sie aus. Da sie aber nicht wusste, wie sie sich sonst ihren Lebensunterhalt verdienen sollte, blieb sie. Immerhin konnte sie sich immer satt essen.
Die Rentnerin erwachte mit einem Schrei. Sie hatte geträumt, dass zwei Kinder sie in einen brennenden Ofen schubsen wollten.
Als Hänsel und Gretel am Morgen erwachten, hatten sie das elende Leben satt. Sie sagten ihren Eltern, dass sie ihr Glück in der Stadt versuchen wollten. Sie trampten nach Köln und sahen sich die Schaufenster an. Auf den Stufen vor dem Dom saß eine alte Frau, die Hänsel irgendwie bekannt vorkam. Auch Gretel war sie sonderbar vertraut. Sie kamen ins Gespräch und die Alte lud die beiden ins Café ein. Sie erzählte Ihnen, dass sie zwar nicht viel Geld habe, aber eine große Wohnung. Dort fühle sie sich oft so allein. Kurzum sie bot den beiden an, bei ihr zu wohnen. Aber das Geld für die Lebensmittel reichte nicht für drei. Hänsel und Gretel sollten versuchen, etwas aufzutreiben. Dabei verirrten sie sich im Straßengewirr der Großstadt. Hänsel hatte aber schlauerweise bei jedem Abbiegen die Ecken mit Sprühfarbe markiert, so dass sie wieder zu der Alten fanden. Zu essen hatten sie allerdings nichts gefunden.
Im Fernsehen kam eine Sendung über Managergehälter.
Auch am nächsten Tag irrten sie durch die Straßen, schauten sich Schaufenster mit den köstlichsten Sachen an, die sie sich nicht leisten konnten. Aus einem Mülleimer fischten sie ein noch essbares Brot. An einer Kirchentüre lasen sie, dass es für Bedürftige eine kostenlose Mittagstafel gebe. Sie nahmen sich vor, am nächsten Tag dorthin zu gehen. Aber es kam anders.
Am Abend sahen sie sich im Fernsehen eine Dokumentation über die Bankenkrise an. Hänsel, Gretel und die Alte sahen sich an. Hänsel meinte: „Bevor die all das Geld verbrennen, sollten wir uns noch mit ein paar Scheinen eindecken. Was meint ihr?“ Gesagt, getan. Sie kauften vom letzten Geld eine Spielzeugpistole, die Alte zog sich einen alten Strumpf über den Kopf und überfiel die Sparkasse an der Ecke, wo sie ihr Konto hatte. Da die Alte mit der Beute nicht so schnell flüchten konnte, schnappten sich Hänsel und Gretel die Tüte mit dem Geld und flitzen von dannen, denn sie konnten nicht sicher sein, ob der Kassierer nicht den Alarmknopf gedrückt hatte. Die Rentnerin verdrückte sich auf die Toilette und kam als harmlose arme Alte zum Vorschein, die man nie und nimmer verdächtigen würde. Bei ihr hätte man ja auch nichts gefunden. Als die Polizei kam, gab der Kassierer an, dass eine ältere Dame ihm die Pistole vorgehalten hätte. „Ich glaube aber nicht, dass sie an dem Geld viel Freude hat, zwei Jugendliche haben sie offensichtlich beobachtet und ihr das Geld abgejagt.“
Zu der Zeit saßen die Drei bereits in Omas guter Stube und zählten das Geld. Es waren immerhin 20 000 Euro, davon konnten sie eine Zeitlang gut leben.
In den Nachrichten ging es um ein Milliardenhilfsprogramm der Bundesregierung für die armen Banken.
Die Kinder und die Rentnerin konnten sich endlich mal was Gutes leisten. Sie bereiteten zusammen ein Festmahl vor, zu dem sie auch die Eltern einluden. Diese waren glücklich, dass es die Kinder in der Stadt zu etwas gebracht hatten und fragten nicht nach der Herkunft des Geldes.
In der folgenden Nacht schliefen alle prächtig, Gretel träumte von einem Knusperhäuschen, in dem sie alle bis ans Ende ihrer Tage in Freuden lebten.