Ein seltsamer Freund

von Ute-Maria Graupner

Ich blickte in den Spiegel. Das Gesicht in der Glasscheibe wackelte im Rhythmus der Zugbewegungen. Ihn konnte man trotzdem deutlich erkennen, den Mangel! Mangel und Makel standen in diesem Gesicht. Makel, als Symbole des Mangels, die mir entgegen schrien und ohne Finger zeigten, dass durch sie der Mangel erhalten bleiben würde. In meinem Gesicht die Erklärung, dass ein Makelwesen Mangel leidet, und dass Mangel zu diesen Makel geführt hatte. Eine einzige Hoffnungslosigkeit glotze mir entgegen.
Ich ging zurück in mein Abteil. Tränen liefen über meine Wangen, aus der Nase rann Flüssigkeit, und ich hustete fürchterlich. Die ganze Enttäuschung schien aus mir heraus zu laufen. Es war das Ende meiner Täuschung, dass ein Mangel in mir keine Spuren hinterlässt.

Die Arbeit der vergangenen Jahre war mehrfach und niederschmetternd abgelehnt worden. Der Anruf heute Morgen machte auch die einzig übrig gebliebene Hoffnung zunichte. Abgelehnt! Obwohl doch die Prognose diesmal so günstig aussah und mir in den letzten Monaten Hoffnung und Kraft gegeben hatte. Mangel, schrie es in mir. Mangel an Hoffnung. Mangel an Kraft. Das Geld war verbraucht. Zeit für einen Job hatte ich bisher nicht. Ich hatte ganz auf diese Publikation gesetzt, Freunde und gesellschaftlichen Kontakte vernachlässigt. Mangel! Mangel, schrie es in mir.
Ich war müde. Müde von den Versuchen den Mangel zu beheben. Ich rollte mich ein in meinen Riesenschal, verkroch mich unter meinem Mantel und legte die Füße auf meinen Koffer, der bei jeder Kurve leicht sein Gewicht verlagerte. Ich blickte durch die Tränenwand hinaus in das Schneetreiben, das an meinem Fensterplatz vorbei raste. Der Zug rollte. Die Tränen flossen. Der Schnee rauschte vom Himmel. Alles fließt, hatte Heraklit gesagt. Nur der Mangel schien zu bleiben.

Ich dachte an radikale Einbrüche, die meinen Lebensweg begleitet hatten. Als ob irgendein Planet, Plutonium gleich, eine Explosion erzeugte und mir immer wieder eine Hoffnung weggenommen hatte. Hoffnungen, die mich eine Lebenswegstrecke begleitet hatten bis die illusionäre Quelle der Kraft sich gnadenlos und radikal als eine Täuschung entpuppte. So dass nur noch der nackte Mangel übrig blieb und mir als Fratze entgegen höhnte: „Mangel, hatte ich dir doch gleich gesagt!“
Der Schnee wurde immer dichter. Ich fühlte mich unsichtbar in dem vielen Weiß da draußen. Ich blieb unsichtbar, weil alle Versuche mich über Bedeutsamkeit sichtbar zu machen, gescheitert waren. Ich war eine von diesen Schneeflocken, die in dem Gestöber untergingen und von deren Mangel niemand erfahren würde. Mangel, das war das Zauberwort meines Lebens.

Ich hatte nichts mehr in den Händen, nichts mehr zu geben. Mangel auch an Gaben. Eigentlich wollte ich meinen Mangel beheben und mich dann wieder unter die Menge meiner Freunde mischen. Ich wollte kund tun: „Ich habe keinen Mangel mehr. Nehmt von mir! Lasst uns ein Fest feiern.“ Nun brauchte ich meinen Freunden nichts mehr zu erzählen von meinen Plänen, wie ich den Mangel beheben werde. Denn sie führten auf einem geheimnisvollen Weg immer wieder zurück zum Mangel. Ich hätte mit ihnen auch gleich über meinen Mangel reden können, anstatt ihn mit meinen Vorhaben zu kaschieren. Wenn meine Zuhörer aufmerksam gewesen waren, dann hatten sie es sowieso schon gemerkt, dass ich mich nur mit meinen Mangelaufhebungsplänen unter ihre Augen traue, sie als eine Art Versprechen einsetzte, dass ich eines Tages kein Mangelwesen mehr sein werde. Sorry, meine Freunde, ich hatte gelogen. Wir hätten uns das Spiel der Täuschung sparen können.

Meine Stirn wurde warm. Das Fieber kam. Ich drückte mich noch tiefer in die Polster des ratternden Zuges. Die monotonen Bewegungen machten mich schläfrig. Mangel an Schlaf konnte zumindest jetzt behoben werden. Ein letzter Blick in das wirbelnde Weiß da draußen bis ich in die Sümpfe meiner unbewussten Welten versank. Es war warm in dieser Welt. Ich war unbeteiligt an den wirren Geschehnissen in meinem Traum. Ich registrierte sie wie eine langweilige Sendung im Fernseher, den man auszuschalten vergessen hatte. Es war beruhigend, nicht eine der Beteiligten zu sein, die irgendwo herunter fiel, davon rannte oder einem Mangel begegnete. Die Figuren in meinem Traum durften machen, was sie wollten. Ich beobachtete sie aus sicherer Entfernung. Es war sehr warm. In meinem Kopf war es heiß, und es ertönten Stimmen. Vor allem eine war sehr laut. Sie erzählte von einem Bahnhof, in den der Zug gleich einfahren würde.
Schweiß nass schaute ich durch das Fenster meines Abteils auf einen Bahnsteig. Menschen stiegen aus und ein. Mein Abteil blieb verschont von den Zugestiegenen. Ich konnte weiter vor mich hindämmern in meinem Fieber und musste nicht für irgendeine unbekannte Person meinen Mangel überspielen.

Das Schneegestöber wurde wieder stärker, die Welt da draußen war wieder weiß. Der Zug rollte wieder. Ich wurde wieder zu einer der vielen Schneeflocken. In den seichten Filmen, die ich nach erschöpfenden Mangel-Kaschierungstagen über mich ergehen ließ, hatten die Leute ohne Job, ohne Geld oder ohne Perspektive dann immer eine moderne Fee auf ihrer Seite und ihr Buch wurde plötzlich veröffentlicht, sie erbten ein Haus, bekamen die Stelle, zu der sie sich immer hingezogen fühlten, oder sie wurden ermordet. Ach nein, dass waren die Krimis. Was hatte die Lektorin gesagt? Man brauche auch Glück, damit eine Publikation klappen würde. Glück hatte sie gesagt. Das kam auch in den seichten Filmen vor, in denen der Mangelrundumschlag das Sprungbrett in ein neue Glück bedeutete.

Die Tränen liefen erneut. Ich musste feststellen, dass mich die Absage innerlich mehr bewegte, als ich von mir angenommen hatte. Ich, die doch jeden radikalen Bodenverlust unter den Füßen bisher überlebt hatte. Was uns nicht umbringt, macht uns noch härter! Ich mag diesen lächerlichen Standardsatz eines Exfreundes von mir nicht. Was uns nicht umbringt, stellt uns auf den Boden der Tatsachen. Das wäre meine Formulierung. Mein Boden ist offensichtlich der Mangel.
Ich war dem Schnee da draußen dankbar, dass er die Welt verhüllte, die mir sonst nur Kahlheit und Mangel signalisiert hätte. Er verzauberte sie in Fülle an weißen Flocken und machte mein Leben ein wenig reicher.
Ich hatte meinen Vortrag, „Mangel und Fülle“, fast fertig gestellt, bevor dieses Telefonat der Absage mir die Fülle wieder weg nahm. Ich war zurück geworfen auf den Mangel. Dieser Tag hatte den Slogan „Pluto“, wie der der von oben auf mich herunter blickte und mir meine Illusionen einfach mal eben schnell weg riss.

Was nun? Weitermachen und dem Mangel die übliche Anstrengung der Mangelbekämpfung entgegensetzen? Dir, Mangel, gebe ich nicht die Anerkennung, dass du gewonnen hast? Das kannte ich und mit zunehmendem Alter auch den Preis der Erschöpfung. Mit jemand darüber reden? Damit mir ein anderes Mangelwesen Einhalt bietet und mit einer Begründung mir meine Mangelentdeckung weg nimmt. Das machten zumindest die Menschen, die ich so kannte, mir Aufmunterungen geben, dass ein Mangel doch gar nicht vorhanden wäre. Denn er durfte ja nicht sein, auch bei ihnen nicht.

Ab heute wollte ich ihn behalten. Ich würde mit ihm spazieren gehen, mit ihm schreiben, ihn als meinen Partner betrachten. Ich würde ihm die Macht nehmen, die er auf Grund seiner Überraschungsauftritte hatte. Ich mochte ihm nicht mehr am Ende einer Wegstrecke begegnen. Und er würde rufen, ich bin schon da, wie in der Geschichte vom Hasen und vom Igel. Lieber mit ihm zusammen durch mein Leben ziehen und ihn sichtbar vor Augen haben.

Das Schneetreiben wurde sanfter. Ich konnte wieder die Farben der vorbei rauschenden Umgebung erkennen. Allmählich tauchten Äcker und Wiesen auf, auf denen sich nur noch kleine, weiße Häufchen verteilten. Das Beige und Braun der Landschaft wurde klar. Schade! Ich hätte die Fülle der Flocken noch eine Weile gebrauchen können. Stattdessen musste ich meinen Mangel anerkennen. Vielleicht würde er dann mein Freund werden.