Lyrik - Lola Victoria Abco

Lyrische Werke von Lola Victoria Abco.


Werke:

 

Zwilling

Nun stand ich draußen.
Wartete still vor der Tür.
Wusste nicht:
Sollte ich wieder hinein? Sollte ich klopfen?
Sollte ich schreien? Sollte ich laufen?
Wusste nicht, was ich sollte.
Drum stand ich draußen.
Erstarrt und stumm.

Meine Tränen konnte niemand sehen.
Der Wind peitschte Regen in mein Gesicht.
Sollte ich klopfen?
Wer würde mir öffnen?
Sollte ich schreien?
Wer würde mich hören?
Sollte ich laufen?
Wer würde mir folgen?

Still. Ganz still stand ich vor der Tür.
Wartete. Wartete auf das Leben.
Ein zweites Mal sollte es kommen.
Ein zweites Mal mich gebären.
Ich wartete.
Dunkelheit hüllte mich ein.
Ich wartete.
Wartete bis zum Morgengrauen.

Der Wind jagte die Wolken davon.
Trocknete mein Gesicht.
Sonnenstrahlen erwärmten mich.
Sonnenstrahlen lösten meine Erstarrung.
Ein Fuß. Einen Fuß vor den anderen.
Ich kam voran. Ging doch nur im Kreis.
Starrte nach vorne. Wollte nicht zur Seite schauen.
Stand wieder ganz still vor der Tür.

Ein Fuß. Einen Fuß vor den anderen.
Nocheinmal.
Starrte nach vorne.
Blieb endlich stehen.
Drehte mich zur Seite.
Langsam.
Unendlich langsam.
Starrte hinein.


Rot.
Alles rot.
Der Teppich.
Das Sofa.
Alles.
Alles rot.
Mein Heim war es doch niemals!
So rot.

Und du?
So blass.
Du warst es doch niemals!
So blass.
Ich höre dich sagen: Du bist ich und ich bin du!
So blass.
Ich war es doch niemals!
So blass.

Ich starrte hinein.
Du bist ich und ich bin du!
Die dort liegt, das bin ich!
Du bist ich und ich bin du!
Tot.
Du bist nicht tot.
Die dort liegt, das bin ich!
Du bist ich und ich bin du!

Jede Medaille hat zwei Seiten.
Gut und böse.
Hässlich und schön.
Ich höre sie sagen:
Ähnlich. So ähnlich.
Fast. Doch nur fast.
Immer wieder.
Fast. Doch nur fast.

Du lachst. Sagst: Du bist ich und ich bin du!
Du triffst dich mit ihm.
Du schickst ihn zurück zu mir.
Ich höre ihn sagen:
Wärst du doch nur.
Ähnlich. So ähnlich.
Fast. Doch nur fast.
Wärst du doch nur.


Damokles. Ein Schwert.
Und dies?
Ein Messer.
Es schwebt über dir.
Du bist ich und ich bin du!
Das Messer teilt mich entzwei.
Die dort liegt, das bin ich!
Du bist ich und ich bin du!

Ein Fuß. Einen Fuß vor den anderen.
Nocheinmal.
Ich gehe hinein.
Starre nach vorne.
Ein Fuß. Einen Fuß vor den anderen.
Immer weiter.
Immer höher.
Die Treppe hinauf.

Ein Fuß. Einen Fuß vor den anderen.
Immer höher.
Immer höher.
Bleibe endlich stehen.
Langsam. Unendlich langsam.
Ich öffne das Fenster.
Unendlich langsam.
Ich höre dich sagen: Du bist ich und ich bin du!

Zwilling. Wie ein Ei dem anderen gleichen. Fast. Doch nur fast.
Zwilling. Ein Leben zusammen. Fast. Doch nur fast.
Die Geburt trennt sie.
Trennt sie für Minuten.
Die Geburt führt sie wieder zusammen.
Der Tod?
Der Tod trennt sie.
Für die Ewigkeit?

Ich beuge mich vor.
Starre hinab.
Hinab in den Abgrund.
Ein Fuß. Einen Fuß neben dem anderen.
Ich stehe auf dem Fenstersims.
Starre hinab in den Abgrund.
Gleich wird er mein Bett sein.
Für die Ewigkeit.

Ein letztes Mal höre ich dich sagen:
Du bist ich und ich bin du!
Jetzt weiß ich:
Du bist du und ich bin ich.
Die dort liegt, so blass, das bin nicht ich!

(Lola Victoria Abco)


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