Lyrik - Jutta Ouwens
Dein Grab
Dein Grab ist ein lebendiger Ort.
Über Dir tanzen die Jahreszeiten
in berauschenden Farben.
Glühendes Rot und leuchtendes Gelb
gegen den Winter.
Der Nussbaum weht Blätter auf duftende Erde.
In später Sonne funkelt Dein bronzener Name.
Hörst Du meine Schritte, Liebster?
Mit Armen voller Astern eile ich
durch nasses Gras.
Sehnsucht treibt mich, Schmerz, Verzweiflung.
Dämmerung kriecht über die Mauer, es wird kühl.
Wie soll es gehen ohne Dich an den langen Abenden?
Ohne Deine Umarmung, Dein Lachen und Dein Schweigen?
Meine Liebe schütte ich auf Dein Grab, habe viel zu erzählen.
Mein Tag war erträglich.
Mein Lachen mir fremd
wie mein Weinen.
Was wird sein, wenn Schnee fällt?
Trete ich behutsam ein in die Stille,
mit einem Tannenzweig nur?
Neben Dir die Schlafenden.
Über Dir die Wachenden.
Noch eine Kusshand bevor ich gehe,
vorbei an Farben, Düften, Lichtern.
Am Tor raucht die Gärtnerin eine Zigarette.
Sie lächelt mir zu
und nimmt Dich in ihre Obhut.
(Jutta Ouwens)
Nach Jahren
Uhren sehen nicht
Halbschatten künden dich an
Sonnenstände und Zwielicht
Verheißen dein Kommen mit
Kalenderwochen
Laut zerberstende Tage
Im brüchigen Pflichtennetz
Erstarrte Freundlichkeiten
Kriechen über die Haut
Träger Gewohnheit
Begleite mein leckes Schiff
Unermüdlich schöpfe ich
Grauwasser zurück ins Meer
Es braucht festen Willen
Anker geworfen
Hoffnungsvoll Gold aufgelegt
Den Hafen in Glut getaucht
Horizonte sturmbefreit
Kaum zittern die Planken
Die Sonne steht tief
Dein Schatten fällt auf den Steg
Es ist Zeit für die Heimkehr
Bring Lebendiges mit
(Jutta Ouwens)
Jetzt
Im Augenblick verweilen
Nahaufnahme ohne Bilderflut
Ruhender Blick
Klänge aus einziger Quelle
Lauschendes Ohr
Ich fasse nach meiner Hand
Atme meinen Duft
Schmecke meinen Traum
Ich mit mir
Zentriert
In der Mitte meiner Vielfalt.
(Jutta Ouwens)
Häutung
In deiner Achsel mich verstecken
Dir die Haut abziehen
In dein Innerstes fliehen
Mein Herzklopfen neu entdecken
Dich ansehen still und stundenlang
Auf die Glücksträne hoffen
Keine Fragen mehr offen
Nein mir wird nicht mehr bang
(Jutta Ouwens)
Prosa
Prosaisch gesagt ist Trennung alltäglich
Lyrik verbannt aus dem Bücherschrank
Erinnern an Düfte macht krank
An Samstagen wieder beweglich
Rauhfaser weiß deckt eindeutig die Wand
Alte Poster im Keller vergraben
Man sollte mehr Nüchternes haben
Italien ist nicht mehr mein Land
Gestählt ohne Zögern die Hürden genommen
Augen gradaus im Lebensspiel
Unerbittlich ein neues Ziel
Der Versuch nicht so ganz zu verkommen
(Jutta Ouwens)