Eine Liebe in England
von Anna Rybinski
Mein Vater war ein stolzer, angesehener Mann, ein Freisasse - ohne Lehnpflicht, ohne Abgaben. Viele haben sich für mich interessiert, ich wollte aber keine Verbindung eingehen. Diese Männer waren so gewöhnlich, so alltäglich … wie mein Vater selbst. Ich war noch jung, träumte von unsterblichen Gefühlen, von leidenschaftlicher Hingabe, für einen Handschuhmacher, Wollhändler oder Bauern konnte ich keine Zuneigung empfinden. Sie hatten die schlaue, bürgerliche Art, Menschen aufzunehmen und in ihre begrenzte Welt einzuordnen. Wer nicht zu ihnen passte, wurde ignoriert. Wie sie sich bei ihrem Besuch aufgeführt hatten! Schwerfällig und verlegen, auch in ihren besten Kleidern die berufliche Spuren mit sich tragend. Sie waren peinlich bemüht, mir etwas Nettes zu sagen, überlegten jedes Wort, wenn es um das Geschäft ging, dabei blickten sie schnell nach rechts und links, um den Zustand des Hofes zu beurteilen. Sie wollten eine Frau bekommen, ja. Aber das Gut und unser Einkommen waren genau so wichtig. Vielleicht wichtiger?
Ich war nicht besonders hübsch; nur ein gesundes, frisches Mädchen vom Lande, das gerade zu so einem Mann gut gepasst hätte. Es war also nichts Schlimmes daran, dass sie mich heiraten wollten, ich gehörte ja zu ihrer Welt – so bekam bei uns seit Jahrhunderten jeder Topf seinen passenden Deckel. Aber ich ... ich konnte nicht. Ich war weiss Gott nicht besser als sie. Warum konnte ich also nicht, warum?
Inzwischen wurden meine Freundinnen nacheinander verheiratet, bekamen Kinder und waren angesehene Bürgersfrauen geworden. In unserer Gegend bindet man sich früh. Langsam begannen die Leute mich ein bisschen anders anzuschauen: Mit Nachsicht und mit Güte, um mein unvermeidliches Schicksal zu mildern. Ich war bei grossen Feiern und Hochzeiten immer eingeladen, bei Wöchnerinnen, kranken Kindern und Sterbebetten wurde oft um meine freundschaftliche Hilfe gebeten. Aber ich musste niemanden um einen Gegendienst bitten, sogar für einen Sterbenden hätte ich genug Zeit gehabt. So blieb ich im Grunde eine Ausgeschlossene. Ich ging auf mein 26. Lebensjahr zu, mit dem gewissen „Männerblick“ hatte mich niemand mehr angesehen. Wartete ich noch überhaupt auf jemanden?
Anders als alle Anderen und sehr jung – acht Jahre jünger als ich. Sein Vater, ein
wohlhabender Mann, geriet in den letzten Zeiten in Schwierigkeiten, man munkelte allerlei
über seine dubiösen Geschäfte; aber was interessierte es mich?
Ich sah ihn an und mein Blut kam in Wallung. Er roch nach keinem Beruf, er hatte nicht die schlaue bürgerliche Art, die Menschen aufzunehmen und einzuordnen, o ja nicht! Seine Welt war nicht begrenzt, sie war unendlich.
Und unendlich schön.
Wie er alles genau angeschaut und beobachtet hatte! Ein Mensch, der alles interessant fand, ohne daraus direkt Nutzen zu ziehen. Meinen Lieblingsbaum, die alte, knorrige Trauerweide beim Fluss besuchte er auch oft; kleine Botschaften füreinander versteckten wir in ihren Spalten. Ich streute abends gern Blumen ins Wasser und wartete auf den Gesang der Nachtigall, bevor ich heimging. Er beobachtete es beifällig, mit einem zärtlichen Blick. Auch meinen ereignislosen Alltag fand er hochinteressant; ich musste genau über den Sonnenplatz unter dem Taubenschlag berichten, über alle heilsamen und giftigen Kräuter, die ich gepflückt und getrocknet hatte. Sogar die Schäden nach plötzlichen Sommergewittern wollte er genau wissen und sonst alles Seltsame, was im Haus und Hof geschah. Die Mägde klagten nämlich beim Spinnen von Flachs über Poltergeister und erzählten manche Schaudermärchen; zum Beispiel von Kobolden, die das Wetter durcheinander bringen, das grüne Korn plötzlich verfaulen lassen, das Bier verderben und die Milch insgeheim absahnen. Er lachte mich nicht aus, als ich ihm fast verschämt von solchen Geschichten berichtete.
Und wie konnte er reden! So schön, so sonderbar, manchmal sogar in Reimen. Und wie konnte er herumtollen und Schabernack treiben! Das Wiehern einer Stute ahmte er so gut nach, dass der Hengst gleich herbei galoppierte ... den stadtbekannten dicken Schwerenöter lockte er mit gefälschten Liebesbriefen zu einem Stelldichein, wo er nur eine Tracht Prügel bekam ... und, und, und.
Ich kann ja gar nicht über all seine liebenswürdigen Eigenarten berichten, die mich verrückt machten. Und ich wurde wirklich verrückt, mit einem einzigen Lebensziel: Ihn zu haben und lebenslang an mich zu binden. Aber wie konnte ich - ein alterndes, gewöhnliches Mädchen - so etwas wünschen? Hatte ich keine Angst, dass sich die ganze Welt über mich empört? Dass er mich auslacht und verstösst? Ein einmaliger, besonderer Jüngling – der Kostbarste, der mir je vor die Augen gekommen war – und ich?
Dann starb mein Vater.
In der Trauerzeit, von seinen tröstenden Worten und Liebkosungen betört, wurde ich
seine Geliebte.
O mein Gott, wie oft habe ich von den gefallenen Mädchen gehört, die ihrer Familie Schande brachten! Wie oft mit Schaudern die Erzählungen von ihrem Elend und von deren armen Würmern gelauscht! Jetzt beging ich dieselbe unverzeihliche Sünde.
„Was wird aus mir?“, dachte ich, als meine Periode ausblieb. Meine Mutter durfte gar nichts merken; das ständige Weinen und mein düsteres Gesicht hatte sie vorläufig mit der Trauer um meinen Vater erklärt. Wie lange noch? Mir war klar, dass ich mir das Leben nehmen musste, ohne jemandem etwas zu sagen. Ihm etwas zu sagen, war ganz unmöglich. Ich liebte ihn ja so sehr, aber er war erst ein halber Mann, ohne Stelle, ohne Beruf, ohne gute Finanzen – sollte er sich so eine schwere Last aufladen, bevor er das eigentliche Leben antrat? Mir war er der Wichtigste auf der Welt, wichtiger als ich selbst. Aber wie war es bei ihm? Ich musste mir ehrlich gestehen, dass ich sein Leben nicht annähernd ausfüllen könnte. Das einzige, was mir blieb, Gott für jede zusammen erlebte Stunde dankbar zu sein. Das war es - nichts weiter.
Der Fluss. Ich wollte mich in den Fluss stürzen.
Einen Tag habe ich ausgewählt, wo wir uns nicht begegnen konnten, er war im Auftrag seines Vaters zu einem fernen Marktplatz gereist. Die letzten Herbstblumen hatte ich mit duftendem Rosmarin zu einem Kranz gebunden – zu welchem Zweck? Es war sinnlos, aber es hatte mich beruhigt. Ich wartete, bis der Lerchengesang über den Feldern aufhörte und der Abend nahte.
Ich zog für den letzten Gang mein Festtagskleid an und ging zur hohlen Weide.
Er war da.
Fast erstickt vor Verzweiflung, in Tränen aufgelöst, gestand ich ihm alles.
Sein geliebtes Gesicht verdunkelte sich; lange hatten wir geschwiegen.
„Ich heirate dich“, sagte er schliesslich mit ruhiger Stimme.
Wie könnte ich die Zeit danach erzählen? Wie könnte ich das Glück beschreiben, nachdem alles aussichtslos und das Leben schon aufgegeben war? Die Empörung meiner strengen Mutter wurde mit dem Heiratsantrag aufgefangen. Die Hochzeit musste schnell und einfach gestaltet stattfinden: wir waren ja im Trauerjahr. Er witzelte sogar, dass wir die Reste vom Leichenschmaus noch bei der Hochzeitstafel auftischen könnten. Das war natürlich Unsinn, weil alles schon längst aufgegessen! Aber eine Erklärung für diese Eile in der Verwandtschaft tat not; sie reagierten mit mildem Hohn und Spott; sie kicherten über den jungen Burschen, dem so ein Missgeschick widerfahren musste und über das alternde Mädchen, das auf diese Art zu einem Ehemann kam. Es war mir egal.
Nur er war mir wichtig. Dass er zu mir stand.
Ich dachte, Gott hat mich so reich beschenkt, wie ich es nicht erhoffen konnte; und jetzt kommt ein Leben im Glück wie nie zuvor auf der Erde.
Dann kam die Hölle.
Die erste Zeit war noch voll Freude und Aufregung: Die grossen Veränderungen in meinem Leben, die Schwangerschaft, die Vorbereitungen für die Niederkunft haben all meine Sinne und Kräfte in Anspruch genommen. Endlich, nach bangen Monaten, war ich von einem gesunden Mädchen entbunden worden. Ein Mädchen mit seinen Augen, mit seiner Hautfarbe, ein kleines Wunder! Er hatte es gleich geliebt.
Um mich kümmerte er sich kaum, das war ganz natürlich. Bei so vielen Frauenzimmern – Hebammen, Nachbarinnen, Kräuterweiber - weichen die Männer meistens aus. Aber in den kommenden ruhigeren Zeiten musste ich es wohl merken: Ich bedeutete ihm nichts mehr. Er hatte kein Interesse für mein Wohlbefinden; dass ich wieder zu Kräften kam, dass ich mich wieder über Kleinigkeiten freuen konnte, waren ihm nicht wichtig. Mein erster Spaziergang zu unserer Weide, der erste Blumenstrauss, den ich pflückte … ich erzählte ihm darüber, wie früher. Aber ich redete jetzt zu einer Wand, die nicht zuhörte. Sein Blick, sein wunderbarer, lebhafter Blick, der sonst so viel Zärtlichkeit ausstrahlte, erreichte mich nicht mehr – er huschte an mir vorbei, wie an einem Möbelstück, das zum Inventar gehört. Es war natürlich nicht gleich nach der Geburt so schlimm – aber es wuchs langsam und wurde immer unerträglicher. Erst wollte ich es nicht glauben, nach Ausreden gesucht und manche Erklärungen gefunden. Mit der Zeit musste ich aber das Entsetzliche einsehen. Es tat so weh, als das Leben selbst zu verlieren: Das Kind liebte er, mich nicht! Nicht mehr - oder vorher auch nicht …
War es nur die Gunst der Stunde, der Zauber der Jahreszeit? Mussten seine plötzlich auflodernden Gefühle und Triebe einen Gegenstand finden und nur ich war zur Stelle? Konnte ich ihm je etwas bieten?
Ich hatte ihn an mich gebunden – ich besass ihn aber viel weniger, als früher, bei unseren geheimen Treffen. Kein geteiltes Glück wartete auf mich, nur kalte Einsamkeit.
Nachts kam er sehr wohl in mein Bett; wenn er überhaupt da war. Aber er war immer öfters fort. Geschäfte für seinen Vater, für sich selbst, Reisen aufs Land, unterwegs mit Freunden,
die ihn auf krumme Touren lockten … was weiss ich?
Fragen konnte ich ihn kaum; er wich immer aus. Ich war ganz verbittert und zeigte es auch. Ich hoffte, er käme zur Besinnung und würde meine Schmerzen verstehen. Aber mein vorwurfsvolles Gesicht konnte er auch nicht leiden – er fühlte sich zu Hause nicht mehr wohl. Je trauriger ich wurde, umso schneller verschwand er wieder.
Das Gerede der Leute! Dass er strafbare Dinge mache, dass er mit der Behörde Schwierigkeiten bekam … Auch hatte ich fürchterliche Angst, dass seine Familie insgeheim noch immer dem alten Glauben anhing; ein Verwandter von ihm kam gerade wegen seiner Beziehung zu Katholiken ins Gefängnis! In solchen Fällen wurde ein Todesurteil schnell ausgesprochen; das Land war voll von Spitzeln, man konnte nicht vorsichtig genug sein.
Zwei Jahre nach der Geburt meiner Tochter wurde ich von Zwillingen entbunden, einem Mädchen und einem Knaben. Ich war sehr geschwächt und lange Zeit leidend. Ich sehnte mich verzweifelt danach, von ihm in die Arme genommen und geliebkost zu werden. Ich war allein, o wie allein, umgeben von schreienden Kindern!
Gütiger Gott, wie geht es weiter mit uns?
Dann sagte er es.
Dass er gedenke, für einige Zeit wegzugehen …
Dass es klug wäre, allerlei auszuprobieren, bevor er sich für einen Beruf entscheide … aber schlussendlich möchte er sich an eine Theatertruppe anschliessen …
Das war es. Vor Angst schlug mir das Herz bis zum Hals hinauf. Eine Theatertruppe! Hurerei, Zecherei, Sodom und Gomorrha, wo Männer es mit Männern treiben!
Sagen konnte ich nichts. Ich schaute ihn nur an, bis ich vor lauter Tränen nichts mehr sah.
Er ist jetzt seit einem Monat fort. Ich verrichte täglich meine Arbeit und pflege meine Kinder. Ich fühle mich wie eine Tote, die trotz alledem weiterleben muss. Meine einzige, wahre Liebe – werden wir je noch einmal von dir hören?
Anno Domini 1585, Stratford-upon-Avon