Die Frau des Bankdirektors
von Christine SylvesterDrittplatzierte des women´s edition Kurzgeschichten-Wettbewerbes 2008
Heute war genau der Tag, der später auf ihrem Totenschein als ihr letzter notiert werden sollte. Es war ein herrlicher Spätsommertag, an dem Sybille Lachmann voller fieser Pläne und ohne die Spur einer Vorahnung war. Sie jagte ihren teuren Sportflitzer über die Landstraße und genoss den Blick auf die sanften Braun- und Gelbtöne, die bereits auf den Feldern und in den Wäldern schimmerten. Im Radio dudelte irgendein belangloser Sommerhit, den sie schon tausendmal gehört hatte. Mit einer lässigen Handbewegung wechselte Sybille Lachmann den Sender, um auf fetzige Salsa-Rhythmen zu stoßen. Sie drehte das Radio etwas lauter und gab mehr Gas. Schließlich hatte sie noch viel vor heute. Sie stellte mit einem Blick auf die Uhr fest, dass sie sich besser beeilen sollte, ohne wirklich zu wissen, wie knapp die ihr verbleibende Zeit tatsächlich bemessen war. Sie konnte bereits in der Ferne die Häuser des nächsten Ortes erkennen. Zufrieden stemmte sie sich in den Sportsitz und ging erst kurz vor dem Ortsschild vom Gas. Sie lenkte ihren Sportwagen durch ein paar Seitenstraßen auf den Hof eines Automobilhändlers, der sogleich aus seinem verglasten Ausstellungsraum herbeieilte. Er half ihr mit einer betont galanten Geste aus dem Wagen und rief begeistert aus: „Meine Güte! Sie sehen selbst im Jogginganzug fantastisch aus!“
Sybille Lachmann lächelte. „Ich will nur schnell eine Runde drehen, bevor ich zum Tennistraining fahre…“
„Tennistraining? Sowas haben Sie doch gar nicht nötig“, verkündete der Autohändler strahlend. „Sie müssen doch jedes Match gewinnen! Sobald Sie den Platz betreten, achtet bestimmt kein Gegner mehr auf den Ball…“ Er deutete auf einen großen Geländewagen hinter sich. „Der ist startklar“, sagte der Autohändler und drückte Sybille Lachmann den Schlüssel in die Hand.
Sie zog möglichst beiläufig einen Kosmetikkoffer vom Beifahrersitz des Sportwagens. „Sehr schön! Ich denke, so in einer Stunde bin ich zurück.“
„Lassen Sie sich nur Zeit“, entgegnete der Autohändler strahlend.
Als sie mit dem Geländewagen vom Hof fuhr, sah sie ihn grinsend winken. „Was für ein Idiot“, murmelte Sybille Lachmann und steuerte den Wagen aus dem Ort und auf den nächstbesten Feldweg. Dann preschte sie mit dem großen Gefährt durchs Gelände, bemüht, keine Pfütze zu verfehlen. Zwischendurch hielt sie an und zog ihr Handy aus der Tasche. Zunächst schickte sie eine SMS an ihre Freundin Linda. Sie stellte das Gerät so ein, dass die Nachricht in genau 30 Minuten verschickt werden würde. Anschließend rief sie ihren Sohn an. Wie erwartet, war er nicht in der Uni, sondern zuhause und bereits am Vormittag sturzbetrunken.
„Papa ist gerade losgefahren, in die Bank.“ Hagen lallte leicht. „Da ist wohl wieder so ´ne wichtige Sitzung… Mama?“ Er klang weinerlich. „Mama, ich bin so alleine… Wann kommst´n du nach Hause?“
Sybille Lachmann schüttelte verärgert den Kopf. Hagen würde sich später kaum noch erinnern, wann sie angerufen hatte. Vermutlich würde er sich schon bald nicht mehr erinnern, dass sie überhaupt angerufen hatte. „Ich habe noch eine Verabredung und dann einen Friseurtermin“, sagte sie. „Zum Abendessen bin ich zurück.“
„Och…“ Hagen wirkte enttäuscht.
„Ja.“ Sybille Lachmann beendete das Gespräch und scheuchte den Geländewagen nach einem rasanten Start weiter durch Wald und über Feldwege. Nach zwanzig Minuten schlammiger Spritztour erreichte sie den Stadtrand. In wenigen Minuten war sie in der Innenstadt, parkte den Wagen in zweiter Reihe mit Warnleuchte vor dem Friseur und betrat schwungvoll, den Kosmetikkoffer in der Hand, den Salon. Nach einer kurzen Begrüßung verschwand sie mit entschuldigendem Achselzucken auf die Toilette. Dort zog sie einen unförmigen weißen Maleroverall aus dem Kosmetikkoffer und streifte ihn über ihren Jogginganzug. Mit einem Basecap fixierte sie die weiße Kapuze auf ihrem Kopf, zog sich Handschuhe an, stopfte den Rest ihrer Utensilien aus dem Köfferchen in eine leichte Umhängetasche und schlüpfte flink durch das Toilettenfenster in den Hof. Sie sah sich kurz um und betrat das angrenzende Gebäude durch den Hintereingang. Beinahe wäre sie über einen Putzeimer gefallen, der im Weg stand. Dann zog sie eine Gasmaske aus der Tasche und über ihr Gesicht und rannte mit gezücktem Revolver in den Schalterraum der Bank. Ohne ein Wort zu sagen zerschoss sie die beiden Überwachungskameras und ließ sich von der entsetzten Kassiererin die Tasche füllen. Kaum zwei Minuten später hatte sie das Bankgebäude bereits wieder verlassen und erreichte mit einem eleganten Schwung durch das Fenster die Toilette des Friseursalons, als sie schon den Alarm aus dem Bankgebäude hörte. Schnell entledigte sie sich ihrer Verkleidung und ließ sich auf der Toilette nieder. Sie inspizierte den Abfalleimer für Hygieneartikel: Der Müllsack war blitzblank. Also öffnete sie den Eimer und stopfte die Tasche mit dem Geld dort hinein. Dann drapierte sie den Müllsack möglichst unauffällig darüber. Sie ließ sich ein paar Minuten Zeit, um dann mit gequältem Gesichtsausdruck die Toilette zu verlassen. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie zu ihrer bereits wartenden Friseurin. „Ich glaube, ich habe etwas Falsches gegessen.“ Sybille Lachmann rieb sich den Bauch. „Ich komme ein andermal wieder“, versprach sie. „Ich brauche unbedingt eine neue Frisur.“ Als Stammkundin ließ man sie ziehen und versprach, ihr jeden nötigen Termin freizuhalten. Schließlich verbrachte Sybille Lachmann einmal wöchentlich mehrere Stunden hier und ließ sich auch beim Trinkgeld nie lumpen.
Sie sprang in den Geländewagen, drehte noch eine gemütliche Runde um den Marktplatz und beobachtete, wie mehrere Polizeiwagen vor dem Bankhaus hielten. Dann lenkte sie den Wagen aus der Innenstadt hinaus auf die Bundesstraße. Es hatte inzwischen zu nieseln begonnen, doch die Spätsommersonne tauchte Wälder und Felder in sanftes Licht und zauberte einen zarten Regenbogen an den Horizont. Sybille Lachmann grinste bei dem Gedanken daran, dass Linda jetzt ihre SMS erhalten musste. Vermutlich hatte ihre Nachricht Lindas Schäferstündchen abrupt gestört. Sie musste ihr „Ich bin gleich bei dir“ unbedingt ernst nehmen… Sybille Lachmann parkte den Geländewagen beim Autohändler, ließ den Schlüssel stecken und verabschiedete sich eilig. Mit ihrem Sportwagen flitzte sie vom Hof, hinaus aus dem Ort und zurück über die Landstraße. Ihr Blick fiel auf den Kosmetikkoffer. Sie grinste schief und beglückwünschte sich zu ihren Plänen. Dann hielt sie vor einer Pension.
Als sie eintrat, war der kleine Empfang wie immer nicht besetzt. Sie nahm sich den Schlüssel von Zimmer 10, obwohl sie ihn nicht brauchte. Ronny erwartete sie bereits. Er trug einen Kimono am Körper und ein dreckiges Grinsen im Gesicht. Sie versuchte jedes Gespräch mit ihm zu vermeiden, was nicht allzu schwierig war. Nach etwa zwanzig Minuten durchschnittlichem Sex verschwand Ronny im Bad und Sybille Lachmann aus dem Pensionszimmer. „Vielleicht sollten wir uns mal wieder auf dem Tennisplatz treffen“, rief Ronny ihr über den Flur nach. „Deinem Mann könnte es auffallen, dass du trotz der vielen Trainerstunden keine Fortschritte im Tennis machst…“ Sybille Lachmann winkte ab und verließ die Pension. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Nun musste sie schnell zu ihrer Freundin Linda fahren.
Als sie ihren Sportflitzer vor dem Hochhaus parkte, gewahrte sie in einer Seitenstraße die Limousine ihres Mannes. Sie seufzte, betrat das Hochhaus und bestieg, den Kosmetikkoffer in der Hand, im Erdgeschoss den Aufzug, der direkt in Lindas Penthouse im achten Stock führte. Zufrieden bemerkte Sybille Lachmann, dass Linda sie gequält anlächelte. Dann schien sie jeden Blickkontakt mit ihr zu vermeiden. „Wie armselig“, schoss es Sybille Lachmann durch den Kopf. Wo doch das Aftershave ihres Mannes noch in der Luft hing. „Hier, dein Kosmetikkoffer.“ Sie stellte das Köfferchen auf dem Tisch ab und spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, einfach den Revolver herauszunehmen und Linda zu erschießen. Doch dann zog sie stattdessen eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und ließ sich betont langsam in einem der Sessel nieder. Sie zog eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie mit bedächtigen Bewegungen an. Sybille Lachmann musterte Linda mit einem langen Blick von oben bis unten. Sie sah wirklich alles andere als taufrisch aus, wie sie da so mit aufgelöster Frisur und unangenehm unentschlossen mitten im Raum stand. Ein zartes Rosa überzog ihre stark ausgeprägten Wangenknochen. Lindas Blick flackerte unruhig. Sybille Lachmann sog an ihrer Zigarette und schüttelte unwillkürlich leicht den Kopf. Es war ihr vollkommen schleierhaft, was ein Mann an Linda finden konnte… Sie blies den Rauch abfällig durch die Nase.
„Könntest du…?“ Linda fuhr sich fahrig durch die ungeordneten Haare. „Ich meine, kannst du wohl draußen…“ Sie räusperte sich und schien sich gegen ihre offensichtliche Verlegenheit zu stemmen. „Rauch doch bitte draußen auf der Dachterrasse, ja?“
Sybille Lachmann grinste süffisant. „Na, dann gehe ich mal auf die Terrasse“, sagte sie und stieß sich ruckartig vom Sessel ab. Sie ging betont langsam hinaus. „Ich bin gleich wieder bei dir, meine Liebe…“ Sybille Lachmann lehnte sich über die Brüstung und sah ihren Mann eilig das Haus verlassen und hinüber in die Seitenstraße laufen. Seine Bank wurde überfallen, und er bekam es als Letzter mit… Sybille Lachmann zog heftig an der Zigarette. Plötzlich hörte sie Linda hinter sich. Gerade, als sie sich mit einem gehässigen Grinsen umdrehen wollte, wurden ihre Beine ergriffen und in die Höhe gerissen. „Hey!“ rief sie, als sie auch schon über der Brüstung der Dachterrasse hing. Sie riss die Arme hoch, bekam jedoch nichts zu fassen. Alles schien sich um sie herum zu drehen. Sie hörte einen schrillen Schrei. War das ihre Stimme? Dann brauste es schauerlich in ihren Ohren. Wolken, Büsche und Fenster sausten in irrer Geschwindigkeit um sie herum. Grün, dann Schwarz. Ohnmacht. Aufprall. Finsternis.
Als ein Arzt bald darauf das heutige Datum in ihren Totenschein eintrug, fand man einige Meter entfernt im Gras ihre glimmende Zigarette. Und während man Linda wegen Mordes verhaftete und bei ihr entscheidende Beweismittel für den Banküberfall fand, schrubbte der Autohändler verärgert den Schlamm von seinem Geländewagen. Diese Frau des Bankdirektors meinte doch tatsächlich, sich alles rausnehmen zu können.
Der neue Friseur-Azubi allerdings, der zu seinem Leidwesen am Abend die Toilette putzen musste, freute sich als er am Ende seines ersten Arbeitstages im Toiletteneimer 20.000 Euro fand. Er freute sich allerdings nicht lange darüber, denn noch vor Sybille Lachmanns Beerdigung, wurde er als Komplize einer Frau festgenommen, die er noch nie zuvor gesehen hatte: Linda, der ihr geliebter Bankdirektor in seiner Vernehmung das Schäferstündchen-Alibi verweigerte. Genau in jenem Moment, als Direktorsohn Hagen im Vollrausch mit dem Sportflitzer seiner Mutter von der Landstraße abkam und nach einem lauten Knall nur noch dieser belanglose Sommerhit aus dem Autoradio dudelte. „Mama…“, wimmerte er, kurz bevor der Sportwagen in Rauch aufging.
Der Bankdirektor quittierte bald nach der Beerdigung seiner Frau den Dienst. Man findet ihn inzwischen meist auf dem Tennisplatz mit seinem guten alten Freund und Tennistrainer Ronny.