Schon groß
von Torsten Schunk
Zweitplatzierter des women´s edition Kurzgeschichten-Wettbewerbes 2008

Frank hört die Gartenpforte ins Schloss fallen. Durch die Scheibe, die von seinem Atem beschlagen ist, erkennt er den Vater, der hinüber zur Garage geht. Es ist dunkel draußen. Frank presst die Stirn ans Glas. Er beobachtet, wie der Vater den Wagen heraus fährt und unter der Laterne parkt. Der Vater steigt aus, schließt das Garagentor, setzt sich zurück in den Wagen und wartet. Kurz nur, dann kommt die Mutter. Sie hüpft die Treppe hinunter, flitzt über die Straße, die Hände in Schulterhöhe, der Mantel geschlossen. Sie steigt ein. Vorsichtig hält sie den Saum ihres Kleides. Wie eine Prinzessin, denkt Frank, als der Wagen davon braust.

Er ist neun und schon ein großer Junge. Jedenfalls sagt das die Mutter immer. Frank findet zwar, dass er ziemlich klein ist für sein Alter, in der Schule sagen sie Knirps zu ihm, dennoch macht es ihn stolz, wenn es die Mutter sagt. Heute darf er das erste Mal allein bleiben, weil die Eltern ausgehen. Frank weiß, dass er keine Angst zu haben braucht. Er hat es der Mutter versprochen. Schließlich ist er schon groß. Zum Beweis hat er für alle den Kaffeetisch gedeckt und wieder abgeräumt, er hat sein Zimmer gesaugt und die Hausaufgaben für Montag erledigt.

Frank blickt zur Uhr. Es ist Viertel nach acht. Er öffnet die Spielzeugkiste und zieht das Halfter raus. Er schnallt es um, greift nach der Pistole, lädt sie mit einer Rolle Zündplättchen und schiebt sie zurück ins Halfter. Dann geht er in die Küche und nimmt den Schlüssel vom Bord. Er steckt ihn in die Wohnungstür, schließt auf und zweimal ab. Er horcht. Still ist es.

Um halb sechs hatten die Eltern zu streiten begonnen. Frank hatte schon darauf gewartet, denn die Eltern stritten sich jeden Tag. Der Vater sagt, das kommt davon, dass die Mutter einen Ordnungsfimmel hat.
Frank findet auch, dass die Mutter sehr streng ist. Wenn er mal sein Zimmer nicht aufräumt, darf er am Wochenende nicht fernsehen oder muss Seiten aus seinem Deutschheft abschreiben. Einmal musste er einen halben Tag lang im Keller Strafestehen, weil er sein Fenster mit Fingerfarbe bemalt hatte. Und wenn er schlechte Noten kriegt, dann tut die Mutter so, als wäre er nicht da oder schickt ihn ohne Essen ins Bett und so. Frank hat auch schon gesehen, wie sie die Autoschlüssel des Vaters im Garten vergraben hat. Und letztes Jahr, als der Vater auf Dienstreise war, hat die Mutter eine große Ladung Schotter bestellt und vor der Garage abschütten lassen, weil er am Abend nicht angerufen hatte. Der Vater brauchte einen ganzen Sonntagvormittag, um die Ausfahrt frei zu schaufeln.

Wenn die Mutter schimpft, dann ist es wie ein Nasenbluten, das nicht aufhören will. Meist schimpft sie auf die Arbeit des Vaters. Der verkauft nämlich Versicherungen. Und obwohl er immer sagt, dass er „gutes Geld“ damit verdient, spricht die Mutter schlecht von seiner Arbeit.
„Du und deine Scheiß-Versicherung“, sagt sie oft. Der Vater wird dann ernst und zählt auf, was er alles von seinem „Scheiß-Versicherungsgehalt“ bezahlt. Aber die Mutter lässt sich davon nicht beeindrucken.
Frank glaubt, dass es an den schicken Frauen liegt, mit denen der Vater zusammen arbeitet. Deshalb mag die Mutter die Arbeit des Vaters nicht. Manchmal verreist er sogar mit ihnen - einmal bis nach Spanien, zu einer Auszeichnungsreise. Deswegen gab es großen Krach.
„Weil du krank bist vor Eifersucht!“, wirft der Vater ihr vor, wenn sie sich zanken. .
Die Mutter glaubt, sagt der Vater, dass ihm andere Frauen besser gefallen als sie. Dabei findet Frank die Mutter sehr hübsch. An manchen Tagen sieht sie aus wie die Frauen in den bunten Zeitschriften, die sie regelmäßig kauft. .
Vor allem auf eine Frau scheint die Mutter eifersüchtig zu sein. Frank kennt ihren Namen nicht. Die Mutter sagt jedes Mal diese Frau zu ihr. .
„Wenn diese Frau auch kommt, bleibe ich zu Hause!“ .
Der Vater hat sich Rasierwasser ins Gesicht gespritzt und geschwiegen. Sonst schüttelt er den Kopf und brüllt zurück oder knallt mit den Türen.

Frank wünscht sich, die Eltern würden nicht so oft miteinander streiten. Er denkt an ihre zornverzerrten Gesichter und an die Worte, die sie brüllen. Einmal hat er gesehen, wie die Mutter mit Fäusten auf den Vater losgegangen ist. "Ich bring dich um", hat sie gebrüllt. Frank will gar nicht daran denken. Damals haben die Nachbarn die Polizei gerufen, weil es so laut war. Und das, obwohl alle Fenster und Türen zu waren. Manchmal findet er, dass die Mutter merkwürdige Dinge tut. Zum Beispiel hat er sie beobachtet, wie sie im Schlafzimmer vor der Frisierkommode saß und mit sich selber redete. Sie sagte Sachen wie: "Das ist der Lohn" oder: "Was hab ich bloß getan.“ Und dann, mit einem Mal, drückte sie das Gesicht in die Hände und begann zu weinen. Er hatte in den Spiegel gesehen und gewartet, dass die Tränen zwischen ihren Fingern hervorkrochen, und er war ganz überrascht, als sie die Hände vom Gesicht nahm und ihre Augen trocken waren als wäre nichts gewesen. .
An manchen Tagen, wenn sie miteinander streiten, stellt er sich zwischen sie. Er hält dann seine Ohren zu und schließt die Augen. Und er hofft, dass sie sich schämen und ihren Streit beenden. Nur heute hatte er das nicht gehofft.

Er geht in jedes Zimmer, zieht die Vorhänge zu, schaltet im Wohnzimmer den Fernseher an und macht Licht. Zurück in der Küche, setzt er sich auf die Eckbank. Überall funkelt es: die Töpfe und Schüsseln, die messingfarbenen Knäufe, das lackierte Wachstuch auf dem Tisch, der verchromte Wasserhahn. Ihm ist ganz flau im Magen, weil er an den Einbrecher aus dem Fernseher denkt. Ob er weiß, dass er allein ist? Ob er das Haus beobachtet? Ob er einen Plan hat? Frank erinnert sich an die Einbrecher, die er kennt - den fiesen Ruffus aus der Serie "Albert und seine Cola KG" zum Beispiel. Ja, mit dem würde er fertig werden, der ist viel kleiner als er, und außerdem ist er nur eine Zeichentrickfigur. Oder die Panzerknackerbande aus den „Ducktales“. Die sind zwar zu dritt, aber wenn es einem zu bunt wird, könnte man sie wegradieren. Dann wäre Schluss mit dem Spuk. .
Einmal durfte er mit dem Vater "Aktenzeichen XY" gucken. Da gab es einen echten Einbrecher zu sehen, mit Mütze und Bomberjacke, der sogar Menschen umgebracht hat. Der jedenfalls hatte einen Plan. .
Er überlegt: Wäre er der Einbrecher, würde er durch die Küchentür kommen. Oder durch eines der Fenster. Vielleicht das im Bad, vor dem der Essigbaum steht? Frank läuft ins Bad, prüft den Fenstergriff, schleppt Töpfe und Teller herbei und stapelt sie auf der Fensterbank. Dann verschließt er die Tür und dreht den Schlüssel quer. Er geht in den Korridor, schiebt die Truhe in die Küche, hebt sie an und stellt sie auf den Absatz vor die Badezimmertür. Dann setzt er sich zurück auf die Bank. Er hat Herzklopfen. Im Wohnzimmer flackern die Fernsehbilder. Er steht auf und schmiert sich ein Marmeladenbrötchen. In der Deckenlampe hat sich eine Motte verirrt. Er sieht, wie sie abwechselnd gegen den Schirm und die Glühlampe stößt. Er lässt das Brötchen liegen und geht in sein Zimmer. Zwischen Bett und Schreibtisch bleibt er stehen und zieht die Pistole. Er streckt den Arm und zielt auf den Holzkasper, der an der Wand über dem Schreibtisch hängt. Er drückt ab. Er riecht den Schwefelgeruch, der aus der Pistole steigt. Wieder muss er an den Einbrecher denken. Er spürt die Hitze in seinen Wangen. .
Er schlüpft ins Bett und stellt sich schlafend. Was die Eltern wohl tun? Er sieht einen Tanzsaal vor sich, Knäuel von Menschen. Sie tuscheln und trinken Sekt. In der Mitte des Saales, da, wo die Kapelle spielt, erkennt er die Eltern. Sie tanzen. Er sieht wie die Mutter lacht, ihre wehenden Haare. Er wird ärgerlich. Er ballt die Fäuste und schlägt auf die Matratze ein. Er dreht und wälzt sich. Dann, ganz plötzlich, hält er inne und lauscht. Nur Schatten und Stimmengewirr. Er steigt aus dem Bett. Vorsichtig, auf Zehenspitzen, stelzt er durchs Zimmer, streckt den Hals in den Korridor, wischt ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher aus. Er zählt die Schritte, die er braucht, um in den Korridor zu gelangen. Er rennt los. Er streift die Couch, stößt sich an der Heizungsverkleidung im Korridor, wirft einen Blick auf das Telefon und erreicht sein Zimmer. Er springt ins Bett, kriecht unter die Decke und zieht sie über den Kopf. Er liegt bewegungslos, ohne zu atmen. Wie ein Stück Holz liegt er da und denkt: Wenn ich schweige, wird mich der Einbrecher nicht finden. Er kneift die Augen zu. Er wünscht sich, er könnte einschlafen. Er zählt zweimal bis zwanzig. Dann reißt er die Decke hoch und holt tief Luft. Er friert. Sein Blick wandert von der Tür zum Schrank, vorbei am Simpsonsposter und weiter zu seinem Schreibtisch. Er spürt, wie die Angst ihn vergiftet, wie die Wohnung hässlich wird, die Teppiche mit ihren eckigen Mustern, die holzgetäfelte Decke, die geschwungenen Messingbeschläge an der Tür. Er nimmt das Stoffgürteltier, das neben seinem Kissen liegt und presst es unter sein Kinn. Er spürt die Tränen, die in ihm aufsteigen. Schon füllen sich die Augen. Er schluchzt, erst leise, mit erstickter Stimme, dann laut und ungehemmt. Solln sie es doch hören, denkt er und sieht die Eltern vor sich. Ihm ist, als würden seine Gedanken wegfliegen, wie Vögel, auf die jemand schießt, als er ein Knarzen hört, ein Ächzen, wie von einer Diele, auf die jemand tritt. Wieder hält er den Atem an. War da ein Schatten, der durch den Flur huschte? Ein Arm, eine Schulter? Er reibt sich die Augen. Das Herz bleibt ihm stehen. Er wird mich durchschneiden, denkt er und im Wald vergraben oder in den Weiher werfen, hinter der Neubausiedlung. Er betet. Er faltet die Hände unter dem Deckbett und wartet.

Draußen hält ein Wagen. Er sieht den Lichtkegel, hört eine Tür schlagen, dann fährt der Wagen an. Frank wühlt sich aus dem Deckbett und springt zum Fenster. Er drückt das Gesicht an die Scheibe. Mit den Händen schirmt er die Augen ab und beobachtet, wie die Schlusslichter verschwinden. Das Fenster beschlägt von seinem Atem. Er wischt es frei und sucht die Eltern. Vergeblich. Er schleicht zurück, bleibt stehen und schaut zur Tür. Ihm ist schwindlig. In seinen Ohren rauscht es. Er muss pullern. Er denkt an das Knarzen im Flur und an die zugestellte Badtür. Er fängt an, mit den Zehen zu wackeln. Er sieht sich um nach einer leeren Flasche oder einem Glas, als er den warmen Strom spürt, der an seinem Schenkel herunter läuft. Er drückt eine Faust an die Lippen und beißt sich in den Zeigefinger. Er hört Schritte, dann das Stochern eines Schlüssels in der Wohnungstür. Frank humpelt in den Korridor und blickt durch den Spalt zwischen Vorhang und Küche. Er sieht, wie sich die Wohnungstür öffnet und der Vater reinpoltert. Er ist betrunken. Er wirft das Schlüsselbund auf den Küchentisch, wankt zur Spüle und erbricht sich. Frank atmet tief durch. Auf Zehenspitzen läuft er durchs Zimmer. Er hüpft ins Bett und versinkt in der Matratze. Er hört das Würgen des Vaters, das Fließen des Wassers, das Trinken und Rülpsen und wieder das Würgen, wie Musik klingt es in seinen Ohren, als es einen Schlag macht, schmatzend wie ein Spatenstich. Für einen Moment ist es still. Dann fällt etwas polternd zu Boden. Er hört ein Schnaufen, dann ein Röcheln, bis es wieder still wird. Nur der Wasserhahn läuft. Franks Herz rast wie eine U-Bahn. "Ich schieße", flüstert er und fasst nach der Pistole. Jemand stellt das Wasser ab. Frank bekommt Gänsehaut. Die Hose klebt kalt an seinen Schenkeln. "Ich schieße", flüstert er. Er spürt die Pistole in seiner Hand, umklammert sie, spannt den Hahn, und einen Augenblick lang denkt er, dass er schon groß ist. Ganz groß!