Wer zuletzt lacht
von Anna Schneider
Gewinnerin des women´s edition Kurzgeschichten-Wettbewerbes 2008

Opfer Nummer eins: Edith Ankerst, 25 Jahre, blond, zierlich, unverheiratet. Kommissar Niemayer vergrub die Hände in seinen Haaren und starrte frustriert auf die vergilbte Schreibtischoberfläche. Er wurde sie nicht los, die Bilder von der hübschen, jungen Frau, die, tot in einem Sessel sitzend, in ihrer Wohnung an der Wittelsbacher Straße gefunden worden war. Ihre Haltung, das penibel aufgeräumte Appartement, nichts, aber auch gar nichts hatte zunächst auf ein Gewaltverbrechen hingewiesen. Die Kollegen von der Streife, die ein Nachbar wegen des üblen Geruchs aus der Wohnung anrief, hatten erst bei näherem Hinsehen die Male am Hals entdeckt, die zeigten, dass die Frau erwürgt worden war. Gerade die scheinbare Normalität des Tatorts, die Art, wie der Mörder seine Grausamkeiten tarnte, machte diese Verbrechensserie für den Kommissar weitaus erschreckender als alle bisherigen, die er kannte. Dazu die Ergebnisse der Obduktion: Die Bauchdecke war post mortem geöffnet, Darmschlingen waren entfernt und dann alles ausgesprochen professionell wieder zugenäht worden. Soweit nicht ungewöhnlich für einen Serienmörder. Rätsel gaben vielmehr die Dinge auf, die an Stelle der Innereien in der leeren Bauchhöhle steckten: ein Gürtel und ein Pinsel. An ersterem fanden sich Hautschuppen des Opfers, er hatte der blonden Frau also sozusagen die Mordwaffe nach ihrem Tod, einverleibt. Was der zweite Gegenstand zu bedeuten hatte – hier standen die Ermittler weiterhin vor einem Rätsel.
Die Tür zum Büro flog auf und Niemayers Kollege Jörg Eisen kam mit einem kleinen Päckchen in der Hand herein.
„Was ist das denn hier? Machst Du ein Nickerchen?“ witzelte er und warf seinem Kollegen das kleine Bündel auf den Schreibtisch.
„Es will mir einfach nicht in den Kopf, was der Mann uns sagen will. Hinter dieser Inszenierung muss doch ein Sinn liegen! Ich werde noch verrückt über diesem Fall.“
„Jetzt reg Dich doch nicht gleich auf! Lass uns noch lieber noch einmal alles ganz genau durchgehen, Arndt.“ schlug sein Kollege vor.
„Zum wievielten Mal denn noch? Ich sage Dir, diesen Fall werden wir nie lösen. Der Kuckuck ist einfach zu raffiniert. Und wir stehen da wie die Esel. Seit fast zwölf Monaten suchen wir nun schon und wir finden nicht den kleinsten Anhaltspunkt. Nichts. Jede Spur, die wir verfolgen, läuft binnen kürzester Zeit ins Leere. Ich verstehe nicht, wie Du immer noch so motiviert sein kannst“ schrie er seinen Kollegen an. Es war das erste Mal in seiner fast 25jährigen Laufbahn, dass er die Hoffnung auf die Lösung eines Falles völlig verloren hatte. Und gleichzeitig sagte ihm sein Instinkt, dass es weitere Tote geben würde – und er wollte und musste das verhindern.
„Aber es gibt kein perfektes Verbrechen. Nun komm schon Arndt, beruhige dich. Wir gehen einfach alles noch einmal durch.“
Niemayer seufzte. „Du hast Recht. Also alles noch einmal von vorne.“ Er stand auf und ging zu den Pinnwänden, auf denen die Fotos der fünf Tatorte hingen. Fünf Tatorte, in unterschiedlichen Stadtteilen Frankfurts, unterschiedlichen Milieus, die sich aber dennoch ähnelten: Obwohl alle Opfer Spuren aufwiesen, die von Zweikämpfen herrührten, waren die Wohnungen blitzblank und ordentlich, die Opfer komplett bekleidet und in einer scheinbar normalen Position aufgefunden worden. Kein Hinweis deutete auf ein sexuelles Mordmotiv hin. Stattdessen hatte der Mörder allen Frauen ein Andenken hinterlassen: Das zweite Opfer, das erschossen wurde, trug eine Pistole und eine Pinzette in sich. Und auch den drei anderen hatte der Kuckuck das Mordinstrument und einen weiteren Gegenstand einverleibt: ein Küchenmesser und ein Kamerachip, eine Flasche mit Badewasser und ein Paar Latexhandschuhe, sowie beim letzten Opfer, das man erst vor acht Wochen gefunden hatte, eine Giftspritze und eine Spielzeugpolizeipistole.
„Wofür stehen nur diese verdammten Symbole. Der will sich doch über uns lustig machen. Und wie pervers muss man eigentlich sein, um sich Darmschlingen als Souvenir mitzunehmen?“
Die beiden Ermittler hatten noch nie so wenige Anhaltspunkte gehabt: die Opfer waren zwar alle weiblich, aber abgesehen davon gab es keine Übereinstimmungen oder Besonderheiten, die sie auf die Spur des Täters hätten bringen können. Niemand hatte etwas bemerkt, die Suche im Umfeld der Opfer blieb ohne Ergebnis. Selbst das Material, das er zum Nähen der Wunden benutzt hatte, war einfaches Klinikmaterial, das man überall bekommen konnte. Der Mörder machte einfach keine Fehler, die zu seiner Ergreifung oder wenigstens in seine Nähe geführt hätten. Jörg Eisen rückte seine runde Nickelbrille zurecht. „Ich weiß wirklich nicht, was bei diesem Fall mit dir los ist, Arndt. Du bist völlig negativ. Du gibst doch sonst nie auf!“
„Ich weiß es ja selbst nicht.“ Und das war die Wahrheit. Er fühlte sich, als stünde er in einer Sackgasse. Das einzige, was er instinktiv spürte, war, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Das nächste Opfer würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn bisher hatte der Mörder pünktlich wie ein Uhrwerk alle zwei Monate zugeschlagen. Und diese Frist lief heute ab.
Plötzlich hörten sie leise Beethovens Unvollendete. „Was ist denn das?“ Niemayer schaute seinen Kollegen genervt an. „Wieder einen nervigen, neuen Klingelton gefunden, Jörg?“
„Quatsch, Mann. Das scheint aus dem Päckchen zu kommen.“
Kommissar Niemayer öffnete den Pappdeckel des Päckchens, dem er bislang keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte und fand darin tatsächlich ein Handy, das unablässig klingelte. Die Rufnummernanzeige versetzte ihn augenblicklich in nervöse Anspannung: Kuckuck. Ein Scherz? Hastig hielt er seinem Kollegen das Display hin und nahm den Anruf entgegen.
„Hallo, ihr wisst, dass ich es bin. Fahrt bitte in die Ginnheimer Straße 29b in die Wohnung von Brigitte Rau. Um 16.00 Uhr findet ihr dort meine letzten Opfer. Und: Schade, dass Ihr nicht drauf gekommen seid. Ich hätte es dir zugetraut, Arndt.“ Bevor er reagieren konnte, hatte der Kuckuck das Gespräch bereits unterbrochen.
„Scheiße, was war das denn?“ Niemayer schaute auf die Uhr. Das war in etwas mehr als einer Stunde!
„Ich schicke sofort Kollegen aus Bockenheim hin, die können in ein paar Minuten dort sein. Vielleicht kriegen die ihn noch, bevor etwas passiert.“ Jörg Eisen war schon am Telefon.
Warum informierte der Mörder sie vorher über seine Tat? Warum wich er nach so langer Zeit von seinem Schema ab? Warum sollte es das letzte Opfer sein? Und hatte er nicht in der Mehrzahl gesprochen? Fragen über Fragen rasten durch Kommissar Niemayers Kopf. Irgendetwas stimmte hier nicht. Und warum duzte der Kerl ihn überhaupt? Aber diese Fragen würden warten müssen. Es galt, weitere Morde zu verhindern.
Nach wenigen Minuten waren sie schon unterwegs, Richtung Bockenheim, wie immer um diese Zeit mit zähfließendem Verkehr, dem auch das Blaulicht auf der engen Straße wenig anhaben konnte. Es war ein ungewöhnlich warmer Tag im Spätoktober. Kein Tag für einen Mord.
„Woher kam überhaupt das Päckchen?“
„Ist beim Empfang abgegeben worden und war an Dich adressiert. Hab´s einfach mit hoch genommen. Hatte mir nichts weiter dabei gedacht.“
Arndt Niemayer konnte die Spannung kaum ertragen, obwohl sie nur noch wenige Minuten vom Tatort entfernt waren. Aber er wurde auch das dumme Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas verkehrt lief.
Als sie in die Hofeinfahrt einbogen, die schon von Polizeiwagen und Kollegen wimmelte, sahen sie bereits an deren Gesichtern, dass sie offenbar zu spät gekommen waren. Die Frau, eine 35jährige hübsche Bankerin war schon tot. Und auch die Suche nach dem Täter war bislang ohne Erfolg.
„Der verarscht uns doch!“ brüllte Arndt Niemayer. „Das kann doch alles nicht sein. Jungs, befragt alle im Block gegenüber. Da muss doch einer was gesehen haben. Die Wohnung liegt hier doch praktisch auf dem Präsentierteller. Jeder von den Appartements gegenüber kann doch ungehindert in die Wohnung gucken. Ich will, dass ihr hier jeden Stein umdreht.“
„Und ich ruf schon mal die Jungs von der Spurensicherung, den Fotografen und den Gerichtsmediziner.“ Jörg Eisen war genauso frustriert wie sein Kollege.
Die beiden machten sich alleine auf den Weg ins Appartement. Ihr Blick fiel gleich auf Brigitte Rau, die auf ihrem schwarzen Ledersofa ausgestreckt lag. Auf den ersten Blick ließ sich die Todesursache nicht feststellen.
„Wann hat der Gerichtsmediziner gesagt, will er hier sein?“ Niemayer ging langsam durch die Wohnung in der noch vor ganz kurzer Zeit der Mörder gewesen sein musste. Er bildete sich beinahe ein, ihn noch zu riechen.
„In einer halben Stunde, wenn es gut läuft. Bei dem Verkehr braucht er wahrscheinlich noch ein bisschen länger. Was denkst du, Arndt?“
„Wieso hat er uns eine falsche Zeit genannt? Und hier ist nur ein Opfer.“
„Entweder er führt uns vor, oder…“
„Ich weiß, was du sagen willst: Er ist noch hier und plant einen weiteren Mord!“ Das war es!
Niemayer rannte aus der Wohnung und erklärte seinen Kollegen draußen die Situation. Sie brauchten Verstärkung, die das Gebäude sowie die Umliegenden absuchten. Eile war geboten, denn im Hof des Nachbarhauses hatten sich schon einige Schaulustige versammelt, die ein schnelles Eingreifen behinderten. Er besprach kurz mit dem Einsatzleiter das Vorgehen. Es ging darum in kürzester Zeit so effektiv wie möglich zu sein.
Währenddessen ging Jörg Eisen auf der Suche nach etwas Entscheidendem immer wieder durch die drei hübsch eingerichteten Zimmer des Appartements. Er fragte mit Blicken die beiden Männer von der Spurensicherung, die mittlerweile begonnen hatten den Tatort mit Graphitpulver zu bearbeiten und mit der Pinzette etwaige Haare und Fasern einzusammeln. Aber auch diese schüttelten nur resigniert den Kopf. Wie immer hatte der Kuckuck ganze Arbeit geleistet und die Wohnung vollkommen gereinigt hinterlassen. Und wieder würden die Personen, die das Opfer kannten, keinerlei Übereinstimmungen oder Verbindungen aufweisen.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als der Gerichtsmediziner Ernst Meinard zusammen mit Kommissar Niemayer die Wohnung betrat. Wie immer wirkte ersterer so Mitleid erregend blass und betroffen beim Anblick der Leiche, dass Jörg Eisen sich zum wiederholten Male fragte, wieso Meinard eigentlich diesen Beruf gewählt hatte. Aber er war dennoch einer der Besten und überaus versiert in allem, was er tat. Niemayer und Eisen unterrichteten ihn kurz über die Geschehnisse, während er sich zu Brigitte Rau hinunter beugte und begann, sie oberflächlich zu untersuchen.
„Kannst du schon irgendwas feststellen?“ fragte Arndt Niemayer ungeduldig. Er hasste die schweigsame, gründliche Art, mit der der Kollege seine Arbeit verrichtete, heute ganz besonders.
„Nein. Aber den kleinen Einstich beim letzten Mal konnten wir ja auch kaum sehen“ erinnerte er. „Da werden wir wohl auf die Obduktion warten müssen.“
„Aber Ernst, uns läuft die Zeit weg! Vielleicht ist er noch hier und ermordet eine weitere Frau. Immerhin hat er am Telefon von mehreren Opfern geredet. Kannst du sie nicht hier aufmachen? Vielleicht sagen uns ja diesmal die Symbole etwas.“
„Du meinst hier, jetzt? Das geht doch nicht!“
„Ernst, bitte! Der Fotograf ist hier fertig. Und wenn du willst, kann er alles, was du tust im Bild festhalten. Sonst sind doch nur noch die beiden von der Spurensicherung hier und die stören uns sicher nicht. Bitte!“
Ernst Meinard wich nicht gerne von seinem normalen Vorgehen ab. Die Sorgfalt war das, worauf es in seinem Beruf ankam. Das ordentliche Wiegen von Organen und die genaue Schau der Personen, die aus dem Leben geschieden waren, gaben oft erst den entscheidenden Hinweis auf die Art ihres Todes. Doch sich mit Arndt Niemayer anlegen, das war nichts, was seinem zurückhaltenden Naturell entsprach. Und er spürte schon seit einigen Wochen die zunehmende Frustration des Kommissars, weil sie in diesem Fall keine Fortschritte machten. „Na, in Ordnung. Ich verstehe dich ja. Aber ich möchte, dass Du weißt, dass ich lieber erst alles ordentlich mit dem Röntgengerät…“
„Ich weiß, aber bitte tu es jetzt, und lass uns dabei weiter reden, Ernst.“
Er stand auf und desinfizierte sich sorgfältig die Hände, bevor er seine Handschuhe überzog. Sorgsam schnitt er zunächst den Rock auf, den die junge Frau trug. Wie erwartet sahen sie wieder eine frisch genähte Wunde. Er setzte das Skalpell an.

Das war ziemlich genau um 16.00 Uhr. Die weiteren Beamten vor Ort erinnerten sich übereinstimmend, sie hätten von der nahe gelegenen Kirche den ersten Glockenschlag gehört, bevor eine gewaltige Detonation die Fenster und das gesamte oberste Stockwerk in die Luft sprengte. Alle im zweiten Stock anwesenden Personen starben, eine Vielzahl von Beamten war verletzt. Unten im Hof löste sich aus der Menge der Schaulustigen zufrieden lächelnd der Kuckuck. Er hatte durch gute Führung nach 20 Jahren den Knast verlassen können, in dem er eigentlich lebenslänglich einsitzen sollte. Dort hatte er seinen Plan ausgeheckt – und über die Jahre perfektioniert. Die getöteten Frauen waren nur Statisten, die eine Botschaft überbringen sollten. Eigentlich ging es darum, dass der Mann, den er für sein entgangenes Leben verantwortlich machte, mit seinem gesamten verfluchten Team ausgelöscht werden musste. Er hatte ihm eine faire Chance gegeben, den Fall zu lösen. Er hätte die Symbole, die Hinweise auf die Tätigkeiten seiner Kollegen waren, deuten können. Und er hätte wissen müssen, dass er selbst, Peter Vogel – die interne Namensgebung der Beamten als Kuckuck schien ihm als Ironie des Schicksals -, entlassen worden war. Aber Niemayer hatte es eben nicht geschafft. Und so hatte der Kontaktzünder der Bombe, die dieses Mal in der Bauchdecke eingenäht war, das komplette sechsköpfige Ermittlungsteam eliminiert. Nun konnte er in Ruhe weiterleben.

Die Mordserie des Kuckucks endete mit eben diesem Tag. Der Fall wurde nie aufgeklärt.