Die Geschichte von Ehe und Glück
von Birgit Bauer
Die Ehe kam irgendwann daher und klopfte an des Glückes Tür. Zwei Menschen hatten beschlossen, sich zu heiraten. Sich zu Trauen. Für immer. Sie waren verliebt und so erfreut darüber, dass sie sich gefunden hatten, sodass das Glück nur zu gerne mit der Ehe in ihr Leben einzog.
Zur späten Stunde, als die beiden Liebenden schlafend in ihren Betten lagen, voller Pläne in rosigsten Farben für die Zukunft im Kopf und wattebauschigen Wolkenträumen im Geist trafen sich das Glück und die Ehe zu einem nächtlichen Stelldichein.
Sie saßen sich gegenüber. Das Glück strahlend schön, bunt gefärbt und voller Lachen und Freude, die Ehe dagegen voller kleiner Wölkchen, grauer Ausläufer und hie und da einem kleinen Tränchen zwischen den bunten Partien. Aber, das musste bei der Ehe so sein, sie war schon zu oft zerbrochen und hatte die Mühsal der Beziehungsarbeit im Gepäck. Die Ehe sagte darauf angesprochen immer: „Das Leben und die Ehe bieten zu viele Gegensätze und genau diese bringe ich mit.“
„Was meinst du?“ fragte das Glück „war sie richtig, diese Entscheidung?“ „Ich weiß nicht“ sagte die Ehe. „Sie denkt viel über ihn nach und er denkt viel über sie nach! Sie denken viel zu viel. Sie wägen so sehr ab und, wenn sie alleine sind, dann ist es noch viel schlimmer. Sie beobachten sich gegenseitig wie die Tiere im Zoo und keiner weiss warum.“ „Sie sind sich nicht sicher!“ meinte das Glück traurig und der Schimmer seines bunten Kleides wurde ein wenig blasser.
„Sie wollen es aber doch versuchen! Sie sind gewillt, sich aufeinander einzulassen!“ entgegnete die Ehe. „Meinst du nicht, du solltest es mit den beiden so versuchen. Dich auf diese Beziehung einzulassen, wie ich mich einlasse? So, wie sie es mit sich versuchen wollen?“ sagte die Ehe mahnend zum Glück.
Die Ehe war fast ausgestorben und hatte nur wenige kleine Pflänzchen groß gezogen. Sie erlebte immer häufiger das Absterben ihrer Ableger und war immer sehr traurig. Und wenn zwei Liebende beschlossen, sich zu einem Ableger zu entwickeln, wollte sie auch dafür sorgen, dass endlich wieder einmal eine Ehe glücklich und lange verlief. Sich gut entwickelte, zur Partnerschaft wuchs und zu einer Heimat für zwei vereinte Seelen wurde. Dass sich zwei kleine Ableger zu einer starken Wurzel verwuchsen und zusammenblieben. Bis dass der Tod sie scheiden möge und sich eben bis dahin zu lieben und zu ehren. Und nichts anderes.
Das war die Formel der Ehe und sie würde sie immer wieder unter die Menschheit bringen. Dazu war die Ehe fest entschlossen.
Das Glück seufzte. „Ich würde es ihnen so wünschen!“ meinte es versonnen „ich würde es mir wünschen, in diesem Hause ein Heim zu finden, in dem ich wirken kann. Doch, sie denken zu oft an die Fehler des Anderen. Sie sehen nur das, was andere haben. Es ist nicht einladend bei ihnen! Dieses Zuhause ist kein Zuhause, es ist kalt und ohne Leben. Sie sind nicht eins, ein jeder der Beiden ist für sich und geht seinen Weg ohne sich ein Stück weit auf den Weg des Anderen zu trauen und ihn mit zu gehen.“ Das Glück war traurig. Es hatte den Hauch der Kälte bereits gespürt, bevor die Beiden vor dem Traualtar standen. Und es wusste nicht, ob es wirklich bei diesen Menschen bleiben konnte.
Die Ehe schaute das Glück mitleidig an. „Wenn wir es nicht probieren, wer denn dann liebes Glück! Bleib doch bei ihnen, hilf mir, dass es wenigstens einmal gut geht!“ fast flehentlich war der Ton geworden und das Glück schaute die Ehe an.
„Aber, wenn sie auseinandergehen, dann zerbreche ich und keiner kann mich je wieder flicken, ein anderes Paar muss dann mit meinen Scherben leben und sie zusammen kitten. Und bei dir wäre es doch genauso. Willst du das den jungen Leuten wirklich zumuten?“ mutlos war der Ton des Glücks geworden.
Die Ehe überlegte kurz. „Ja, vielleicht brauchen sie unsere Scherben und ein wenig Klebstoff, um tatsächlich zueinanderzufinden. Beständig zu werden und sich eine Basis zu schaffen, auf der sie sich weiter entwickeln können. Eine Basis, die sie zusammenbleiben lässt. Weil sie dafür etwas getan haben und die Liebe lernten!“ „Kann man Liebe lernen?“ fragte das Glück nachdenklich. „Ja, wenn sie einzieht und kommt, dann schon!“ sagte die Ehe fest.
Sie schwiegen. Saßen sich gegenüber und sahen sich an. Auf einmal begann das Glück, sich genau umzusehen. Es stand sogar auf und hob seinen Stuhl hoch und schaute unter den Stuhl der Ehe. Doch, die Suche blieb erfolglos. Als das Glück offensichtlich nicht das gefunden hatte, was es suchte, setzte es sich wieder hin. Die Ehe schaute fragend.
„Ehe, wo ist die Liebe?“ fragte das Glück. „Leider hat sie einen anderen Termin, sie kann nicht wirklich kommen und hat nur eine Wolke mit Liebesstaub geschickt! Deshalb brauche ich dich ja!“ sagte die Ehe verzagt.
„Nun gut, Ehe, ich bleibe, laß es uns versuchen. Gemeinsam! Vielleicht findet die Liebe ja Zeit, um zu kommen!“ Und so blieben sie. Sie hofften auf ihr Glück und ihre Kraft und versuchten alles dafür zu tun, um bestehen zu können. Um die Beziehung des Paares zu festigen und sie zu stabilisieren.
Das junge Paar ging die Ehe ein, das Glück bescherte ihnen einige wunderbare Monate.
Doch dann kam Herr Alltag und zog ein. Herr Alltag war ein grauer Zeitgenosse, ein Geselle, der immer Ärger und Schwierigkeiten im Gepäck hatte. Mal hatte er sie in Form einer neuen und schmerzenden Liebe dabei, oder, er brachte soviel Alltagsgrau, dass es keine wirksamen Mittel gab, ihn wieder zu verscheuchen. Ehe und Glück stellten sich auf einen Kampf ein. Doch Herr Alltag verscheuchte das Glück, da er seine Kollegen Stress, Ärger und Unlust mitbrachte. Doch das Glück wehrte sich, es stritt mit Herrn Alltag und seinen grauen Gesellen und fing an, sich in allen Ecken breitzumachen und schimmerte mit aller Kraft. Doch das junge Paar wusste nichts mehr mit dem Glück, das in allen Ritzen hing, anzufangen. Sie sahen das Glück nicht mehr. Sie waren grau geworden.
Die beiden Menschen konzentrierten sich bald nur noch auf ihren eigenen Lebensweg. Sie achteten nicht mehr aufeinander und wurden sich gleichgültig. Schließlich zerbrach das Glück, die Ehe zerfiel in Scherben. Beide waren zu Häuflein voller Elend geworden und trauerten über das, was sie sich als Heimat erhofft hatten.
Die beiden Menschen gingen auseinander. Dort, wo einst Sonnenschein und Harmonie geherrscht hatten, war nun Kälte und Gleichgültigkeit für den anderen eingezogen.
Doch, das Glück wäre nicht das Glück, wenn es nicht soviel Glück besäße, eine neue Heimat zu finden. Und es fand eine neue Heimat, genauso wie die Ehe. Ein warmes, lachendes, sonniges Zuhause, das eine wirkliche Heimat war, weil das Pflänzchen, das zwei liebende Menschen nach einer gewaltigen Achterbahnfahrt, verband, eine kräftige Pflanze, mit kräftigen Wurzeln wurde und noch viele Stürme und Achterbahnfahrten überstehen konnte. Und dieses Mal hielt der Schwur, weil zwei warme, herzliche Menschen sich entdeckt und gefunden hatten. Sie hatten die Liebe, das Glück mit der Ehe vereint und führten ein reiches und erfülltes Leben. Reich an Wärme, Rücksicht und auch Liebe. Und das war ein Zuhause, in dem man sich wirklich wohlfühlen konnte.
Gewidmet den Paaren, die sich heute noch „Trauen“ und den Paaren, die sich getraut haben und schon lange in ihrer Ehe leben. Solchen, deren Beziehung zwar von Krisen geschüttelt, aber dennoch beständig und glücklich ist, weil sie an sich glauben, dem Alltag immer wieder ein freches Schnippchen schlagen und sehen, dass alles halb so schlimm ist, weil sie zu zweit sind.