Der Auftrag: Such` Sandra...! - Vom Abenteuer in der Schallplattenrille

von Ulli Engelbrecht (aus dem Buch: „Samtcord, Strass & Soundgewitter“, 2009)

Julia war noch nicht da. Hoffentlich wollte sie nicht wieder diese Platte hören, dachte sich Bertram und gähnte und war sich aber doch sicher, dass sie natürlich diese Platte hören wollte. Es war schließlich Julias ganz persönliche Schmusemusik. Er mochte diesen Song nicht, nicht den Sound, vor allem nicht den Gesang.
Schmusen mochte er, klar. Doch so lange diese Platte lief, bekam er immer Kopfschmerzen, während Julia sich eng an ihn schmiegte, ihm sanft ins Ohrläppchen biss und ihm gleichzeitig an den Schwanz fasste. Da konnte sie noch so viel rubbeln und reiben – drei Minuten und achtundfünfzig Sekunden lang ging da nichts.

Den verbreiterten Weg der Leerrille hinter sich lassend, hetzt er nun wie Indiana Jones drauflos durch die mit meterhohen Wänden eingefasste Schlucht ins Schwarze, um die Sängerin zu finden. Der zunächst übersichtliche Weg verjüngt sich, wird zum schmalen Gang, zum kaum einen Meter breiten Pfad. Rechts und links türmen sich wie in einem zerklüfteten Gebirgstal klumpige Gesteinsbrocken und knollige Ablagerungen; die Wände haben narbige Vorsprünge oder sind mit grotesken Wucherungen überzogen.
Plötzlich bohren sich Dutzende, versetzt angeordnete und stecknadelspitz zulaufende kegelförmige Wülste in seine Ellbogen – eine fetzige Bassmelodie! Sie versperrt den Weg, doch er schlängelt sich trotz der Schmerzen mutig hindurch. Und er muss weiter achtgeben, denn der gleichförmige Schlagzeugrhythmus ist ein meterlanger und mit einer regelmäßigen Unebenheit gemauerter Bodenbelag, der sich als gefährliche Stolperstein-Falle entpuppt.
Und dort, hinter der nächsten Biegung, zeigen sich bereits die ersten hart gespielten flächigen Akkordmuster des Keyboarders – wuchtig wie Grabplatten ragen sie akkurat nebeneinander gereiht waagerecht in den Weg, rauben noch zusätzlich die Luft zum Atmen. Diese Angst. Diese Enge. Vor allem aber: dieser Anblick!

Materialisierte Musik!

Er zwängt sich immer tiefer in dieses bizarre Tongebirge hinein und hastet weiter, bis er eine Art Lichtung erreicht, wo es ruhiger wird, wo die Zacken und Beulen und die Höcker und Buckel weniger bedrohlich, nur noch harmlose Schwellungen sind – eine leise Stelle im Song. Und da ist er auch am Ziel. Sieht sie endlich, sieht, wie sie ihm zuwinkt.
Die Sängerin mag ihre Stimme nicht. Nicht so, wie man sie für diesen Titel zunächst aufgenommen hatte. Sie weiß, dass es nur einen Weg gibt, wie sie ihre Stimme diesem technoid-pulsierenden Sound der Musik anpassen kann: Sie muss hier und jetzt so lange vögeln, bis ihr orgiastisches Geschrei jenen Tönen entspricht, die dann auch wirklich zur Musik passen.

Und Bertram hatte diesen Auftrag bekommen!
Und deshalb war Bertram nun in der Schallplattenrille!

Schnell, schnell, schnell, sagt sie und hat ihre Leggings bereits ausgezogen, leg dich hin. Dies ist nur eine Instrumentalaufnahme, die Band spielte den Titel erstmal ohne mich ein. Und er legt sich hin, noch ganz außer Atem, nestelt an seinem Hosenschlitz und lässt seinen steifen Schwanz hervorschnellen. Sie hockt sich auf ihn, reitet ihn drei Minuten und achtundfünfzig Sekunden lang lautstark mit heftigen Stössen, trainiert dabei verschiedene Stimmlagen, bis sie endlich genau die Höhen trifft, die der Song braucht.

Es war kurz vor sechs, als er aufgeschreckt hochfuhr. Er war wohl beim Onanieren eingeschlafen, hatte seinen schlaffen Schwanz aber noch in der Hand und verfolgte mit interessiertem Blick die Samenspuren auf seiner Unterhose, die ihm vorkamen wie die dürren Ärmchen eines ausgetrockneten Rinnsals in der Südeifel. Um sieben Uhr klingelte es, Julia war da. Sie zog ihre Jacke aus, machte es sich sofort bequem und legte die Platte auf. Komm`, sagte sie, nahm ihn in den Arm. Und während sie sich streichelten und Sandras Maria Magdalena dazu aus den Boxen klang, stellte er fest, dass er die Platte eigentlich nie richtig gehört und vor allem den Gesang maßlos unterschätzt hatte.