Auch Ästheten kuscheln gern - Im Wohnparadies mit Josephine von Chris Rea
von Ulli Engelbrecht (aus dem Buch „Samtcord, Strass & Soundgewitter“, 2009)
Möbel kaufen hat sehr viel mit Träumen zu tun, wenn man noch nicht weiß, was man will. Aber wir gucken erst nur, sagen sie sich beim Frühstück, da sie natürlich nicht wissen, was sie wollen. Damals, als sie sich kennenlernten, da wussten sie wenigstens, welche Musik sie mögen. Beim Konzert von Chris Rea hatten sie sich kennengelernt. Und als er bei der „Rockpalast“-Aufzeichnung in der Bochumer Zeche I Can Hear Your Heartbeat spielte, küssten sie sich zum ersten Mal. Jetzt, zwei Jahre später, sind sie endlich zusammengezogen und küssen sich immer noch zu den Songs, vor allem zu denen auf der neuen Platte „Shamrock Diaries“ die sie rauf und runter hören, weil da dieses gefühlvolle Josephine drauf ist.
Kurz nach zwölf, nachdem die beiden schon mehrere handgewischte Eiche-natur oder komet-blaue Küchenzeilen-Meter abgelaufen, die rustikale Stilmöbel-Welt besucht und ausgelassene Matratzentests gewagt haben, jetzt erst sind sie mittendrin im vollgestellten Wohnparadies. Schlendern. Schauen. Staunen. Und lauschen den Ausführungen einer wortgewandten Verkäuferin, die einer unsicher wirkenden alleinstehenden Dame mittleren Alters glücklos die futuristisch gestylte Bettanlage mit Leatherlook-Polster für die Kopfteilparade anpreist. Mondän, sagt er, und die attraktive Verkäuferin, auf deren Namensschildchen „Es bedient Sie Bettina“ steht, lächelt ihn an, deutet auf die kaum sichtbaren eingebauten Lautsprecher in der Kopfleiste. Mit Stereoanlage, sagt Bettina einschmeichelnd. Und ohne Aufpreis. Er nickt interessiert, denkt daran, wie sich wohl Josephine in diesem Bett anhören würde, sagt aber danke schön, wendet sich nach links und der äußerst dekorativen und alufarbig-glänzenden Wohnwand-Kombination der „Sky“-Serie zu.
Toll, sagt er, fährt mit seiner Hand an dem glatten, kühlen Holz entlang, geht in die Hocke, öffnet eine der drei Schubladen, deren Fronten mit hauchdünnen Metallplatten veredelt sind, und überlegt, ob sich die CDs hier drin wohl fühlen würden. Die Lade gleitet geräuschlos vor und zurück und schließt mit einem satt-sanften Plopp fest zu. Da kommt kein Staubkörnchen hinein, ist er sich sicher. Anders als bei seinen selbst gebauten Holzkisten auf Rädern zuhause, die sich beim Zurückschieben immer an den Regalfüssen verhaken. Sie sagt: nicht schlecht, und ist bereits zwei Schritte voraus, piekst mit ihrem rechten Zeigefinger geistesabwesend in den butterweichen blauen Soft-Lederbezug des Zweisitzers „Corsa“, mit der linken Hand streichelt sie das Seitenteil des fast zwei Meter hohen metallenen Regalsystems „Diana“ mit Böden aus gehärtetem Glas und den zierlichen chromfarbenen Schmuckkrönchen an der Spitze. Wär' doch was für die Bücher, sagt sie und er sagt, na ja, aber Glas zieht Staub an, während sie noch zweimal sinnierend ums Regal herumgeht, sich dann bückt und feststellt: dass sie doch auf der gut eineinhalb Meter langen Bodenplatte ihre Lieblings-Stofftiere platzieren könnte.
Lass` uns doch erst mal gemütliche Sofas ausprobieren, sagt er. Das rot-weiß gestreifte „MR 8 100“ mit den Sockelfüßen beispielsweise oder das „Island“-Modell mit dem seegrünen Bezug und dem Stahlgestell.
- Der Mensch von heute ist auch schon ein bisschen der Mensch von morgen!
Diese Käufer-Charakteristik haben sie irgendwo in einem Katalog gelesen und die hat ihnen Mut gemacht. Eben nicht das haben, was alle haben. Chic soll es sein. Zeitlos muss es sein. Mehr Kriterien sollen ihre neuen Möbelträume nicht erfüllen. Muss man eben sehen. Aber die mehrteilige Wohnlandschaft „Avignon“ wirkt so unverrückbar und trutzburgig wie ein tonnenschwerer Granitbrocken an der bretonischen Felsenküste. Sowas nie, sagt sie und geht schnell weiter zu dem quietschgelben Dreisitzer „Josephine“.
Oh, schau mal, sagt sie aufgeregt und lässt sich ins lose eingelegte Polster fallen. Mmmh, sagt er versonnen. Sie ruckt hin und her, bis sie es bequem hat, schließt die Augen, kreiselt mit der rechten und linken Hand gleichzeitig über die Sitzfläche, klopft schließlich darauf und sagt, komm' her! Er setzt sich zu ihr, hält die Produktinformation hoch und liest vor:
- Die Frage nach dem Sinn eines Polstermöbels wurde selten so konsequent beantwortet: ‚Josephine’ ist Forum, Treffpunkt und Refugium – denn auch Ästheten kuscheln gern!
„Josephine“ ist ihr Ding, das wissen sie sofort. Doch knapp 2000 Mark fürs farbenfrohe Refugium sind nunmal eine Menge Geld, wenn man gar nicht weiß, was man eigentlich will. Und so bleiben sie einfach nur hier sitzen, kuscheln unbeobachtet und träumen sich mit „Josephine“ aus dem Wohnparadies heraus und hinein ins knapp 12qm große Wohnzimmer daheim. In Gedanken werfen sie ihre alten Möbel auf den Müll, und liegen auf dem Stereo-Bett und lauschen den sanften, einschmeichelnden Klängen des irischen Softrockers und freuen sich über lautlos gleitende Schubladen und sehen glückliche Stofftiere im Glasregal und sind im Hier und Jetzt und doch ganz weit weg.