Flesk Castle

von Tanja Bern

Die Morgendämmerung brach herein und tauchte die Wiese vor der alten efeuüberwucherten Pension in tiefen Nebel. Ein seichter Wind wirbelte vereinzelte Blätter am Boden auf - das Bed & Breakfast-Schild an dem Haus schaukelte sachte an seinen zierlichen Ketten – eine schwarze Katze huschte lautlos durch den morgendlichen Dunst.
Alles war friedlich, ja, fast ein wenig einsam, auf dem Hügel, der einem den Blick auf die entfernten Berge schenkte, an dem ein ruhiger weiter See lag.
Die Stille wurde durchbrochen, als die Haustür aufgerissen wurde. „Na komm schon, Ben!“ rief Jack zurück ins Haus hinein. Ein Border Collie schoss an dem dunkelhaarigen jungen Mann vorbei, der mit einem Schwung die Tür der Pension wieder zuschlug. Jack lief mit dem Hund die schmale asphaltierte Straße hinab. Für einen Moment verharrte er mitten auf der Straße, überlegte, wo er denn eigentlich hinwolle. Dann umspielte ein leichtes Lächeln seine Lippen.
In seinen Gedanken stieg das Bild einer alten moosüberwachsenen Festungsruine auf – Flesk Castle.
Es gab einfach keinen besseren Ort, wenn man allein sein wollte. Jack lief querfeldein über eine feuchte Wiese, bog in ein Wäldchen ein und lief den River Flesk entlang.

Der Wind rauschte durch Lórians bernsteinfarbenes Haar und das helle schmale Pferd reagierte auf jeden kleinsten Wink. Laubbewachsene Zweige kamen in sein Sichtfeld, und er duckte sich rasch hinter den Pferderücken. Das Tier wieherte etwas unsicher, doch sein Reiter hatte die Situation fest im Griff und sagte fast ein wenig übermütig. „Sorge dich nicht, Irysis. Ich werde nicht fallen!“ Die Stute schnaubte leise, gehorchte aber, als ihr Freund ihr zu verstehen gab, dass sie schneller galoppieren solle.
Der Waldboden war uneben und voller niedriger Sträucher und sie musste diverse Male ausweichen, um nicht den Halt auf dem schlammigen Untergrund zu verlieren.
Plötzlich flog in unmittelbarer Nähe ein schwarzer Schatten auf sie zu, krächzte laut und flatterte aufgeregt vor der Stute hin und her. Das Tier scheute und versuchte auszuweichen, doch der Vogel, der nun zu erkennen war, stieß mit dem treuen Reittier zusammen.
Die Stute stellte sich auf die Hinterbeine und wieherte erschrocken. Seinem gewandten Reiter war es nicht mehr möglich sich auf dem Pferd zu halten. Lórian fiel von Irysis, konnte sich aber am Boden abrollen.
„Kael! Was soll denn das?“ schimpfte Lórian den schwarzen Vogel.
Doch der Rabe setzte sich ungerührt auf einen Ast in seiner Nähe und putzte sich das Gefieder.
Irysis derweil trottete zu Kael und stupste den Ast an, auf dem er saß. Der Vogel protestierte mit einem leisen Krächzen und hatte Schwierigkeiten, sich zu halten, musste balancierend mit den dunklen Flügeln schlagen.
Lórian richtete sich auf und klopfte sich den Schmutz von seiner hellbraunen Hose.
Doch ein Laut des Vogels ließ ihn aufhorchen. Lórian nahm plötzlich ein Bild in seinem Inneren wahr. „Am Fluss An Flesc?“ vergewisserte Lórian sich und der Rabe tänzelte fast ein wenig aufgeregt auf dem Ast herum.
Lórian lächelte leicht. Es war wirklich gut, dass er den Raben auf Jack angesetzt hatte, um ihn zu beobachten. So war er stets im Bilde, was der junge Mann der Menschen gerade tat, denn Lórian war von seiner anderen Lebensweise überaus fasziniert.
Er schwang sich auf Irysis und trabte davon, jedoch nicht ohne dem wartenden Vogel dankend zuzunicken.

Jack kämpfte sich mittlerweile einen Schotterpfad hinauf, schlug sich dann ins Unterholz und geriet an einen engmaschigen Weidezaun. Er schlüpfte durch ein Loch auf die andere Seite und wich dem Schafdung aus, der überall im Wald verteilt war. Das ferne Blöken der Tiere drang durch die Stille des grünen Waldes und Jack lächelte, als Ben die Ohren spitzte. Mit einem liebevollen Blick sah er auf den Collie, der vor zwei Jahren überraschend als sehr junger Hund bellend vor seiner Haustür gestanden hatte - wie, als würde er Einlass verlangen. Seitdem war er bei ihnen und Jack wollte das Tier nicht mehr missen.
Dann blieben Mann und Hund überrascht stehen, denn sie schienen nicht allein zu sein, so wie Jack gehofft hatte.
Die große Ruine der Festung Flesk Castle kam in Sicht – doch sie war nicht verlassen. Ein helles Pferd graste vor den steinernen Mauern.
Verwundert starrte Jack das schöne Tier an, dass bei einem Laut des Hundes alarmiert den Kopf hob. Doch Jack beachtete das Pferd nicht weiter, sondern besah sich die Umgebung.
Vor ihm, mitten im Wald, erhoben sich die Ruinen der Festung. Die Mauern waren teilweise moosüberwachsen und alles war verfallen. Selbst die Bäume der Umgebung wirkten alt und vertrocknet. Einer der hohen Laubbäume gab bei jedem Windstoß knarzende Geräusche von sich. Es hörte sich an, als würde in diesem Wald ein Geist umgehen.
Jack lächelte, als er sich vorstellte, wie ein weiß gewandetes Gespenst auf den verfallenen Zinnen der Festung spazierte.
Dann entfuhr ihm ein Schreckenslaut, denn für einen kurzen Augenblick sah er jemanden genau auf diesen Zinnen balancieren. Ben bellte leise, er schien die Anspannung seines Gefährten zu spüren.
Doch Jack war niemand, der sich einschüchtern ließ. Er straffte sich, kletterte geschickt an den Efeuzweigen die Mauer empor und ließ das Verbotsschild unbeachtet. Dann lugte er in das Innere der Ruine, doch es war niemand dort.
Wieder knarzte der Baum und Ben wurde mehr und mehr unruhig. Jack seufzte, kletterte behände wieder hinunter und nahm den Collie auf den Arm. Er ächzte, als er den großen Hund auf die Mauerkante hievte. Der Hund bellte aufgeregt, sprang leichtfüßig am anderen Ende hinunter und jagte durch die Ruinen. Jack folgte ihm.

Lórian konnte sich denken, wo Jack hinwollte und kam ihm zuvor. Denn als er an den Ruinen der Festung ankam, lag sie noch verlassen im Wald. Die ungewöhnlich hellen Mauern von Flesk Castle wären freundlich, wenn nicht die schwarzen Löcher der glaslosen Fenster auf einen herabstarren würden.
Lórian ließ Irysis auf einem kleinen Wiesengrund zurück und machte einen Satz über die hohe Mauer. Ungewöhnlich schnell lief er durch den steinübersäten Innenhof, kletterte am rauen Untergrund eines der Türme wie ein Free-Climber empor und zog sich auf die Zinnen hinauf.
Er hielt Ausschau nach Jack und sah sich in alle Richtungen um. Fast zu spät sah er den jungen Mann am Fuße der Festung stehen, als der schwarzweiße Hund leise bellte. Lórian duckte sich blitzschnell, er spürte, wie sich im Innern seine Kräfte sammelten, dann machte er einen weiten Satz und sprang auf die bröckeligen Zinnen des zweiten rechteckigen Turmes.
Er schnappte nach Luft, als er drohte abzurutschen, doch er klammerte sich an einem der Steine fest und kam in eine sichere Position. Er hangelte sich etwas zur anderen Seite und beobachtete, wie Jack erst den Hund über die Mauer hob, um dann selbst ins Innere der Anlage zu klettern.
Lórian seufzte, denn heute konnte er Jack nicht einfach nur beobachten – nicht wenn der Hund dabei war, denn das kluge Tier hatte ihn schon längst bemerkt.
Lórian dachte angestrengt nach, denn diese ganze Situation heute hatte ihn etwas überrumpelt. Er hatte keine Zeit gehabt, sich zu überlegen, wie er sich Jack zeigen mochte.
Lórians schönes Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an und er runzelte die Stirn, strich sich unbewusst das lange helle Haar hinter seine spitz geformten Ohren.
Dann schien er eine Idee zu haben, denn er lächelte. Die Luft um ihn herum bildete seltsame Schlieren und seine ganze Gestalt war für einen Augenblick verschwommen.
Danach wirkte er seltsam verändert...
Er schwang sich vom Turm, um lautlos hinter Jack aufzutauchen.

Ben stellte sich mit den Vorderpfoten an eine der Turmmauern und bellte aufgeregt.
„Was hast du denn? Er kann doch nicht wirklich dort oben sein! Oder?“ Jack lugte hinauf, doch die aufgehende Sonne blendete ihn und er konnte nicht erkennen, ob jemand tatsächlich so mutig war und auf die bröckeligen Zinnen dieses Turmes klettern würde.
Dann machte sein Herz einen Satz, denn er spürte überdeutlich, dass jemand hinter ihm stand. Abrupt wandte er sich um und stand Auge in Auge mit einem dunkelhaarigen Mann, der ihn mit goldfarbenen Augen ansah.
Lórian war wirklich kaum wiederzuerkennen. Er hatte nun die gleiche Frisur wie Jack und seine hellen Augen bildeten einen seltsamen Kontrast zu dem ungewohnt dunklen, kurzen Haar.
„Hi“, sagte Jack zu ihm. Sein Gegenüber schien ein wenig sprachlos, doch er erwiderte Jacks Begrüßung.
„Warst du das da oben auf den Zinnen?“ Doch im selben Moment kam es ihm unwahrscheinlich vor, denn er hatte jemanden mit langem hellem Haar gesehen.
„Auf den Zinnen? Dort oben?“ Lórian sah hinauf. „Nein“, log er dann, „das wäre auch etwas gefährlich, oder? Das würde wohl nur einer der Sídhe schaffen.“
Jack schaute ihn skeptisch an. „Einer der Sídhe?“ Er glaubte nicht an die Elfenwesen der irischen Legenden.
Der Mann lächelte nur leicht, sagte aber nichts mehr dazu.
„Und? Was treibt dich hier auf die Festung?“ fragte Jack schließlich. Die man eigentlich gar nicht betreten darf, fügte er in Gedanken hinzu.
Zu Jacks Erstaunen ging der Dunkelhaarige jedoch genau auf diesen Gedankengang ein, als hätte Jack es laut ausgesprochen.
„Vielleicht bin ich ja der, der aufpasst, dass keine Unbefugten hier eindringen?“
Jack hingegen lachte vergnügt. „Nie im Leben. Ich kenne den Mann, der hier auf alles achtet!“
Lórian antwortete nur mit einem Lächeln.
„Ich bin Jack“, stellte er sich nun vor und reichte ihm die Hand.
Lórian schien tatsächlich zu überlegen, wie er sich vorstellen sollte. Dann sagte er: „Ich heiße Rian.“
„Ist wirklich selten, dass man hier jemanden antrifft“, bemerkte Jack.
Lórian senkte etwas verlegen den Blick. „Ich störe dich, nicht wahr? Du hast heute morgen Einsamkeit gesucht. Und nun ist hier ein Störenfried, den du nicht kennst.“
Jack hob überrascht die Augenbrauen an, denn das war exakt das, was er dachte. „Wow, kannst du Gedanken lesen?“
„Gedanken lesen? Nun ja... man sieht es dir an“, antwortete Lórian ausweichend und lachte leise.
Jack sah sich nach Ben um, doch der Border Collie war vollends damit beschäftigt an einem augenscheinlichen Mauseloch zu graben. Kleine Erdklumpen flogen in alle Richtungen. Plötzlich huschte tatsächlich etwas Kleines zwischen Bens Pfoten hindurch und raste durch das niedrige Gras. Der Hund hetzte hinterher und verschwand in einer der aufgerissenen Mauern in der Dunkelheit eines der Türme. „Ben! Nicht! Ach verflixt!“ rief Jack.
Auch Lórian schaute stirnrunzelnd dem Tier nach. „Im Innern der Festung ist es sehr baufällig“, sagte er nur leise.
„Jaah, ich weiß!“ blaffte Jack und rannte seinem Hund hinterher.
Lórian blieb etwas unschlüssig im Innenhof der Anlage stehen. Als er jedoch polternde Steine und einen lauten Fluch aus dem Inneren von Flesk Castle hörte, eilte er schnellen Schrittes dem jungen Mann nach.
Im Innern war es dunkel und kühl, nur ein paar Lichtstrahlen kamen durch die zerstörten Mauern und bildeten einen unheimlichen Kontrast zu den Schatten der Festungsmauern. Staub und kleine Steine rieselten von der Decke.
„Ben! Komm jetzt hierher!“ hörte Lórian ihn rufen, doch selbst er konnte nicht richtig einschätzen, wo genau Jack sich aufhielt, denn der Hall war in diesen alten, leeren Räumen sehr stark.
Lórian folgte jedoch seinem Instinkt und fand Jack in unrühmlicher Lage bäuchlings am Boden. Einen Arm hatte er in einem großen Loch weit nach unten ausgestreckt, als wolle er etwas am Boden ergreifen.
Da hörte Lórian den Hund von unten angstvoll bellen.
Jack sah auf. „Er ist hier rein gefallen!“, erklärte er besorgt. „Und ich glaube, er hat sich verletzt.“ Der junge Mann beugte sich wieder herunter. „Ben, nun komm doch zu mir! Ich versuche dich hochzuheben.“
Lórian warf einen Blick auf den gegenüberliegenden Raum und erinnerte sich plötzlich an etwas, was weiter zurücklag, als Jack vielleicht gedacht hätte. Er huschte in die Dunkelheit davon.
Dann sah Jack, wie Lórian plötzlich unten bei dem Hund war und versuchte, Ben aus einer Ecke heraus zu locken.
„Wie bist du da hinunter gekommen?!“ Jack war überaus erstaunt.
„In dem Nebenraum gibt es eine Treppe.“ Dann wechselte Lórian plötzlich die Sprache, doch er redete so leise, dass Jack keines der weichen Worte verstand. Ben jedoch kam auf Lórian zugehumpelt.
Er ist wirklich verletzt! fuhr es durch Jacks Gedanken. Hastig rappelte er sich auf, um die Treppe zu finden.

Lórian redete indessen in seiner Muttersprache auf Ben ein, und der Hund tapste mit verletzter Pfote auf ihn zu. „Oh Ben, du bist immer noch so unvorsichtig wie eh und je. Hast du alles vergessen, was ich dir beigebracht habe?“
Ben bellte leise und hielt ihm schwankend seine blutende Pfote hin. Lórian schaute nach oben zu Jack, doch dieser war nicht mehr zu sehen. Er hörte ihn über sich herumpoltern. Dann umfasste er die Hundepfote und ein Schimmer breitete sich in der Dunkelheit des Kellerbereiches aus. Ben fiepte, doch dann entzog er Lórian die Pfote und leckte ihm dankend über die Hand. Die Verletzung war geheilt, nur ein paar Blutspuren im Fell zeugten noch davon. Lórian strich ihm sanft über den Kopf.
„Und nun geh und lenke Jack ab, damit ich verschwinden kann.“ Er spürte, dass Jack misstrauisch wurde.
Ben stürmte davon und stieß förmlich mit Jack zusammen.
Lórian lächelte, schwang sich durch das Loch, durch das Jack versucht hatte den Hund herauszuholen und verschwand lautlos aus der Ruine.
Er sprang über die Mauern, lief zu Irysis und schwang sich auf ihren Rücken. Die Veränderungen, die er an sich vorgenommen hatte, fielen förmlich von ihm ab und er ritt in den dunklen Wald.

„Ben!“ stieß Jack hervor Der Hund kam auf ihn zugerannt und sprang übermütig an ihm hoch. „Aber... du hast gehumpelt. Wieso...“ Er untersuchte die Hundepfote, sah auch die Blutspuren, doch es war keine Verletzung mehr da. Verwirrt blickte er sich nach dem vermeintlichen Rian um, doch der junge Mann war verschwunden.
„Das gibt’s doch nicht!“ Überstürzt rannte er hinaus in das helle Licht der Sonne. Doch niemand war mehr zu sehen. Er rannte zu der Mauer hin, denn er hörte, wie das Pferd außen leise wieherte. Mit einem leisen Ächzen zog er sich die Außenmauer hinauf.

Jack sah noch, wie der Mann mit dem langen hellen Haar, den er auf den Zinnen erspäht hatte, in den Wald davon ritt.
Noch einmal sah er sich um. Doch niemand außer ihm war mehr in der zerfallenen Festungsanlage. Er war allein.