Festeggiare
von Raniero Spahn
Sie war von kleiner Statur, ein mütterlicher Typ.
Nicht der Typ Frau, den man vor Augen hat, wenn man von rassigem südländischem Aussehen spricht.
Auch war sie zu dem Zeitpunkt nicht mehr die Jüngste, vielmehr ging sie mit großen Schritten auf das Rentenalter zu.
Sie war der Reinigungskolonne zugeteilt, die unsere Büroräume sauber hielt.
Eine niedere Tätigkeit mit ebensolcher Bezahlung.
Gleichwohl, wenn man sie bei ihrer Arbeit antraf, war sie stets gutgelaunt und machte einen fröhlichen Eindruck; nur konnte sie sich uns quasi nicht mitteilen, da sie die deutsche Sprache kaum beherrschte.
In dieser Zeit hatte ich mit dem Erlernen der Italienischen Sprache begonnen.
Doch anfangs hatte ich Hemmungen, sie in ihrer Muttersprache anzusprechen. Warum eigentlich?
Weil ich mich noch sehr unsicher fühlte und meine frisch erworbenen Sprachkenntnisse für nicht ausreichen hielt?
In den Urlauben an den verschiedenen Ferienorten in Italien scheute ich mich nicht, die Leute sogar im Infinitiv in radebrechender Form anzusprechen, noch bevor ich überhaupt einen Sprachkurs absolviert hatte.
Geschah das vielleicht dort aus dem Grunde, dass viele Italiener selbst die kleinsten sprachlichen Bemühungen der Fremden, sich in ihrer Sprache auszudrücken, oft mit einem „parla bene!“ – Sie sprechen aber gut! - belohnt wurde?
Ich vermag es im Nachhinein nicht zu beantworten, aber auf grund meiner Hemmungen dauerte es noch einige Zeit, bis ich mir den Mut fasste, in ihrer Sprache anzureden.
Sie gab sich sehr erstaunt, erstaunt über meine Sprachkenntnisse, aber auch darüber, dass ich sie, die wir uns doch täglich sahen und aneinander vorbei lebten, erst so spät angesprochen hatte.
Sie lohnte meine Bemühungen ebenfalls spontan mit einem „parla bene, signore“; im Gegensatz zu vielen ihrer Landsleute, die nur höflich sein wollten, meinte sie es ehrlich.
Von nun an unterhielten wir uns täglich ein wenig in ihrer Muttersprache, zu Anfang über banale Dinge und Gemeinplätze, später auch über private Dinge.
So vertraute sie mir eines Tages an, dass sie im Hinblick auf ihre baldige Pensionierung, Zurruhesetzung, wie es im schönen Amtsdeutsch wohl heißt, viele Fragen habe und große Probleme darin sähe, im „Behördenland“ Deutschland alles richtig zu machen.
Diese Probleme konnte ich gut nachvollziehen; ein solcher Formalismus, der in diesen Fällen zu bewältigen ist, lässt nicht wenige in der eigenen Landessprache schon nach ein paar fehlgeschlagenen Anläufen schnell das Handtuch werfen, geschweige denn in einer fremden Sprache.
Sie fragte mich schüchtern, ob ich ihr hierbei ein wenig helfen könne, zum mindest für die ersten Schritte, um die erforderlichen Anträge in Gang zu bringen.
Ich bemühte mich, so gut ich konnte, indem ich mich über diese ersten notwendigen Schritte informierte und mir stichpunktartige Notizen dazu machte.
Sodann versuchte ich, ihr diese Kenntnisse zu übermitteln und wollte sie bitten, sich hierzu die notwendigen Einzelheiten zu notieren, als ich plötzlich inne hielt.
Wie verhielt es sich, wenn sie gar nicht lesen und schreiben konnte?
Warum sonst hatte sie mich gebeten, diese Schritte zu erfragen, und sich selbst vorher keine Stichpunkte gemacht?
Es stand für mich fest:
Sie konnte nicht lesen und nicht schreiben, man kannte dieses ja schon von den ersten italienischen Gastarbeitern des deutschen Wirtschaftswunders, die oftmals aus entlegenen Bergdörfern, weit ab der Zivilisation, stammten.
Eine Analphabetin!
Sie tat mir Leid, unendlich Leid.
Ich erläuterte ihr alles, was ich über das erforderliche Procedere ihres Rentenantrages in Erfahrung gebracht hatte, in mündlicher Form, langsam, mit mehrmaligen Wiederholungen.
Einige Tage später saß ich an meinem Schreibtisch, sie reinigte das Büro.
Ich war gerade im Begriff, einen kleinen schriftlichen Gruß, verbunden mit einer Einladung, an meine italienische Verwandtschaft aufzusetzen.
Da mir im Moment die entsprechende Vokabel für das Wort „feiern“ nicht vor Augen stand und ich auch mein Wörterbuch nicht zur Hand hatte, fragte ich sie in umschreibender Form nach diesem Verb.
Sie verstand mich sofort und nannte es mir: festeggiare.
Frohgemut vollendete ich meinen Brief.
Plötzlich trat sie auf mich zu, beugte sich über meine Schulter und sagte lächelnd zu mir:
Festeggiare si scrive con due g! festeggiare schreibt man mit zwei g!