Der Raser

von Raniero Spahn

Er war als schneller, sportlicher Fahrer bekannt, nicht wenige bezeichneten ihn gar als Raser. Wenn er mit dem Auto unterwegs war, kannte er keine langsamen Geschwindigkeiten, wie er selbst betonte, das war er seinem schnellen Hirschen, einem Auto der Luxusklasse, schuldig.
Saß er nicht in seinem Auto, galt er als ausgesprochen höflich und umgänglich, im privaten wie im beruflichen Umfeld, doch sobald er das Steuer in der Hand hielt, rastete bei ihm etwas aus, rastete er völlig aus. Das Auto stellte für ihn nicht wie für andere normale Zeitgenossen ein bequemes Fortbewegungsmittel auf vier Rädern dar, nein, das Auto symbolisierte für ihn einen wesentlichen Teil seines Lebensinhaltes, wenn nicht den wesentlichsten.
‚Freie Fahrt für freie Bürger‘.

Dieser unselige Spruch, das Motto aller Autonarren und der hinter ihnen stehenden Interessenverbände, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, den Sonnabend zum Tag ihres Lieblingsspielzeuges zu erklären, war auch seine Devise.
Seine größte Verachtung galt merkwürdigerweise nicht den Fußgängern oder anderen Nichtautofahrern, nein sie galt den Autofahrern selbst, aber nicht allen. Es war nicht die Gruppe der forschen, zügigen Pedaltreter, sondern die der unsicheren langsamen Kandidaten unter den autofahrenden Verkehrsteilnehmern, diese Dauerhemmnisse auf den Straßen, die einem vernünftigen Fahrer wie ihm den täglichen Spaß am Auto vermiesten.
‚Benähmen sich alle Autofahrer am Steuer so wie ich, gäbe es keine Unfälle mehr‘ war sein Credo.

Er stand vor Gericht, weil er einen folgenschweren Unfall verursacht haben sollte, mit seiner Raserei, bei dem er selbst und sein Fahrzeug nicht einmal einen Kratzer abbekommen hatten; durch seine rüpelhafte und aufdringliche Fahrweise soll er mit enorm überhöhter Geschwindigkeit derart nah auf ein langsam auf der linken Autobahnspur fahrenden Kleinwagen aufgefahren sein, dass die Fahrerin vor Schreck die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren und es in den seitlichen Graben gelenkt hatte.
Bei diesem Manöver überschlug sich der Kleinwagen mehrere Male und die beiden Insassen, die Fahrerin sowie ihre fünfjährige Tochter fanden hierbei den Tod. Es gab mehrere Zeugen, für diesen Unfall, doch diese widersprachen sich in vielen maßgeblichen Punkten, sodass das Gericht ihm nicht nur keine einwandfreie Schuld an dem Geschehen nachweisen, sondern nicht einmal zweifelsfrei beweisen konnte, dass er das unfallverursachende schnelle Auto überhaupt gefahren hatte. Das Gericht sprach ihn frei, von dem schweren Schuldvorwurf.
‚In dubio pro reo!’ so verlangt es der Rechtsstaat.
Gleichwohl redete der Vorsitzende Richter ihm nach dem Urteilsspruch und seiner Begründung eindringlich ins Gewissen:
„Dieser Freispruch beinhaltet keine moralische Freisprechung, sondern nur eine rechtliche. Solange wir Ihnen eine Schuld nicht nachweisen können, gilt die Unschuldsvermutung zu Ihren Gunsten. Nur der allmächtige Gott und Sie selbst wissen genau, was in diesen tragischen Sekunden passiert ist, und wenn Sie eine Schuld tragen, kann auch nur dieser Gott, wenn es einen gibt, Sie davon freisprechen.“
Das emotional bewegte Publikum im Gerichtssaal spendete Beifall, bei diesen Worten.

‚Nur der allmächtige Gott und Sie selbst wissen genau...‘

Die letzten Worte des Richters wogen wie eine Zentnerlast auf ihm, als er das Gerichtsgebäude verließ.
Da er nicht religiös war, machte er sich keine Gedanken darüber, ob es einen Gott gab, der es genau wusste. Ausschlaggebend war für ihn die Tatsache, dass es außer ihm keinen anderen gab, der es wusste. Alles Weitere hing nur von ihm allein ab.
Niemals würde er diesen schrecklichen Augenblick vergessen können, als vor ihm der Kleinwagen nach rechts ausscherte und sich anschließend überschlug, nachdem er mit seinem schnellen Auto mit ungeheurer Geschwindigkeit und Brutalität fast zentimeternah auf diesen Wagen aufgefahren war.
Er konnte sich im Nachhinein sein Verhalten selbst nicht erklären; diese Mentalität, die er an den Tag legte, ein jedes Mal, wenn er sein raketenschnelles Auto bestieg, wie von einer Sucht erfasst, zu rasen.
Wiederholte Male hatte er hierbei, wie er glaubte, dank seiner hervorragenden Fahrkunst Beinahunfälle vermieden, doch nun war sein Fahrzeug zur Mordwaffe geworden.
Im gleichen Moment noch, in dem er bemerkte, welches furchtbare Unglück er angerichtet hatte, mit diesem Geschoss, verlangsamte er sein Fahrzeug und verließ die Autobahn an der nächsten Ausfahrt.
Benommen fuhr er zurück, auf der Gegenfahrbahn, und stellte sein Auto auf einem Parkplatz in der Nähe der Unfallstelle, die sofort gesperrt worden war, ab. Zu Fuß bewegte er sich weiter am rechten Rand der Fahrbahn in Richtung Unfallschauplatz; er fiel niemandem auf, weil mittlerweile auch die Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn zum Stillstand gekommen waren und viele Insassen ihre Fahrzeuge verlassen hatten und zu Schaulustigen geworden waren.
Nie würde er den Anblick vergessen: diesen Kleinwagen, der kaum noch als Auto zu erkennen war, überall Blut, verstörte Gesichter bei den Helfern von Polizei und Feuerwehr.

Er bestieg sein Auto, das er auf dem Parkplatz hinter dem Gericht abgestellt hatte, und fuhr los, mit langsamer Geschwindigkeit. Nicht einmal den Führerschein hatten sie ihm abgenommen.
‚In dubio pro reo!’
Ziellos fuhr er durch die Straßen der Stadt.
Seine Gedanken kreisten um die einzige Frage, ob und wie er mit der Last der Schuld weiterleben könne; sie einem anderen Menschen, und stände er ihm noch so nahe, einzugestehen, kam für ihn nicht in Frage, nach dem Freispruch.

Er lenkte seinen Wagen auf die Autobahn und drückte auf‘s Gaspedal.
Es herrschte wenig Verkehr, auf dieser Strecke. Er beschleunigte sein Auto, wurde schneller und schneller, bis er fast die Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte.
Die Fahrzeuge auf der rechten Fahrspur schienen zu stehen, als er an ihnen vorbeiflog.
Von weitem sah er ihn vor sich, den Brückenpfeiler, an dem er in Tagen vor dem Prozess des Öfteren vorbeigefahren war; nun bewegte er sich mit unverminderter Geschwindigkeit auf diesen Pfeiler zu.

Als er aufwachte, im Krankenhaus, vernahm er klar die Stimme eines weißgekleideten Mannes, der sich über ihn beugte:
„Dieser Patient hier ist ein besonders tragischer Fall. Es scheint so, als habe er innerhalb kurzer Zeitspanne alle Launen des Schicksals ertragen müssen.
Zuerst wurde er vor Gericht eines schweren Vergehens beschuldigt, bei dem man ihm vorhielt, er habe mit seinem schnellen Wagen, den er gleichsam als Waffe missbrauchte, den Tod zweier Menschen verursacht. Erst vor einigen Tagen jedoch wurde er gänzlich von diesem Vorwurf freigesprochen, und nun hat sein eigenes Auto, diese furchtbare Waffe, wie man sie beim Prozess genannt hatte, dem Leben dieses Unschuldigen beinahe ein Ende gesetzt.“

Der Arzt, seine Kollegen und die Krankenschwester, die am Krankenbett standen, bemerkten nichts von dem, was sich im Innersten des Komapatienten abspielte.
Der schnelle sportliche Fahrer erreichte ein hohes Alter, ohne dass sich sein Zustand jemals veränderte.