Mein kleiner Freund

von Rosita Hoppe

Ich schloss die Augen und genoss die letzten Sonnenstrahlen dieses herrlichen Oktobertages. Mein Stuhl stand dicht an der Hauswand, die noch die Wärme der Sonne reflektierte. Ein leichter Wind ließ die Blätter der umliegenden Bäume leise flüstern.
Plötzlich frischte der Wind auf und das Rascheln der Blätter verstärkte sich wie ein Trommelwirbel kurz vor dem Höhepunkt einer Zirkusveranstaltung. Erstaunt öffnete ich die Augen und blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht an. Der Kirschbaum auf der Wiese gegenüber stach mir in die Augen. Er nahm bereits eine rötliche Färbung an. Einzelne Blätter hatten ihren Halt verloren und tanzten zu Boden.
Eine plötzliche Bewegung im Walnussbaum rechts von mir erregte meine Aufmerksamkeit. War es ein Specht, der den Stamm hinauf hüpfte? Ich horchte, konnte jedoch kein Klopfen vernehmen. Oder war es mein kleiner Freund, der fast täglich den Weg durch meinen Garten nahm um Vorräte für den Winter zu sammeln?
Einige Augenblicke später kam ein kleines rotbraunes Fellbüschel den Walnussbaum hinunter gelaufen. Mit seinen Zähnen hielt er eine für ihn ziemlich große grüne Kugel. Ein paar Hüpfer über den Rasen, schließlich blieb er sitzen. Er legte seinen Fund vor sich auf dem Boden ab, schaute mit seinen winzigen dunklen Knopfaugen umher und sondierte die Lage. Den buschigen Schwanz in die Höhe gereckt sah er mich an. Ich wagte kaum zu atmen, um meinen Besucher nicht zu verscheuchen.
Er schien darüber nachzudenken, ob er mir trauen konnte oder ob ich ihm seine Beute vielleicht streitig machen würde. Ich versuchte ihn in Gedanken zu beruhigen und tatsächlich, er wandte sich von mir ab und widmete sich seiner Beute. Er drehte und wendete sie mit seinen Vorderpfoten, knabberte daran herum und hatte kurze Zeit später eine Walnuss aus ihrer Schale befreit. Ein schneller Blick in alle Richtungen und schon flitzte er mit seiner Nuss davon in Richtung des nahen Waldes.