"Die erste Zigarette"

von Lola Victoria Abco

War es der gleiche Tag gewesen? Wie konnten der Nachmittag und der Morgen eines Tages so unterschiedlich sein? Am Morgen waren Marianne, Hiltrud und ich losgegangen, lachend. Unterwegs war dann das Lachen verstummt. Auf dem Weg in den Wald waren wir über die Wiesen gegangen, da war es noch da gewesen. Seinen Klang hatte ich noch in den Ohren. Hiltruds Lachen war immer noch hoch und schelmisch, so wie damals auf dem Schulhof. Ganz anders als bei Marianne, herzlich und warm war es mir in Erinnerung, doch nun war es rau und stockend gewesen.

Ich versuchte meinen rechten Arm zu heben. Tränen schossen in meine Augen, ein stechender Schmerz fuhr von meinem Ellenbogen in meinen Nacken. Kraftlos sank mein Arm hinab. Mit der linken Hand umfasste ich den Unterarm und führte ihn bedacht nach oben. Hielt ihn so, dass ich die rechte Hand vor Augen hatte. Der kleine Finger war unnatürlich nach außen gebogen. Der Handteller war von einer braunen Kruste bedeckt. Blut und Schmutz waren eine Verbindung eingegangen. Meine Hand hatte den dicken Ast gerade noch umfassen können. Wie stark musste der Sturm gewesen sein, der ihn hinunter riss? So stark wie ich, als ich ihn ihr entgegen schwang? Beim ersten Schlag spürte ich wie sich sein gesplittertes Holz in mein Fleisch bohrte. Wie ein Pendel ließ ich den Ast zurück schwingen. Erneut traf der Ast ihre Stirn. Wie eine Puppe sank Marianne zu Boden. Die Wucht des zweiten Schlages ließ mich vorn über fallen. Meine Hände umkrallten den Ast zu sehr, als dass sie sich rechtzeitig hätten lösen können, um meinen Sturz abzufedern. Hart schlug ich mit den Händen und Knien auf. Neben Marianne kam ich zum Liegen. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Blicklos waren sie auf die Baumkronen gerichtet.

War ihr Lachen erst am Morgen rau und stockend geworden? Auf dem Weg zum Wald war mir aufgefallen wie anders es klang. Es hörte sich auch spöttisch und falsch an. Warum war mir erst nach all den Jahren aufgefallen wie es sich verändert hatte?

„Eifersucht“, hatte Wilhelm gemeint, „Eifersucht ist unbezähmbar. Nicht nur die eines Liebhabers, Susanne. Pflege den Kontakt zu den Leuten, die in deinem Leben von Bedeutung sind. Vor allem zu denen, mit denen du ein Geheimnis teilst. So kannst du das lodernde Feuer eindämmen und wenn es doch ausbricht, bist du gewarnt.“
Wilhelm konnte von unserem lodernden Feuer nichts wissen. Sprach nur in Bildern, um mich zu warnen.
„Je weiter du kommst, Susanne, desto mehr hüte dich. Eifersucht und Neid sind zwei geschwätzige Schwestern.“

Als wir in die zweite Klasse gingen, hatten wir uns gefragt, ob man Marianne tatsächlich in den Kopf hineinschauen konnte. Sie sei gestürzt und hätte ein Loch im Kopf, hatte ihr Bruder gesagt. Am Nachmittag besuchten wir sie.
Enttäuscht sahen Hiltrud und ich, dass sie einen Verband trug. Auf dem Nachhauseweg überlegten wir wieder, was man wohl hätte sehen können. Man konnte nicht hineinsehen, ich wusste es schon seit langem. Nur was durch die Schläge mit dem Ast hinaus gespritzt war, konnte ich sehen.

Mit einem Lachen kann man vieles überbrücken - Angst, Wut, Sprachlosigkeit. Mit einem Lachen kann man Zeit gewinnen.
„Wenn du nicht weiter weißt, lächle! Schenk´ deinem Gegenüber dein Lachen und überleg´ dir die nächsten Schritte“, hatte Wilhelm geraten. Ich schenkte Marianne mein Lachen und überlegte mir meine Schritte, ganz so wie er es gesagt hatte. Sie schien mein Lachen nicht zu bemerken. Unbeirrt schaute sie weiter in die Baumkronen. Ich konzentrierte mich auf den Schmerz in meinem Arm, kapselte ihn ein und verdammte ihn in die tiefste Ecke meines Gehirns.
Vorsichtig rollte ich mich auf die linke Seite, zog meine Beine an und kniete mich hin. Ich hörte auf zu lachen, mein nächster Schritt stand fest. Langsam stand ich auf.

„Je weiter du kommst, desto mehr werden sie wühlen“, hatte mich Wilhelm gewarnt und dann gefragt: „Gibt es etwas, was sie nicht finden sollten?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht! Wenn ja, stünde ich dann hier?“
„Das kannst nur du beantworten, Susanne. Überleg´ es dir gut. Wenn sie etwas finden, wird es wahlentscheidend sein.“
„Und wenn, Wilhelm, nur wenn es etwas geben würde, was dann?“
„Dann kannst du den ersten Schritt machen. Wer den ersten Schritt macht, hat das Heft in der Hand.“
„Die Wahl, Wilhelm, was wäre mit ihr?“
„Es käme natürlich darauf an wie schwerwiegend es ist. Aber nein, wahrscheinlich ohne dich, Susanne, leider, aber es ist das Wahrscheinlichste. Du bist eine Frau. Vergiss nicht, du bist ihre Lichtgestalt, die jeden Raum, den sie betritt, erhellt. Man vertraut dir. Du bist wie ein Engel. Deine guten Taten zählen doppelt, die schlechten zehnfach. Nein, die Wahl hättest du in jedem Fall verloren, auch wenn du den ersten Schritt machst. Aber du könntest dein Gesicht wahren. Sei vorsichtig, wenn du etwas in deiner Vergangenheit übersiehst, ist deine Zukunft verloren.“

*

Unser Feuer war zunächst nur eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug gewesen. Kichernd hatten wir im Keller gesessen. Marianne, Hiltrud und ich. Das Trommeln war immer lauter geworden. Ungeübt zündete ich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und musste so tüchtig husten, dass ich für einen Moment das verzweifelte Hämmern nicht hören konnte. Die Glut erlosch. Ich ließ das Feuerzeug noch einmal aufflammen, sog den Rauch vorsichtig ein. Gierig riss mir Hiltrud die Zigarette aus der Hand. Deutlich waren Marias und Valerias Stimmen zu hören. Wir sollten verdammt noch mal die Tür aufschließen. Die beiden Rias, immer waren sie die letzten! Sie brauchten jedes Mal soviel Zeit, ihre schönen Sachen anzuziehen und sich die Haare hundertmal zu bürsten. Prustend rollte sich Marianne auf die Seite. Vor Lachen rollten mir Tränen über die Wangen.

*

Mit klarer Stimme hatte ich nach Marianne gerufen. Mit festen Schritten ging ich in die Richtung, aus der ich sie undeutlich antworten hörte. Noch einmal rief ich ihren Namen.
„Warte, Susanne, halt.“ Mit hochrotem Kopf sprang sie hinter einem Busch hervor, zog sich die Hose zurecht. Verlegen fragte sie nach Hiltrud. Hiltrud? Unbestimmt zeigte ich mit einem Kopfnicken nach rechts.
„Wir sollen nachkommen.“ Fragend schaute mich Marianne an. Zu kalt, es sei ihr zu kalt, setzte ich bestimmt nach.

*

Hiltrud war es auch damals zu kalt geworden, unten in dem Keller. Ich hatte ihr meine Jacke gegeben, sie hatte sie sich um die Beine gelegt. Trotzdem war ihr noch kalt. Nur deshalb hatte ich das Feuer angezündet. Nur ein ganz kleines, gerade so, dass man sich die Hände darüber wärmen konnte. Der Abstellraum des Hausmeisters ließ kaum Platz für uns drei, so voll war er mit Werkzeug, Kisten und Kartons gestopft. Ich hatte sie durchwühlt. Marianne und Hiltrud hatten nur bibbernd und kichernd da gesessen. Waren sie deshalb weniger schuld als ich? Ein paar Hölzer hatte ich dann vor unseren Füßen aufgestapelt und mit Papier umlegt. Der Abstellraum war direkt neben dem Mädchenumkleideraum gelegen. Die beiden Rias schrien unablässlich. Ich weiß noch wie Hiltrud spöttisch meinte: „Haben sie gar keine Angst um ihre zarten Stimmchen? Wenn sie so weiter machen, werden sie morgen heiser sein.“
Johlend rief Marianne: „Eure Hände sind wohl bald wund, hört besser auf zu trommeln. Wisst ihr nicht, keiner ist da, nur wir.“
Wir hatten es nicht vergessen. Am Freitag hatte unsere 8. Klasse Sportunterricht bei Frau Wenz in der letzten Schulstunde. Erst um vier Uhr würde die nächste Sportstunde vom Turnverein stattfinden. Bis dahin wollten wir drei heimlich unsere erste Zigarette rauchen.

*

Hatte ich mich nicht immer um sie gekümmert? Hatte ich nicht unsere Freundschaft gepflegt? Ich hatte wahrlich wichtigere Dinge zu bedenken, trotzdem habe ich sie in all den Jahren nicht vergessen. Sie hatten es doch genossen, erwähnt zu werden! Obwohl mein Terminkalender seit Jahren schon voll ist, war ich Jessicas Patin geworden. Marianne hatte jede noch so kleine Meldung darüber aus den Zeitungen ausgeschnitten. Gerne waren Hiltrud und Marianne quer durch Deutschland gereist, um sich mit mir als meine besten Freundinnen ablichten zu lassen. Beide waren stets bereit die „private“ Seite der Vorsitzenden herauszustreichen! Mein Licht war stark genug für uns drei zu strahlen!

Marianne hakte sich bei mir unter. Bestimmt führte ich sie weiter in den Wald hinein, fort von Hiltrud.
„Sie haben uns nach deinen Lastern gefragt“, kicherte Marianne. „Versuchungen, denen du nicht widerstehen kannst, Susanne. Große und kleine, vor allem die.
Schokolade am Abend, Schweinebraten, so etwas in der Art. Ob du denn wirklich keine Laster hättest; du trinkst nicht, du rauchst nicht, sie haben vielleicht gebohrt, wollten genau wissen wie die private Susanne ist. Ob du schon immer so warst?“
Marianne sah mich lachend von der Seite an. Ich hielt meinen Blick starr nach vorne gerichtet. Trotzdem wusste ich genau, dass sich ihr Lachen wie eine Maske auf ihr Gesicht gelegt hatte. Darunter war die Heimtücke verborgen!
„Sie wollten nicht glauben, dass du so ohne Fehl und Tadel bist!“
Spürte sie denn gar nichts? Wollte sie austesten wie weit sie noch gehen konnte? Hatte sie nicht gemerkt, dass sie sich schon viel zu weit vor gewagt hatten? Dort wo ich stehe, kommt man nur hin, wenn man die richtigen Leute um sich schart, man muss abwägen und auswählen, sorgsam und ganz objektiv. Man muss sich manchmal auch von alten Freunden trennen.
„Sie haben gefragt, ob es nicht einmal eine heimliche Zigarette gäbe? Susanne, eine heimliche Zigarette!“

*

Ich hatte die Zigaretten mitgebracht, Hiltrud eine Flasche Rotwein. Zwischen den Kisten und Kästen hatten wir nach einem Werkzeug gesucht, mit dem wir die Flasche öffnen konnten. Endlich bekamen wir den Korken heraus. Begierig nahmen wir einen Schluck und ließen die Flasche immer wieder kreisen. Plötzlich hörten wir Stimmen!
„Die beiden Rias!“, flüsterte Marianne. „Wir müssen warten bis sie verschwunden sind!“ Ungeduldig standen wir in dem Abstellraum. Die Stimmen verklangen nicht. Ich schlich mich an den Umkleideraum heran, vorsichtig öffnete ich die Tür einen Spalt. Die beiden Rias waren dabei sich einzucremen. Es würde noch eine Ewigkeit dauern bis sie endlich fertig angezogen waren. Entschlossen lief ich die Kellertreppe rauf und rannte zu dem Lehrerumkleideraum. Wie immer war er unverschlossen, hastig ging ich hinein und sah mich suchend um. An der rechten Wand hing der Schlüsselkasten. Jeder einzelne Schlüssel war fein säuberlich beschriftet. Ich schnappte mir, was ich suchte und lief wieder hinunter. Die beiden Rias bemerkten nicht wie ich den Schlüssel in das Schloss steckte und ihn herumdrehte.

*

Mein Büro hatte die Idee gehabt, zuerst hatte ich nicht einwilligen wollen. Zierte mich darüber in aller Öffentlichkeit reden zu müssen. Mein PR-Mann meinte, es sei eine gute Story, gute Taten würden immer Punkte einbringen. Vor allem, wenn es um Kinder gehe. Und die beiden seien doch fast noch Kinder gewesen.
„Geniale Story!“, hatte er durch mein Büro gerufen. Die Heldin, die sich durch das Feuer wagen wollte, selbst fast noch ein Kind. Und dann die Tragödie, dass sie es nicht mehr durch die Feuerwand zu den schreienden Opfern schaffte, dabei sogar selber verletzt wurde.

*

„Meine Jacke!“
Das war das Einzige, an das ich denken konnte, als wir drei vor dem brennenden Gebäude standen. Aus dem Keller der Turnhalle klangen entsetzliche Schreie. Trotzdem konnte ich an nichts anderes als an meine Jacke denken.
„Wegen der Jacke wird man mich überführen!“

Plötzlich hatte Marianne angefangen zu würgen, sie wurde kreideweiß. Unsicher stand sie auf und wollte hinauslaufen. Schwankend hielt sie sich an einem Regal fest. Torkelnd ging ich auf sie zu, um sie zu stützen. Marianne beugte sich zu mir vor und ließ sich gegen meine Brust sinken. Betrunken verloren wir das Gleichgewicht. Aneinander gekrallt stießen wir heftig gegen das Regal, Kartons und Werkzeuge fielen zu Boden. Kraftlos fielen wir hin. Mein Hinterkopf schlug gegen einen Kanister, schwankend stürzte er auf die Seite. In Sekundenschnelle lief eine Flüssigkeit heraus. Schreiend sprang Hiltrud auf und riss mich mit sich, mit eiserner Hand stieß sie mich zur Tür hinaus, hastete zurück und zog Marianne hoch. Gelähmt vor Schreck beobachteten wir vom Flur aus wie die Flüssigkeit weiter aus lief, direkt auf unser kleines Feuer zu. Plötzlich gab es einen Knall. Sofort stand der ganze Raum in Flammen. Kreischend liefen wir in das Freie.

*

„Absolut genial!“, setzte mein Berater nach. „Und die Story ist so gut wie unverbraucht!“
Ich war Fragen dazu immer ausgewichen. Wollte mich zu dem Drama meiner Jugend nicht äußern. Die Presse hatte es wohlwollend aufgenommen.
„Ihre beiden Busenfreundinnen, die sollen sich dazu befragen lassen, absolut super! Das passt. Ein Held soll sich nicht selber mit Federn schmücken. Sie sagen wie immer gar nichts dazu. Es wird gut ankommen, wenn ihre Freundinnen die Geschichte zum besten geben und Sie sich weiterhin zieren, damit zu prahlen. Genial!“
Die Schlagzeilen gehörten mir! Natürlich hatten Hiltrud und Marianne nichts dagegen gehabt sich mit den Medienvertretern zu treffen. Beide hatten es sich auch nicht verkniffen zu erzählen, dass unser gemeinsames Wochenende bevorstand, so wie jedes Jahr, Wahlen hin Wahlen her. Am Morgen hatten wir dann gemeinsam einen Fototermin absolviert. Marianne hatte sich extra dafür frisieren lassen! Ihre neue Frisur war mir sofort aufgefallen. Ihren Mantel hatte ich vorher auch noch nicht gesehen.
Als die Medienmeute abgezogen war, brachen wir zu einem Spaziergang auf. „Sie wollten gar nicht aufhören zu fragen, Susanne! Wie es war, als wir das Feuer entdeckten, wer die Feuerwehr gerufen hat, ob wir versucht haben, dich aufzuhalten!“
Immer mehr erzählten meine Freundinnen von den Interviews. Fröhlich und stolz erschien es mir. Wer steht nicht gerne im Mittelpunkt? Selbst wenn es nur wegen einer Freundin ist. Vor allem, wenn man nichts eigenes vorzuweisen hat. So wie Marianne, Hausfrau und Mutter von dreien oder wie Hiltrud, Halbtagskraft, ein Sohn und einen Hund. Meine Freundschaft war ihr Salz in der Suppe.

*

Schlagartig waren wir wieder nüchtern. Aneinander gedrängt blieben wir auf dem Vorplatz stehen. Untätig sahen wir zu wie die Flammen aus den Kellerfenstern schlugen. Plötzlich zerbarst ein Fenster im Erdgeschoss. Dichter Qualm trat heraus. Abrupt lief Marianne los. Hiltrud und ich beobachteten wie sie die Telefonzelle am Anfang des Schulgeländes auf stieß.

*

„Ob du dich auch früher schon so aus der Menge hervorgehoben hast, Susanne. So wie jetzt als Vorsitzende. Ob du da auch schon bemerkenswerte Dinge getan hast. Bemerkenswerte Dinge!“ Hiltrud stieß mich mit dem Ellenbogen an. „Bemerkenswerte Dinge, Susanne!“
Neugierig sah mich Marianne an.
„Unser Gedächtnis sei Gold wert, hat der eine Fernsehfritze gemeint. Er hat mir seine Visitenkarte gegeben, für alle Fälle!“
Ich hatte mich nach den Kindern erkundigt, sogar nach Hiltruds Hund Hassan gefragt. Die beiden kamen jedoch immer wieder auf ihr neues Lieblingsthema zurück. Irgendwann bemerkte ich ihn, den schneidenden Unterton. Erinnerte mich unvermittelt an Wilhelms Worte.

*

Ich war nur bis in die Eingangshalle gekommen. Beißender Qualm schlug mir entgegen. Hustend lief ich weiter zu der Kellertreppe. Plötzlich bekam ich keine Luft mehr. Ohnmächtig sank ich zu Boden. Teile der herabstürzenden Zimmerdecke verletzten mich danach am Kopf und am Arm. Die Feuerwehrmänner entdeckten mich als erste, als erste und als einzige Überlebende. Meine Jacke war restlos verbrannt. So wie alles andere in dem Keller auch. Die beiden Rias wurden später anhand von Abdrücken ihrer Zähne identifiziert. Ich lag zu der Zeit noch im Krankenhaus. Meine Eltern schirmten mich ab. Es oblag Marianne und Hiltrud unsere Anwesenheit auf dem Schulgelände zu erklären. Als ich entlassen wurde, zeigte mir meine Mutter die Zeitungsartikel, die sie für mich aufgehoben hatte. Wir hatten uns vor dem Wochenende noch so viel zu erzählen gehabt und hatten deshalb nach der Sportstunde beim Duschen und Anziehen besonders lange herum getrödelt. Nur von unseren Mitschülerinnen, den beiden armen Rias wurden wir darin noch übertroffen, las ich. Immer noch quatschend und kichernd hätten wir auf dem Vorplatz herumgelungert, als wir plötzlich den Brand entdeckten. Sofort hätte Marianne die Feuerwehr gerufen, während ich mich nicht aufhalten ließ, zu versuchen die beiden armen Rias zu retten.

*

„Manfred meinte wir beide sind wahlentscheidend!“
Abrupt blieb ich stehen. „Wie meinst du das, Hiltrud?“
Neckisch schaute mich meine Freundin an, antwortete jedoch nicht.
„Wie meinst du das?“ Auffordernd fasste ich sie fest am Oberarm, zog sie zu mir ran.
„Hoppla, Susanne, bist du nervös? Wir kennen dich schon seit Ewigkeiten in- und auswendig. Das meine ich und das meint Manfred!“
Ich ließ ihren Arm wieder los. „Aber was soll das heißen, Hiltrud? Worauf willst du hinaus?“ Wieder sah mich Hiltrud nur an, drehte sich nach einer Weile schmunzelnd zu Marianne um. Gespannt folgte ich ihrem Blick. Ausdruckslos schaute mich Marianne an.
„Das wir Gold wert sind, Susanne.“ Der Anflug eines Lächelns erhellte ihr Gesicht. „Je nachdem wie wir erzählen, bist du ein Engel oder ein Bengel!“
Unvermittelt sprang sie auf mich zu und drückte mich fest an sich. „Komm schon, Susanne. Schau nicht so missmutig, wir kennen uns doch schon ein Leben lang.“ Schweigend gingen wir weiter.
„Gibt es etwas, was sie nicht finden sollten?“, hörte ich Wilhelm wieder fragen. „Deine guten Taten zählen doppelt, die schlechten zehnfach.“
In Gedanken ging ich das Geplaudere von Marianne und Hiltrud noch einmal durch. Was hörte ich? Spott? Neid? Ja, von beidem ein bisschen.
Marianne sagte etwas, ich hörte nicht hin.
„Wer den ersten Schritt macht, hat das Heft in der Hand.“ Deutlich sah ich Wilhelm vor mir. Seinen vom Alter gebeugten Rücken, seine strahlend blauen Augen, die ihn trotz allem so jugendlich aussehen ließen. Nun sahen sie mich, seine Nachfolgerin, ernst an.
Marianne rief meinen Namen. Ohne, dass ich es bemerkt hatte, waren die beiden stehen geblieben. Langsam ging ich zu ihnen zurück.
„Ich muss mal“, sagte Marianne. „Meinst du, ich kann das hier?“
Erstaunt sah ich sie an. „Wie? Soll ich dir das jetzt sagen?“
Mariannes Wangen färbten sich rot.
„Sie meint, ob uns vielleicht jemand von der Presse gefolgt ist? Das wäre doch peinlich!“, erklärte Hiltrud.
„Ach was. Die haben ihre Sachen im Kasten. Uns ist niemand gefolgt. Ich bin kein Popstar. Das ist etwas anderes.“
Erleichtert entfernte sich Marianne von uns. Am Knacken der Äste hörten wir wie sie immer weiter in den Wald hinein ging.
„Lauf nicht bis nach Timbuktu, Marianne!“, rief ihr Hiltrud hinterher.
Während wir wartend auf dem Waldweg stehen blieben, schaute ich suchend den Boden ab.
„Du bist kein Popstar, Susanne, aber eine Titelheldin. Gerade jetzt.“
Ich ging ein paar Schritte vor und hob einen großen Stein auf. Er bedeckte fast meine ganze Handfläche. Abschätzend wiegte ich ihn in meiner Hand.
„Machen dir die Wahlen keine Angst?“ Neugierig kam Hiltrud auf mich zu.
„Susanne? Hast du gar kein mulmiges Gefühl?“
Uns trennte nur noch eine Armeslänge.
„Nein. Ich habe keine Angst. Man muss nur den nächsten Schritt kennen!“
Überrascht sah Hiltrud meine Hand auf sich zu sausen.

Marianne blieb stehen, ließ den Zweig eines Wacholderbusches durch ihre Hände gleiten.
„Die erste Zigarette. Weißt du, Susanne, es war gar nicht meine erste! Ich hab schon vorher heimlich gepafft.“
Sie hielt sich ihre rechte Hand vor die Nase, fuhr dann wieder über die Nadeln. „Naja. Wen interessiert schon meine erste Kippe.“
Marianne hatte sich ganz dem Wacholder zu gewandt, konnte nicht sehen wie ich hinter ihrem Rücken den schweren Ast aufhob.
Ich rief ihren Namen. Meine Freundin drehte sich zu mir um. Der erste Schlag brachte sie nicht zu Fall. Ich ließ den Ast wie ein Pendel zurück schwingen.

Langsam stand ich auf. Mein nächster Schritt stand fest. Mit einem Pony würde man die Narbe verdecken können, hatte ich mir überlegt. Dann konzentrierte ich mich ganz auf die Rinde der Eiche. Fixierte sie bei jedem Stoß.

Ich hatte Recht behalten. Auf dem Bild konnte man selbst den Verband auf der Stirn schon jetzt kaum sehen. Der Gips um meinen Arm stach weit mehr in das Auge. Mein PR-Berater hatte mir eine Mappe mit Ausschnitten in das Krankenhaus mitgebracht. Müde blätterte ich sie durch: „Überfall auf die Vorsitzende!“
„Täter flüchtig!“ „Außer Lebensgefahr!“ „Freundinnen entdeckt! Tot!“ „Wird sie es überwinden?“ „Neuer Schicksalsschlag!“ „Wahlen in Gefahr?“
Erschöpft legte ich die Mappe zur Seite. Erwartungsvoll sah mich mein Berater an. Zustimmend nickte ich ihm zu.
„Ich bin bald wieder fit. Schon bald. Am Freitag bin ich dabei.“

Ich bedeckte meinen Kopf nur mit einem schwarzen Schleier, meine verletzte Stirn verdeckte ich nicht. Die Polizei sorgte dafür, dass die Medienteams einen großen Abstand zu dem Doppelgrab hielten. Trotzdem war meine Wunde an der Stirn auf den Fotos und den Filmaufnahmen zu erkennen, die Wunde und meine Tränen.

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