Das Verhör

von Katrin Zill

„Okay sie Ratte, noch einmal von vorn. Ich kriege die Wahrheit schon aus ihnen heraus. Name!“

„Hugo Wybrandt, den habe ich ihnen schon zig-Mal gesagt.“

„Schnauze! Wo waren sie am Dienstagabend zwischen sieben und neun?“

„Wie oft denn noch? Ja, ich stand vor dieser scheiß Telefonzelle und habe diese Schlampe beim Telefonieren belauscht. Danach bin ich nach Hause gegangen, allein. Ich saß vorm Fernseher und hab mir irgendwelchen Blödsinn angesehen. Wie oft muss ich das denn noch wiederholen? Ich habe niemanden umgebracht!“

„Was sie getan haben oder nicht, bestimme immer noch ich!“ Wütend schlug Kommissar Mettmann mit der Faust auf den Tisch. Gelangweilt lümmelte Wybrandt, ein schlaksiger, dunkelhaariger Mann, in seinem Stuhl und grinste dem Kommissar ins Gesicht. 'Dieses überhebliche kleine Arschloch, ich könnte den...', dachte Mettmann und presste seine rechte Hand zu einer Faust.

„Also, sie standen vor dieser Telefonzelle und haben die Frau beim Telefonieren beobachtet.“

„Ja, das ist ja wohl kein Verbrechen“, motzte Wybrandt.

„Weiter! Was ist dann passiert?“, schrie Mettmann jetzt hysterisch.

„Sie faselte was von Sonne, Strand und Meer, Dattelpalmen vor der Zelle und so. So´n Quatsch! Den Mülheimer Sandstrand wird sie damit ja wohl nicht gemeint haben.“ Wybrandt lachte. „Und dann die Sache mit dem Hai. Also die war wirklich köstlich, die Alte. Plemplem, wenn sie mich fragen. Klar, dass ich da lange Ohren gemacht habe. So etwas Idiotisches hört man wirklich nicht alle Tage.“

„Und sie glauben doch nicht etwa, dass ich ihnen diesen Mist abkaufe“, polterte Mettmann erneut los. Seine Augen funkelten wütend und sein Körper bebte heftig. „Sie kleines Arschloch wollen doch nur von der Tat ablenken. Kaltblütig abgeknallt haben sie sie und dann in die Ruhr geworfen. Na, wie hat sich das angefühlt, als diese unschuldige Frau vor ihnen zusammengebrochen ist? Reden sie, sie Schwein!“

Der Kommissar war plötzlich aufgesprungen, um den Tisch herum gejagt und hatte sein Gegenüber so schnell in den Schwitzkasten genommen, dass diesem für ein paar Sekunden die Luft weg blieb. Hilflos zappelte Wybrandt in den Armen des korpulenten Beamten und fing an zu schreien. „Ich will einen Anwalt. Lass mich los, du Bulle. Ich verklag dich, du Sau!“

Die Tür wurde aufgerissen und zwei Beamte stürmten in das Verhörzimmer. „Mettmann, lassen sie den Mann los! Mettmann!“, rief einer der beiden Polizisten scharf. „Mensch, Harald, mach dich nicht unglücklich. Das Schwein ist das Ganze nicht wert. Lass ihn los.“ Eine Hand griff nach Mettmanns Schulter und drückte sie freundschaftlich. Es war Rüdiger Volkmann, sein Partner, der vom Lärm aufgeschreckt zusammen mit einem Kollegen ins Zimmer gerannt kam.

Volkmann hatte mit dem Kommissar Dienst, als Spaziergänger vor zwei Tagen die aufgedunsene Frauenleiche am Ufer der Ruhr entdeckt hatten. Auch da hatte er Mühe gehabt, seinen temperamentvollen Kollegen zu zügeln, der bei der Bergung der Leiche fast durchgedreht wäre.

„Harald, jetzt komm wieder zu dir. Harald!“

„Bringt das Schwein weg!“ Mettmanns Stimme klang schrill, als er den Verdächtigen endlich losließ. „Weg mit ihm, aus meinen Augen!“

„Komm, setz dich, beruhige dich Harald.“ Volkmann zerrte den bulligen Kommissar auf den Stuhl und versuchte ihn zu beruhigen, während Wybrandt zurück in die Zelle gebracht wurde.

„Meine Schwester!“, schluchzte Mettmann plötzlich los und Tränen schossen ihm in die Augen, „das Schwein hat meine Schwester ermordet. Dafür wird er bezahlen!“