Leuchtendes Schweigen
von Katrin Zill
Plötzlich wacht er auf und starrt mit leeren Augen zur Decke. Sein Schädel hämmert schmerzvoll. Es ist eine Stunde vor Weckerklingeln.
"Was soll das alles hier noch? Alle hassen mich."
Er atmet schwer. Bitterer Geschmack im Mund, die Hände kribbeln und das Blut schießt ihm in den Kopf. Sein Herz klopft immer lauter und lauter. Er möchte schreien, doch diese Blöße will er sich vor seinen Nachbarn nicht geben. Er ist perfekt. Und perfekte Menschen zeigen keine Gefühlsausbrüche.
Mit beiden Händen krallt er sich an seiner Bettdecke fest und quetscht seine Augen zu. Tränen bahnen sich ihren Weg über seine Wangen und tropfen aufs Kopfkissen. Krampfhaft unterdrückt er ein Schluchzen.
"Ich steh heute nicht auf!"
Er öffnet die Augen und starrt wieder zur Decke. Der Wecker tickt gemächlich vor sich hin, sonst ist es still. Plötzlich ein stechender Schmerz in seiner Brust. Panisch presst er seine Hand auf die Stelle und verzieht das Gesicht. Der Schmerz wird stärker, ein lähmendes Kribbeln breitet sich über seine Schulter in den linken Arm aus. Unkontrolliert drehen sich seine Augäpfel nach oben und verschwinden immer wieder in den Augenhöhlen. Alles dreht sich. Dann wird ihm schwarz vor Augen.
Wohlige Wärme durchströmt seinen Körper und er öffnet erleichtert die Augen. Um ihn herum ist alles schwarz, nur da und dort leuchten winzige Lichtpunkte, die ihm so sonderbar vertraut erscheinen. Seine Angst ist weg. Neugierig blickt er an sich hinunter. Wo ist sein Körper? Alles, was er sieht, ist Licht. Keine Hände, keine Füße. Obwohl er den alten Körper noch immer spürt, sieht er nur Licht.
Erfüllt und glücklich schwebt er durch den Raum. Es fühlt sich jedenfalls wie "schweben" an, doch ob er sich tatsächlich von der Stelle bewegt, kann er nicht feststellen. Immer wohler wird ihm und er lächelt den Lichtpunkten um ihn herum zu.
"Alles ist gut", denkt er.
Doch dann erschüttert ein ohrenbetäubender Lärm die Harmonie, ein Rappeln, Plärren, Rasseln. Verstört zuckt er von einer Seite zur anderen, schlägt wie wild um sich.
"Neeeeiiiinnn!", schreit er so laut er kann.
Schweißgebadet sitzt er auf seinem Bett. Der Wecker rappelt noch immer. Er reibt sich die Augen. Tränen kleben an seiner Wange. Sein Körper zittert, sein Kopf schmerzt unerträglich und scheint zerspringen zu wollen. Ein Traum? Oder noch nicht die richtige Zeit?
Stille.
Das also war das leuchtende Schweigen, von dem er immer geträumt hatte. Doch war nicht schon das Leben an sich das Paradies gewesen? Er hatte es doch immer in der Hand. Er hatte immer schon gewusst, dass sich die Welt nur wegen ihm dreht. Um ihn, mit ihm. Nur weil er wollte.