Sarah
von Katrin Zill
Der alte Mann saß zusammengesunken auf einem Stuhl im Verhörzimmer. Tränen liefen ihm über die Wangen, seine toten Augen starrten ins Leere, das irgendwo in der Mitte des Tisches sein musste. Mein Kollege hatte gerade genervt das Zimmer verlassen und stand nun fluchend neben mir hinter der Glasscheibe, durch die ich das Verhör verfolgt hatte. Diehsel, Hannes Diehsel. Was gab es zu diesem Mann zu sagen? Ich kenne ihn, er war damals mein Busfahrer gewesen. Jeden Morgen hielt er pünktlich an der Haltestelle in meiner Straße. Er hatte immer ein gutmütiges, lächelndes Gesicht. Ich mochte ihn. Unvorstellbar für mich, dass er irgend etwas mit dem Fund der zehn Kinderleichen zu tun haben sollte. Doch die Beweise waren erdrückend, das musste auch ich einsehen und trotzdem hoffte ich, dass dieser Mann, den ich immer für den korrektesten und nettesten Erwachsenen gehalten hatte, tatsächlich unschuldig war.
Plötzlich hob Diehsel seinen Kopf und starrte uns direkt in die Augen. Ich erschrak zuerst, doch erinnerte mich schnell daran, dass er uns durch die Scheibe überhaupt nicht sehen konnte.
„Sarah! Du kennst mich doch. Glaubst du wirklich, dass ich zu so etwas Abscheulichem tatsächlich fähig wäre?“
Seine Augen bohrten sich in meinen Kopf und kalter Schauer jagte mir den Rücken hinunter. Woher wusste der Alte, dass ich hier war. Er konnte mich weder sehen noch hatte mein Kollege Schmidt mich erwähnt. Nein, Diehsel konnte noch nicht einmal wissen, dass ich bei der Polizei arbeitete geschweige denn, wie ich heiße.
„Sarah, ich weiß, dass du hier bist.“ Diehsel sprach sehr langsam und schien durch das Glas hindurch zusehen. Sprachlos schaute ich Schmidt an, der zuckte nur mit den Schultern und fragte: „Kennt der dich?“
„Er war unser Busfahrer, doch das ist jetzt bestimmt 20 Jahre her. Und er hat mich nie angesprochen, keinen von uns Kindern. Eigentlich dürfte er mich gar nicht kennen.“ Während ich sprach sausten meine Gedanken zurück in die Vergangenheit und wühlten fieberhaft in meinen Erinnerungen. „Hab ich irgendwas übersehen?“, dachte ich. „Streng dich an, kennt er dich vielleicht doch und woher?“ Ich zermarterte mir den Kopf, doch der Alte riss mich sogleich aus meinen Gedanken.
„Sarah, hörst du mich? Rede mit mir! Ich war es nicht. Ich würde so etwas niemals tun. Du musst mir glauben. Ich liebe Kinder!“
Ich konnte mich nicht bewegen und starrte fast apathisch auf den Mann in unserem Verhörzimmer. Konnte es sein, dass er mich wirklich kennt? Doch viel Zeit zum Grübeln blieb mir nicht, denn auf einmal war Diehsel aufgesprungen, so dass sein Stuhl nach hinten über gekippt war. Langsam schlich er um den Tisch, seine Augen immer auf die Scheibe zwischen ihm und mir geheftet. Plötzlich rannte er mit einer Wucht gegen das Glas, die diese kurz erzittern ließ und trommelte dann mit seinen Fäusten wild dagegen. Ich stieß einen lauten Schreckensschrei aus und Schmidt zog reflexartig seine Waffe und richtete sie gegen die Scheibe. Für diesen Moment hatten wir völlig vergessen, dass die Kammer hinter dem Verhörzimmer absolut sicher war und nicht einmal ein Schuss die Glasscheibe zerstört hätte.
Schmidt ließ den Revolver sinken und atmete heftig.
„Sarah, komm wieder rein. Komm zurück! Ich habe nichts getan, glaube mir. Bleib bei mir! Lass mich nicht hier zurück.“ Tränen überströmt brach der Alte vor der Scheibe zusammen und rutschte auf den Boden. Ich hörte nur noch lautes Schluchzen und sah in Schmidts verwirrte Augen.
„Was meint der Alte mit 'komm zurück'?, fragte er mich. Ich zuckte mit den Schultern, denn ich wusste selbst nicht, was hier gerade geschah. Am Verhör war ich schließlich nicht aktiv beteiligt gewesen, sondern hatte die ganze Zeit hier im Verborgenen gestanden. Ist dieser Mann geistig verwirrt? Meint er am Ende gar nicht mich.
„Also, mir wird das langsam zu blöd hier. Ich lass den Alten abführen. Wir verhören ihn später noch einmal“, murrte Schmidt neben mir und ging Richtung Ausgangstür.
„Warte!“, murmelte ich fast geistesabwesend. Doch Schmidt hatte mich nicht mehr gehört und war schon zur Tür hinaus. Wie gebannt starrte ich in das Verhörzimmer und mir gefror das Blut in den Adern. Das, was ich jetzt dort sah, überstieg meine Vorstellungskraft bei weitem. Diehsel hatte sich wieder aufgerichtet und sah nun mit einem Lächeln in die Ecke neben der Scheibe, die ich von meiner Position aus gut sehen konnte.
„Sarah, meine liebe Frau, da bist du ja!“, jauchzte er und ging einen Schritt auf die Zimmerecke zu. Dort stand sie. Eine junge Frau, ganz aus weißem Nebel, der immer greller leuchtete. Sie lächelte und reichte ihm die Hand. Er streckte ihr seine entgegen und kaum hatten sich beide berührt, sank sein Körper leblos zu Boden und eine junge, männliche Nebelgestalt stand im Raum. Hand in Hand drehten sich beide auf einmal zu mir um und lächelten mir zu. Dann waren sie verschwunden.