Postlagernd

von Katrin Zill

„Entschuldigung.“
Lehmann zuckte zusammen.
„Oh, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte die Stewardess und fasste Lehmanns Schulter.
„Möchten Sie ein Kissen?“
„Gerne.“ Lehmann zitterte ein wenig, als die attraktive, blonde Flugbegleiterin ihm das weiche Kissen unter den Kopf schob. „Danke“, murmelte er leise und verlor sich wieder in seine Gedanken.
’Was für ein Tag, aber ganz ruhig! Keiner kann dir was’, redete er in Gedanken auf sich ein.
Der Platz neben ihm war frei geblieben und das kam Lehmann heute gerade recht, denn in ihm tobte es gewaltig und an Smalltalk hatte er im Moment überhaupt kein Interesse.
„Einfach nur weg“, murmelte der Mann leise und schloss die Augen.

Noch vor wenigen Stunden hatte er mit einem großen Päckchen auf dem Hauptpostamt in Köln gestanden und die 62 Euro Portogebühren in seiner Hand nass geschwitzt. Das Paket ging nach Dubai, mit falschem Absender. „Es soll eine Überraschung sein“, hatte er beteuert. ‚Und was für eine Überraschung’, dachte Lehmann. Vielleicht fiele es zunächst niemandem auf, dass das Poststück nicht abgeholt wird, doch nach einigen Tagen würde es mächtig zu stinken anfangen. Ebenso wie die drei anderen Pakete, die der Professor zuvor von drei weiteren Kölner Postämtern nach Sydney, Washington D.C. und Thessaloniki versendet hatte. Knapp 250 Euro hatte ihn das Ganze gekostet, doch das war es ihm Wert und eine andere Idee war ihm auf die Schnelle nicht eingefallen. Jetzt saß er im Flugzeug auf dem Weg nach Moskau. Die Kölner Uni hatte ihn zu einer dreijährigen Forschungsarbeit in die Staatliche Universität Lomonosov beordert. Das Land verlassen, das kam ihm gerade recht.

Prof. Dr. Ulrich Lehmann hatte seit Jahren einen Lehrstuhl für Chemie an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Er war ein typischer Fachidiot und wirkte ein wenig vertrottelt. Mit Frauen sah man den 46-Jährigen nie, dabei war er eigentlich gar nicht so unansehnlich. Er hatte etwas von Richard Gere, allerdings passte sein unmöglicher Kleidungsstil nicht in die Gegenwart, sondern schien eher ein Überbleibsel der guten alten 60-er zu sein, gekrönt von einer dicken hellbraunen Hornbrille und einem Haarschnitt, der jeder Beschreibung spottete.
Lehmann war eigentlich ein gutmütiger Mann, hilfsbereit und freundlich, jedoch nicht sehr gesellig. Nach getaner Arbeit verschwand er immer sofort aus der Uni; so manches Mal war er von seinen Kollegen dafür aufgezogen worden. „Oho, der muss schnell nach Hause, sonst gibt´s Saures!“, lachten sie oft. Wenn die wüssten! Lehmann bekam tatsächlich Ärger, wenn er nicht pünktlich zu Hause war, denn der Professor lebte in seinem Haus in Köln-Longerich mit einem richtigen Drachen zusammen: seiner Mutter, einer verbitterten alten Dame, die mit Argusaugen alle Aktivitäten ihres Sohnes überwachte. Sie bestimmte einfach alles; was es zu essen gab, wie ihr Sohn sich zu kleiden hatte, wann er wen treffen durfte und so weiter.

Der 46-Jährige lehnte sich zurück und atmete tief durch. Das Anschnallzeichen leuchtete auf und er prüfte noch einmal den Gurt seines Sitzes. Dann fuhr das Flugzeug auf die Startbahn und wenige Minuten später schwebte Lehmann durch die Luft seiner neuen Heimat entgegen. Die Anspannung, die ihn die letzten Tage begleitet hatte, wich jetzt langsam aus seinem Körper und er streckte zufrieden seine Beine aus.

Lehmann war ein Einzelkind; wie oft schon hatte er dies verflucht. Gern hätte er eine Schwester oder einen Bruder gehabt, damit sich die Launen seiner Mutter nicht nur auf ihn konzentrierten. Schon als Kind wurde er von ihr drangsaliert und herumkommandiert; sein Vater hatte sich sehr früh aus dem Staub gemacht. Als Lehmann sein Studium begann, fühlte er das erste Mal so etwas Ähnliches wie Freiheit. An der Kölner Uni lernte er auch Anna kennen, die erste und einzige Frau in seinem Leben, die ihm wirklich etwas bedeutet hatte. Es war die große Liebe, doch Mutter Agatha verhinderte diese Beziehung mit aller Macht und irgendwann gab Anna auf und verschwand. Vor einer Woche traf Lehmann sie bei einer Chemietagung im Bayer-Konzern wieder. Sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen, er wiederum nicht den Mut besessen, sie anzusprechen. Doch diese Begegnung riss die alte Wunde wieder auf und stieß in ihm eine Lawine an, die mächtig ins Rollen kam. Lehmann packte die Wut, blanker Hass auf seine Mutter, die sein Leben ruinierte und ihn wie einen Gefangenen hielt. Er wollte frei sein und überraschend schnell traf der Professor eine Entscheidung, wie dieser Weg in die Freiheit aussehen sollte.
Als Chemiker besaß er Zugang zu allen möglichen Chemikalien, doch Lehmann war viel zu loyal, um Universitätseigentum zu stehlen. So entschied er sich nach langem Hin und Her für eine recht unspektakuläre Methode, um seiner Mutter das Licht auszulöschen. An diesem milden Montagabend im Herbst kochte er der alten Dame einen sehr starken Tee, einen besonderen Tee. Er hatte seine Lieblings-CD eingelegt: Mozarts Requiem. Leise summte er das Lacrimosa mit, als er beinah andächtig das kochende Wasser über den zerbröselten Tabak einer ganzen Stange Camel in die Teekanne laufen ließ. Mit der linken Hand drückte er sich ein Taschentuch vor die Nase, um den Dampf nicht einzuatmen. Er wusste, dass der Dampf keine Giftstoffe mehr enthalten konnte, doch er mochte den Geruch einfach nicht. Lehmann ließ das Gebräu eine Weile ziehen und servierte das Getränk wenig später mit einem Schuss Sahne und Honig seiner Mutter. Still saß er ihr gegenüber und beobachtete, wie die 74-jährige erst hustete, laut zeterte, dann röchelte und schließlich leblos vom Stuhl rutschte. Er war frei, doch nun hatte Lehmann ein Problem: Wohin mit der Leiche?
Seine Mutter hatte ihm nie erlaubt, einen Führerschein zu machen. Weder er noch seine Mutter besaßen je ein Auto und deshalb konnte er sie nicht einfach in einen Kofferraum packen und irgendwo abladen. Mit dem Fahrrad eine Leiche nachts durch Köln zu transportieren, hielt er für zu gewagt und zu schwierig, auch wenn der Fühlinger See nicht weit weg war, in welchem er seine Mutter nur zu gern versenkt hätte. ‚Man fällt mit einem riesigen Bündel auf dem Gepäckträger einfach zu sehr auf’ , sagte er sich, ‚und in Köln kann man auch nachts jemanden auf der Straße treffen.’ Lehmann war ratlos.
Am nächsten Tag saß der Professor im Computerraum der Fakultät und fand schließlich die Lösung: Pakete! Nach langen Recherchen im Internet hatte er von einem kuriosen Mordfall gelesen, bei dem ein Koffer mit einer Leiche postlagernd versendet worden war und erst Tage später auffiel. Lehmann war begeistert. Ein Paket per Auftragsdienst ins Ausland zu schicken, kostete zwar eine hübsche Stange Geld, doch von seinem Professorengehalt konnte er sich das locker leisten. Zudem hatte er für seinen Forschungsauftrag in Moskau einen Zuschuss erhalten, der nicht gerade knapp bemessen war.
Sorgfältig hatte der Gelehrte die Webseite der Post studiert, auf der die maximale Paketgröße wie auch die Preise angegeben waren. Auch wenn seine Mutter für ihr Alter eine recht schlanke Frau war, mehr als 20 Kilo pro Paket waren einfach nicht möglich. Es gäbe zwar eine mächtige Sauerei, wenn Agatha in vier Päckchen verpackt werden müsste, doch Lehmann wollte es unbedingt auf diese Art erledigen und kaufte sich im Baumarkt alles, was er für die Verpackung der Leiche benötigte. Es zahlte sich jetzt aus, dass er jeden Tag mit dem Rad zur Uni fuhr und Wochenende für Wochenende zur Gartenarbeit genötigt wurde. Lehmann hatte eine unglaubliche Kondition und doch mehr Kraft in den Oberarmen, als man einem vertrottelten Uni-Professor zugetraut hätte. Sein Hass muss enorm gewesen sein, denn er zögerte keinen Moment, holte mit dem Beil weit aus und schlug zu.
Zwei Tage hatte es gedauert, die alte Dame komplett zu zerteilen, alle Leichenteile luftdicht zu verpacken, die Sauerei im Haus zu beseitigen und seine Mutter in vier Länder zu verschicken. Postlagernd. Die Beamten würden erst nach einigen Tagen den Gestank bemerken und die Poststücke öffnen, doch dann saß Lehmann schon im Institut in Moskau und erforschte die Synthese von organischen und metallorganischen Molekülen.