Das geheimnisvolle Amulett

von Katrin Zill

Es war schon weit nach Mitternacht als Neale am PC saß und seine Nachtelfen-Kriegerin durch die virtuelle Welt eines Onlinegames jagte. Der junge Bankangestellte liebte diesen Zeitvertreib im Internet, doch heute saß er angespannt in seinem Chefsessel, blickte ständig auf seine Uhr und schaute sich nervös im Zimmer um.
„Hey, Du bist heute überhaupt nicht bei der Sache, das nervt“, beschwerte sich der Zauberer, mit dem er gerade gemeinsam eine Mission erfüllen wollte.
„Sorry, ist nicht mein Tag heute. Muss noch was erledigen. Bin jetzt raus!“, tippte Neale in die Tastatur und meldete sich ab. Er fingerte das vergilbte Papier, das er vor wenigen Tagen von einem Unbekannten per Post zugesendet bekommen hatte, von dem Stapel Zeitschriften neben seinem Monitor. Für eine Weile blieb er stumm am Schreibtisch hocken, während er auf den Zettel starrte. Dann sprang er plötzlich auf und lief in die Küche.

'Also dann', dachte Neale und las noch einmal, was auf dem Papier stand. Er stellte sich in die Mitte seiner Küche, streckte die rechte Hand aus und hielt sie mit den Handflächen nach unten und weit gespreizten Fingern genau über den Boden. Er zitterte etwas. 'Soll ich wirklich', dachte er und zögerte für einen Moment. Ein kalter Schauer jagte ihm über den Rücken. 'Was ist, wenn...', doch der junge Mann hielt inne und blickte auf den Boden unter seinen Füßen. „Heute ist Vollmond, also DIE Chance, ich muss es einfach probieren“, sagte er laut, holte tief Luft und beschwor mit fester Stimme: „Eudaimonia! Eudaimonia! Eudaimonia!“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, wurde der Raum von violetten Blitzen in grelles Licht getaucht. „Ah“, schrie Neale und hielt sich schützend die Hände vor die Augen. Als er durch seine Finger blinzelte, nahm er vor seinen Füßen schimmernde Linien wahr, die ein großes Quadrat auf den Boden zeichneten. „Also stimmt es“, murmelte er und starrte wie gebannt auf das Schauspiel.

Lange Zeit blieb Neale nicht, das Ganze zu bewundern, denn genau so schnell, wie das Licht entflammte, erlosch es auch wieder. Zurück blieb eine schwere, hölzerne Falltür in der Mitte seines Küchenbodens. „Gut, dann los“, sprach sich Neale Mut zu, packte den ringförmigen Griff der Tür und zog. Blut schoss ihm ins Gesicht und färbte es dunkelrot. „Man ist das Ding schwer“, schnaufte Neale. Dann zerrte er die Tür schwungvoll nach oben und mit einem lauten Krachen fiel sie hinten über auf den Boden. „Mist!“, entfuhr es dem jungen Mann. Er lauschte, doch es war alles ruhig und kein Nachbar schien von seiner nächtlichen Aktivität etwas zu bemerken. Beherzt griff er sich nun eine Taschenlampe und leuchtete in die Tiefe. Eine steile Steintreppe führte spiralförmig nach unten. „Irgendwie unheimlich, aber ich muss da rein“, sagte Neale entschlossen und stieg jetzt langsam und vorsichtig hinunter in die Tiefe.

Neale standen die Schweißperlen auf der Stirn, als er nach einiger Zeit endlich am Fuß der Steintreppe angekommen war. Neugierig erkundete er mit seiner Taschenlampe die Umgebung. Der junge Mann stand mitten in einem kreisförmigen Gewölbe mit vier großen, reich verzierten Holztüren. Auf jeder war ein Emailleschild befestigt, auf dem eine himmelblaue römische Zahl gemalt war. „33, 27, 42, 13. Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“ Neale stand ratlos da und blickte von einer Tür zur nächsten. Wo ging es weiter? Dann fiel ihm plötzlich seine Kollegin Julie ein. „42, das ist die Antwort auf alle Fragen.“ Mit diesem Spruch aus einem bekannten Kinofilm hatte sie ihn immer genervt. 'Das ist zwar irgendwie albern, aber ich kann es ja mal versuchen', dachte Neale und griff zaghaft nach der Klinke der Tür mit der Nummer 42. Er drückte sie nach unten und staunte, wie leicht sich die Tür öffnen ließ. Doch dann erstarrte er und vergaß vor lauter Aufregung fast zu atmen. Der Eingang war komplett mit einer violett glitzernden Masse ausgefüllt. Als Neale sich beruhigt hatte, streckte er neugierig seine Hand aus und berührte das gallertartige Zeug mit der Spitze seines Zeigefingers. „Brr, ist das kalt. Da muss ich doch jetzt nicht durch, oder?!“ Unschlüssig stand er da und schaute sich um. Er überlegte kurz und lief dann auf die Tür mit der Nummer 33 zu und versuchte sie zu öffnen. Fehlanzeige. Der runde Knauf ließ sich keinen Millimeter bewegen. „Gut, dann eben eine andere“, knurrte Neale und marschierte zur Nummer 27. Mit Leichtigkeit sprang diese Tür auf, doch dahinter war nur verrottetes Mauerwerk. Auch bei der letzten Tür war kein Durchkommen und Neale trat wieder vor den lila Schleim. Es schien, als hätte er keine andere Wahl. „Auch wenn ich mir das jetzt überhaupt nicht vorstellen kann, aber der Weg scheint genau durch diesen ekligen Wackelpudding zu führen“, schnaufte Neale. Er atmete tief durch und steckte vorsichtig seine rechte Hand bis zum Handgelenk in die lila Masse. Blitzschnell zog er sie wieder heraus und betrachtete sie. Sie war in Ordnung und nicht ein Tröpfchen des Glibberzeugs war an seinen Fingern kleben geblieben. Erneut bohrte er seine Hand tief in die Pampe. Jetzt atmete er noch einmal ganz tief ein, schloss die Augen und folgte seiner Hand ins Ungewisse. Kaum war er mit seinem ganzen Körper in dem Glibber eingetaucht, wurde er plötzlich von einer unsichtbaren Kraft nach vorn gesogen. Sekunden später fiel Neale auf der anderen Seite aus der Masse in eine großes Grotte.

„Wow!“, rief er aus und seine Stimme hallte an den Wänden wieder. Im Schein mehrerer Fackeln glitzerten überall Amethyste an den Wänden und tauchten den Raum in violettes Licht. In der Mitte stand auf einem steinernen Sockel eine kleine, silberne Truhe. Wie von einer unsichtbaren Kraft geführt griff Neale in seine Hosentasche und zog auf einmal einen kleinen silbernen Schlüssel heraus. „Wo kommt der denn her?? Mysteriös!“ Fast andächtig betrachtete er das kleine Ding in seiner Hand und eine wohlige Wärme füllte mit einem Mal seinen ganzen Körper aus. Er fühlte sich plötzlich sicher und geborgen. Langsam ging er nun zur Truhe. Eine merkwürdige Stille legte sich über ihn und irgendwie hatte Neale plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Die Geborgenheit, die ihn eben noch durchströmte, war wie weggeblasen und Neale wurde nervös. Hektisch blickte er ständig nach links und rechts, immer in der Erwartung, dass ihm Irgendwas um die Ohren flog. Doch nichts passierte, es war mucksmäuschen still. Das glänzende Kästchen zog ihn magisch an und Schritt für Schritt schlich er vorsichtig auf den Sockel zu. Sein Herz schlug bis zum Hals und seine Hände zitterten. Geschafft! Er stand auf der Stufe des breiten Sockels, das Kästchen zum Greifen nahe. Langsam steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtig nach rechts. Mit einem leisen Klick sprang das Schloss auf und Neale öffnete behutsam den Deckel. Plötzlich durchdrang ein unerträglich lauter, schriller Ton den Raum und grelles Licht schoss aus der Truhe. Erschrocken und vom Lichtstrahl geblendet taumelte der junge Mann einen Schritt beiseite und hielt sich die Ohren zu. Der Lärm im Gewölbe wurde immer lauter und lauter, bis der ganze Raum zu vibrieren anfing. Neale krümmte sich vor Schmerz. Kurze Zeit darauf erstarb das Geräusch und eine schauerliche Stille breitete sich aus wie dicker Nebel. Die Fackeln waren ausgegangen und das einzige schwache Licht in der Höhle kam nun aus der kleinen Truhe. Noch etwas benommen nahm Neale seine Hände vom Kopf und näherte sich erneut zaghaft dem Kästchen. Vorsichtig und auf alles gefasst lugte er hinein.

Mittendrin lag auf smaragdgrünem Samt gebettet ein silbernes Amulett. Es war rund und fast so groß, wie Neales Handfläche. Es hing an einer dünnen Kette und sah aus, wie unzählige ineinander verknotete Schlangen, in deren Mitte ein daumennagelgroßer Smaragd eingefasst war. Neale nahm vorsichtig das Kleinod auf und betrachtete es von allen Seiten. Auf der Rückseite entdeckte er eine Inschrift. Die eingravierten Zeichen hatte er noch nie gesehen. „Was mag das bedeuten“, flüsterte er und strich mit seinem Finger sanft über die Gravur. Während er so das Amulett streichelte, fühlte er ein ungewöhnliches Prickeln, das immer wärmer wurde und ihn schließlich in die Fingerkuppe brannte. „Au!“, rief er und steckte sich schnell den Finger in den Mund und beobachtete jetzt erstaunt, wie sich plötzlich die Inschrift auf dem Amulett veränderte. Aus den Zeichen wurden Buchstaben, die er verstand. Neale zog den Finger aus dem Mund und las die Worte laut: „Möge die Pforte sich öffnen!“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wurde der Lichtschein aus der Silbertruhe gleisend hell. Als das Licht erlosch, war Neale verschwunden.