Die Mutprobe
von Katrin Zill
Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und sah Tom vor meinem Bett stehen.
„Hey! Aufwachen! Haste uns vergessen?“ Mit Schwung riss er mir die Bettdecke weg und wollte mich am Fuß aus dem Bett zerren.
„Schon gut, ich komme ja“, sagte ich und rappelte mich auf. Natürlich hatte ich die Mutprobe nicht vergessen. Wir hatten uns für heute Nacht verabredet, weil meine Eltern beim Tanz waren und nicht merken würden, dass ich für ein paar Stunden das Haus verließ.
Es fühlte sich an, als wäre es gestern gewesen, dabei ist dieser Abend nun schon 50 Jahre her. Ich stehe am Grab meiner Eltern und plötzlich kommen all die Bilder wieder hoch, die mich so unendlich traurig machen.
Tom war damals schon 15 und hatte das Sagen in der Gruppe. Die Zwillinge, gerade 14 geworden, fanden alles klasse, was Tom so ausheckte. Maxime war so alt wie ich, 13, und irgendwie verstand ich mich mit ihm am besten. Doch Tom´s Bande war beliebt und jeder wollte dazu gehören. Nachdem meine Eltern mit mir hier nach Paris gezogen waren, wollte ich natürlich auch dazu gehören. Die Mutprobe war meine Aufnahmeprüfung in die Gruppe.
„Jetzt mach, die anderen warten schon“, meckerte Tom. Ich zog mich an und auf dem Weg nach draußen schnappte ich mir noch meine Jacke und die Schlüssel.
„Hey, Hugo!“, begrüßte mich Maxime. Neben ihm standen die Zwillinge Louis und Alexandre.
„Hier, die wirst du brauchen.“ Maxime hielt mir seine neue Taschenlampe entgegen. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Friedhof.
Nach einer halben Stunde kamen wir am Friedhof an. Es war stockdunkel, der Mond von Wolken bedeckt. Ich hatte Angst, versuchte aber, es mir nicht anmerken zu lassen. Wir kletterten über den Zaun und machten uns auf den Weg zu der alten Familiengruft am anderen Ende des Friedhofes. Jeder machte einen großen Bogen um die Gruft, denn sie hatte etwas Unheimliches an sich. Als wir davor standen, bereute ich schon fast meinen Entschluss, die Prüfung zu machen. Die Mauern waren verwittert und bröckelten an manchen Stellen und die Inschrift über der zerschlagenen Tür war so stark zerstört, dass man sie nicht mehr lesen konnte.
„Jetzt kannst du dich beweisen“, sagte Tom. „Du gehst da runter, bleibst fünf Minuten unten und dann kommst du einfach wieder hoch. Das ist alles.“
„Das ist alles“, dachte ich und mir wurde schlecht. Ich fand, nachts auf einem Friedhof zu stehen, war schon Mutprobe genug, doch an einen Rückzug war jetzt nicht mehr zu denken. Das hätte meine Chancen, in die Bande zu kommen, endgültig verspielt. Und dazu zu gehören, war mir wichtig. So ging ich langsam auf die Tür zu und drückte sie vorsichtig auf. Ich drehte mich noch einmal um und sah in die Gesichter der anderen. Maxime sah ängstlich aus, als er mir die Daumen drückte. Dann ging ich hinein und langsam die Stufen hinunter.
Als ich unten ankam, versperrte mir ein Eisengitter den Weg. Ich leuchtete durch die Gitterstäbe und sah eine Grabkammer mit drei steinernen Särgen in der Mitte. Vorsichtig legte ich meine Hand auf die Gittertür und hoffte, dass diese fest verschlossen war. Dann könnte ich hier ausharren, bis die Zeit um war, und müsste nicht zu den Särgen gehen. Als ich die Tür drückte, ging sie jedoch ganz leicht auf, wie von selbst.
„Mist!“, entfuhr es mir. Ich atmete tief durch und ging mit klopfenden Herzen in den Raum und blieb vor einem der Särge stehen. Der Deckel war ein wenig zur Seite geschoben und ich sah, dass er mit schwarzem Stoff ausgelegt war, der relativ neu aussah. Plötzlich lief mir ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter und ich spürte, dass jemand hinter mir stand. Mein Herz hämmerte wild und langsam drehte ich mich um, in der Hoffnung, ich würde mich irren. Doch die Hoffnung schwand, als ich in die bleichen Augen eines Mannes sah. Seine schwarzen Haare hingen ihm über die Schultern und sein Gesicht war aschfahl. Durch seine schwarze Kleidung wirkte er richtig unheimlich.
„Da bist du ja endlich. Wir haben bereits auf dich gewartet“, sagte der Mann ruhig und sah mir tief in die Augen.
Ich zitterte und starrte ihn an.
„Wir? Wen meint er mit 'wir'“, dachte ich. Meine Hand krampfte sich immer fester um die Taschenlampe, die ich zitternd auf den Mann gerichtet hielt.
„Meine Gefährtin und ich“, antwortete er auf meine Gedanken. „Maeva, komm mein Liebling, er ist da.“
„Maeva? Was … wer …“
Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, wie als wenn Steinplatten übereinander gezogen werden. Blitzschnell drehte ich mich um und sah, dass jetzt ein zweiter Sarg offen stand.
„Wie kann das sein?“
Langsam drehte ich mich wieder um und erschrak, denn neben dem Dunkelhaarigen stand jetzt eine wunderschöne Frau, deren silbernes Haar im Schein meiner Taschenlampe glänzte.
„Ja, er ist es, Antoine. Er ist wunderbar“, sagte sie und lächelte. Als sie die Mundwinkel nach oben zog, sah ich plötzlich ihre langen, scharfen Eckzähne. Auch ihr Gefährte lächelte und zeigte seine spitzen Zähne. „Vampire? So etwas gibt es doch nicht“, sagte ich plötzlich laut und erschrak über meine Stimme.
„Doch, uns gibt es, Hugo, und nun sind wir endlich eine Familie“, antworte Maeva leise.
Mit einem Mal begriff ich und von Angst gepackt rannte ich auf die eiserne Tür zu. Doch die war mit einem Mal fest verschlossen.
Seit diesem Abend bin ich keinen Tag älter geworden. Oft habe ich nachts meine wahre Familie besucht und sie heimlich durchs Fenster beim Schlafen beobachtet. Doch irgendwann wurde der Schmerz zu groß. Jetzt haben sie ihren Frieden gefunden.