Das große Abenteuer eines kleinen Apfels

von Katrin Zill

Es war in Weimar. Der Tag war widerspenstig wie im April. Sonne und Regen spielten Katz und Maus. Doch mir war das egal. Ich hatte Urlaub und wollte den Tag genießen.

Mila hatte sich schon aus dem Staub gemacht. Sie war nicht scharf auf Kultur und so machte ich mich mit Helen und Tine auf den Weg zum Goethehaus. Wir studierten den bunten Plan des Parks und schätzten, dass der Weg bis dort hin nicht so weit sein kann.

Wir gingen los, immer gerade aus. Es tröpfelte ein wenig und die Blätter der Bäume spannten sich über uns wie kleine Regenschirme. An der nächsten Gabelung ging es eine enge Steintreppe nach unten und durch einen felsigen Torbogen in den Park. Als ich das weite Gelände sah, fühlte ich mich wie bei der Entdeckung eines neues Landes.

Es hatte endlich aufgehört zu regnen. Die Luft roch frisch und sauber. Auf der Wiese links neben dem Weg stand ein kleiner Junge. Er hielt in seinen Händen einen Apfel, den er verwundert anstarrte. Seine Mutter entdeckte ich wenige Meter entfernt unter einem Baum. Sie kramte in einem riesigen Korb herum und schien die Welt um sich herum vergessen zu haben.

Kaum hatte der Junge uns bemerkt, kam er auf uns zugelaufen. „Guck mal, ein Apfel“, quasselte er. „Oh, lecker. Willst du den nicht essen“, fragte ich. „Nein! Der hat einen Wurm“, klagte der Kleine und hielt mir das Obst unter die Nase. Tatsächlich. Ein kleiner Wurm guckte beinah schadenfroh aus seinem Fraßloch.

„Wie heißt du?“, fragte ich. „Anton.“ „Sag mal Anton, kennst Du die Geschichte vom Apfel und dem Wurm in Goethes Schreibzimmer?“ Der Junge schüttelte den Kopf. „Dann pass mal auf“, sagte ich und begann die Geschichte vom Apfel, der an einem Baum in Goethes Garten hing:

Eines Tages erklomm der kleine Wurm Oskar den Baum und ließ sich über den Stiel direkt auf den kleinen Apfel fallen. Gerade als Oskar genüsslich in den Apfel beißen wollte, protestierte dieser: „Was soll das werden und wer bist du?“ „Ich bin Oskar, der Wurm, und ich habe Äpfel zum fressen gern“, antwortete das kleine Tier. „Oh, ich will aber nicht gefressen werden“, entgegnete der Apfel.

Die beiden zankten eine ganze Weile, ob sich der Wurm nun durch den Apfel fressen darf oder nicht. Am Ende hatte der Apfel den kleinen Schlingel überzeugt, ihn vorerst zu verschonen. Stattdessen machten sie einen Handel: Wenn Oskar ihn vom Baum weg bringen könnte, dann darf er in den Apfel einziehen.

Gesagt getan, der Wurm nagte den Stiel des Apfels durch, bis schließlich beide zu Boden fielen. Etwas benommen rappelte Oskar sich auf und begann, den Apfel voran zu rollen. Doch plötzlich stießen sie auf einen Widerstand, an dem es nicht mehr weiter ging. Beide blickten nach oben und sahen eine merkwürdige riesige Gestalt vor sich stehen.

Mit aller Kraft versuchte Oskar den Apfel zu schieben, doch vergebens. Die Gestalt wich nicht von der Stelle und der Apfel bewegte sich keinen Millimeter mehr. Dann plötzlich griff sich das riesige Wesen den Apfel und hob ihn weit hoch in die Luft. Vor lauter Schreck hatte sich Oskar am Apfel fest gebissen und wurde mit in die Höhe gezogen.

Der Gigant setzte sich in Bewegung und trug die beiden mit sich, brachte sie ins Haus, hinauf in ein kleines Zimmer und legte sie liebevoll auf einen platten Stamm, seinen Schreibtisch, ab. Der Apfeldieb setzte sich, nahm ein Blatt Papier, tauchte eine Feder in ein Tintenfass und kritzelte auf dem Bogen herum.

Erst sehr viel später erfuhren unsere beiden Helden, dass es Goethe war, der sie in sein Studierzimmer gebracht hatte. Inspiriert von dem glänzenden, duftenden Obst hatte der Meister dort eine Ode an den Apfel geschrieben – die leider aus seinem Nachlass verschwunden ist.

Staunend blickte Anton jetzt auf seinen Apfel. „Ist das der Apfel aus deiner Geschichte?“, fragte er mich. „Nein, aber vielleicht sein Urururenkel. Oh, sieh mal, der Wurm ist verschwunden“, antwortete ich. „Jetzt komm schon Kate, erzähl hier keinen Blödsinn, wir wollen doch ins Goethehaus.“ Meine Freundinnen, die mich am Ärmel zupften, hatte ich beinah vergessen.