Das geheimnisvolle Geschenk
von Katrin Zill
Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere sogar.
„Ich will es aufmachen! Gib schon her!“ Aufgeregt hüpfte Niklas vor seiner Mutter auf und ab.
„Ist es von Papa? Jetzt sag schon: ist es von Papa?“
„Langsam, langsam“, versuchte Ilse ihren Sohn zu beruhigen.
„Es ist von Papa.“
„Jaaaaa, jaaaaa! Mein Geschenk! Mein Geschenk!“, brüllte der Kleine los.
Er feierte seinen zehnten Geburtstag und das erste Mal war Vater Rolf nicht daheim bei seiner Familie. Er ist Archäologe und in Nepal machten seine Kollegen eine unglaubliche Entdeckung. Er musste sofort hin. Eine streng geheime Sache.
„Ich kann und darf es noch nicht sagen, auch dir nicht, mein Schatz“, hatte Rolf seine Frau beschwichtigt, die ihn mit Fragen löcherte.
„Mach dir keine Sorgen, in einem Monat spätestens bin ich wieder zurück.“
Seit seiner Abreise vor zehn Tagen hatte er zwar jeden Abend angerufen, doch Ilse vermisste ihren Mann sehr, besonders heute an Niklas Geburtstag.
„Mein Geschenk von Papa. Kann ich es jetzt endlich aufmachen?“
Ungeduldig zog Niklas an der Paketschnur.
„Nik, jetzt lass es mich doch erst einmal abstellen!“
Ilse setzte das Paket auf dem Küchentisch ab.
„Ich bin ja wirklich gespannt, was Rolf unserem kleinen Racker hier eingepackt hat“, murmelte die Mutter und nestelte neugierig an der Paketschnur.
„Ich hab die Schere“, riss sie Niklas aus ihren Gedanken.
Sie nahm ihm die Schere ab, schnitt die Schnur durch und riss das braune Packpapier auseinander. Zum Vorschein kam eine Holzkiste, die mit lauter merkwürdigen Ornamenten bemalt war.
„Da brauchen wir wohl Werkzeug“, meinte Ilse und stöberte schon in der Schublade.
„Ah, ein Schraubenzieher, der wird gehen.“
Während Niklas die Kiste mit beiden Händen festhielt, versuchte Mutter Ilse den Deckel aufzuhebeln.
„Geschafft“, seufzte sie nach einiger Kraftanstrengung.
Die Nägel waren draußen und kaum hatte Ilse den Deckel genommen, wühlte Niklas schon in der Holzwolle, mit der die Kiste bis zum Rand gefüllt war. Plötzlich zog er eine grünlich braune, nicht ganz 20 Zentimeter große Statue aus der Box. Ilse verzog ihr Gesicht.
„Was ist das denn?“
Kopfschüttelnd sah sie sich die Figur an. Es war ein aufrecht stehender Bär, der seine Vorderpranken weit nach vorn streckte, so als würde er jemanden packen wollen. Sein Gesicht hatte einen grimmigen Ausdruck.
„Das ist keine Actionfigur. Wahrscheinlich naive Kunst oder so was“, murmelte sie und fragte sich insgeheim, was Rolf sich wohl dabei gedacht hatte. Wahrscheinlich nichts, wie immer. Manchmal glaubte sie, ihr Mann wäre schon erwachsen auf die Welt gekommen, da er überhaupt kein Gefühl für die kindliche Welt zu haben schien, zumindest, wenn es um die Auswahl der Spielsachen für ihren Sohn ging.
„Ein Bär! Toll!“ Mit strahlenden Augen streckte Niklas die Figur seiner Mutter entgegen.
„Mama, hier, fühl´ mal. Der ist ganz kalt.“
Ilse nahm die Figur in die Hand.
„Mmh, scheint aus irgend einer Art Metall zu sein. Sie ist schwer. Sei bloß vorsichtig damit Nik“, sagte sie.
„Ich geh spielen!“, rief der Junge, schnappte sich die Figur und rannte aus der Küche. Ilse sah ihrem Sohn hinterher, dann drehte sie sich um und machte sich einen Kaffee.
Der Tag war wie im Flug vergangen. Niklas hatte mit seinen Freunden gefeiert und Ilse war unentwegt damit beschäftigt, die Rasselbande im Zaum und mit Leckereien und spannenden Spielen bei Laune zu halten. Seinen Vater hatte Niklas völlig vergessen. Erst am Abend, als die anderen Kinder wieder zu Hause waren und er im Bad stand und seine Zähne putzte, kam die Sehnsucht nach dem Vater wieder hoch.
„Wann kommt Papa“, fragte er müde.
„Bald, Niklas, bald.“
Erschöpft und glücklich lag der Zehnjährige wenig später in seinem Bett. Auf seinem Schreibtisch am Fenster stand nun sein neuer Freund – der Bär. Stolz bewunderte Niklas die Figur.
„Gute Nacht!“, flüsterte er ihr zu und gähnte. Dann knipste er das Licht aus. Gerade wollte Niklas sich umdrehen, da bemerkte er, wie plötzlich kleine grüne Lichtblitze aus der Figur herausschossen. Der Junge riss erstaunt die Augen auf. Sekunden später war sein Zimmer in gleißend grünes Licht getaucht.
„Wow!“, flüsterte Niklas beeindruckt. Er setzte sich aufrecht hin und hielt sich die Hände schützend vor die Augen.
„Das ist ja irre!“
Auf einmal hörte er eine leise, tief knarrende Stimme.
„Baza buhr-ke! Baza buhr-ke!“
Niklas blickte sich erschrocken um. Da, schon wieder!
„Baza buhr-ke! Baza buhr-ke!“
Der Kleine suchte irritiert den ganzen Raum ab. Nichts. Er war allein, niemand sonst war im Zimmer. Die knarzende Stimme wurde etwas lauter und klang jetzt richtig bedrohlich.
„Baza buhr-ke! Baza buhr-ke!“
Niklas bekam es mit der Angst zu tun. Zitternd rutschte er ganz nah an die Wand und schlang die Bettdecke um sich.
„Mama, Mama! Ich hab Angst“, rief er.
Doch sein dünnes Stimmchen hörte er selbst kaum. Kreidebleich sah er den kleinen Bären auf seinem Nachtisch an. Die Augen seines neuen Spielzeugs funkelten blutrot und der Bär bewegte langsam seine Glieder.
„Mama!“, rief der Junge verzweifelt. Doch Ilse war längst erschöpft vorm Fernseher eingeschlafen.