Genug!
von Katrin Zill
Wie gelähmt saß Paula auf der Bettkante. Ihr Körper fühlte sich an wie Blei. Ein leises Summen erfüllte das Zimmer. Oder war es nur in ihrem Kopf? Draußen zwitscherten die Vögel. Ein Hahn begrüßte den Morgen. Apathisch starrte Paula auf die Kommode an der Wand. Auf dem dunkelbraunen Möbelstück steht ein Foto. Eine Aufnahme aus dem Park. Damals, als Jörg ihr den Antrag gemacht hatte.
Ein richtiger Charmeur war Jörg zu der Zeit gewesen. Er las seiner Liebsten jeden Wunsch von den Augen ab. Das Picknick war seine Idee. Wie ein kleiner Junge freute er sich auf diesen Nachmittag und bereitete heimlich alles vor. Beinah hätte er Paula mit seiner Heimlichtuerei eifersüchtig gemacht. Aber er war nun mal ein unverbesserlicher Perfektionist und an dem Tag, an dem er ihr einen Heiratsantrag machen wollte, sollte alles stimmen.
Und er hatte Glück. Wochen zuvor hatte es wie aus Kübeln gegossen. An seinem Sonntag schickte der Himmel statt Tropfen herrlich warme Sonnenstrahlen. Aufgeregt führte er Paula zu seiner Lieblingsstelle im Park. Er hatte ihr die Augen verbunden, um es besonders spannend zu machen. In seiner anderen Hand schleppte er den prall gefüllten Picknickkorb.
„Jörg, was soll das werden?“
Paula war verunsichert. Sie kam sich so blöd vor, mit verbundenen Augen durch den Park zu stolpern. Die Vorstellung, von zig Augenpaaren beobachtet zu werden, behagte ihr gar nicht. Doch es sollte ein unvergesslicher Nachmittag werden. Jörg hatte wirklich an alles gedacht. Während Paula blind und ahnungslos vor ihm stand, füllte er Sekt in zwei Plastikbecher und ließ in einen den silbernen Ring plumpsen. Dann stellte er sich hinter Paula, zog ihr das Tuch von den Augen und hielt ihr den Sekt vor die Nase. „Willst du mich heiraten?“ Überglücklich fiel sie ihm um den Hals.
Doch nach der Hochzeit fingen dann die Probleme an. Er soff, wurde unausstehlich, gewalttätig. Es waren oft nur Kleinigkeiten, wegen denen er ausflippte und die Beherrschung verlor. Einmal hatte er sie so windelweich geprügelt, dass Paula eine Woche nicht das Haus verlassen konnte. Und danach ging sie noch eine Weile nicht ohne Sonnenbrille und dickem Make Up vor die Tür. Anfangs entschuldigte er sich für seine Ausrutscher, brachte Blumen mit oder Pralinen. Doch irgendwann hörte auch das auf. Es war die Hölle.
Paula hatte genug. Sie war verzweifelt. Sie spürte kein Gefühl mehr in ihrem Körper, als sie dem Schlafenden das Küchenmesser mit aller Kraft in die Brust rammte. Schrecksekunden, als er abrupt die Augen öffnete, sie packte und anschrie. Mit ihrem ganzen Körpergewicht wuchtete sie sich auf das Messer und drückte es immer tiefer und tiefer in seinen Leib. Sein Todeskampf dauerte nicht sehr lange. Aus dem Brüllen wurde bald ein leises Röcheln und dann war es still. Seine Arme ließen von ihr ab und fielen schlaff auf das Bett. Das Laken färbte sich dunkelrot von seinem Blut, das von der Bettkante auf den cremefarbenen Teppich tropfte.
Jetzt saß Paula erschöpft auf der Bettkante und starrte auf das Messer in ihrer zitternden Hand. Sie blickte wieder zur Kommode hinüber, auf das Foto von damals.
„Soweit hast du mich also getrieben“, presste sie leise hervor und Tränen quollen aus ihren Augen. Es klingelte an der Wohnungstür.
„Frau Hellmann, brauchen Sie Hilfe?“, hörte Paula ihre Nachbarin wie aus weiter Ferne rufen. „Die Polizei ist unterwegs!“