Ihr erstes Mal
von Katrin Zill
„Clarissa! Was hab ich nur getan?“ Ihr Kopf schien zu zerplatzen. Innerlich stellte sich Andrea immer wieder dieselbe Frage, fand aber keine Antwort darauf. Schluchzend saß sie auf dem harten Stuhl vor dem Verhörzimmer und wartete auf irgend jemanden, der ihr mitteilten konnte, was jetzt mit ihr passiert. Das Stimmengewirr in dem großen Raum drückte wie Blei auf ihre Ohren. Andrea traute sich nicht, auch nur einen Blick zu riskieren und krallte ihre Hände noch tiefer in ihre Handtasche. Was gäbe sie jetzt dafür, sich unsichtbar machen zu können. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis wie ein Kettenkarussell: Clarissa ist tot.
Vor zwei Tagen hatte Andrea ihre Freundin zum letzten Mal gesehen. An ihrem freien Tag besuchte sie Clarissa in ihrem Hotel. Sie wollten gemeinsam frühstücken und über alte Zeiten plaudern. Doch nach kurzer Zeit war Andrea heulend aus Clarissas Hotelzimmer gerannt und prallte auf dem Gang mit einem Zimmermädchen zusammen, das gerade schmutzige Handtücher in ihren Putzwagen warf. Unten in der Lobby rempelte Andrea dann auch noch den Portier an, bis sie endlich draußen war. Seitdem hatte sie mit Clarissa nicht mehr gesprochen und war sehr wütend gewesen, dass ihre Freundin sich nicht bei ihr gemeldet hatte. Heute Morgen stand plötzlich die Polizei vor Andreas Wohnungstür und nahm die verdatterte junge Frau mit aufs Revier.
„Frau Hausmann, kommen Sie bitte.“ Erschrocken blickte Andrea auf. Vor ihr stand eine sportliche Frau, die sie mit einem freundlichen, aber bestimmten Gesichtsausdruck ansah. Ihre dunkelblonden Haare fielen leicht geschwungen auf ihre Schultern, sie war nicht geschminkt und trug auch keine Polizeiuniform.
„Kommen Sie. Hier entlang. Setzen Sie sich.“
Bereitwillig ließ sich Andrea in das Verhörzimmer dirigieren und setzte sich an den grauen Tisch.
„Ich bin Kommissarin Bruck. Wir werden uns jetzt einmal ein bisschen über ihre Freundin unterhalten“, begann die Beamtin ruhig das Gespräch.
Charlotte Bruck hatte ihren ersten freien Abend seit Tagen gehabt und wollte den mit ihren beiden Töchtern vor dem Fernseher verbringen. Sie waren gerade dabei Popcorn zu machen, als der Anruf vom Revier kam. Totes Model im Hotelzimmer, Tatwaffe vermutlich ein Kerzenleuchter, Schmuck, Geld und zwei Kleider gestohlen. Charlotte hasste es, ihre Kinder zu vertrösten und fragte sich an solchen Abenden, ob sie wirklich den richtigen Job hatte. Vor allem nachdem Henry bei einem Unfall ums Leben kam, wollte sie für die beiden so oft da sein, wie sie nur konnte. Doch es half nichts, sie musste zum Tatort. Die Nachbarin war wie immer bereit, auf die beiden Mädchen aufzupassen.
„Frau Hausmann, wir haben Ihre Fingerabdrücke am Kerzenleuchter in Frau Bartons Zimmer gefunden und der Portier hat sie vorhin bei der Gegenüberstellung eindeutig wieder erkannt. Wann waren Sie am Dienstag bei Clarissa Barton im Hotelzimmer?“
„Das war gegen neun, halb zehn“, murmelte Andrea und blickte auf die Tischplatte.
„Bitte erzählen Sie noch einmal ganz von vorn, was dort an diesem Morgen passiert ist.“
Andrea blickte verstohlen auf und sah die Kommissarin an. Sie atmete tief durch und erzählte:
„Clarissa hatte an diesem Abend eine Modenschau hier in Berlin. Wir haben uns zum Frühstück in ihrem Hotelzimmer getroffen, weil sie nicht so viel Zeit hatte, zu mir zu kommen und sie am nächsten Tag schon wieder nach Paris musste. Wir hatten uns lange nicht gesehen.“
Andrea schniefte.
„Sie hat so viel Erfolg und bei mir läuft alles schief. Wir haben uns gestritten, warum, weiß ich nicht mehr. Aber sie hat mich provoziert, die ganze Zeit, sie hat mich provoziert, ehrlich, sie hat das alles selbst zu verantworten.“
„Ihre Freundin ist tot, Frau Hausmann“, entgegnete Bruck.
„Ja, ich wollte sie ja nicht umbringen, aber dass ich sie mit dem Kerzenleuchter geschlagen habe, ist ihre Schuld“, keifte Andrea zurück.
„Was haben sie mit den Sachen von Frau Barton gemacht?“
„Welche Sachen? Was meinen sie“, fragte Andrea verwirrt.
„Nun, ich meine den Schmuck und die beiden Haute-Couture-Kleider, die sie an diesem Abend tragen sollte“, antwortete die Kommissarin.
„Was? Ich hab sie nicht bestohlen, wenn sie das meinen. Ich hab ihr den Leuchter an den Kopf geworfen und bin dann raus gerannt. Das hatte ich doch schon ihren Kollegen erzählt.“
Die Tür ging auf und ein Polizeibeamter kam herein. Er ging zu Bruck und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Kommissarin verließ daraufhin mit ihrem Kollegen den Raum, Andrea war allein. Langsam löste sich ihre Anspannung der letzten Stunden und Tränen liefen jetzt ihre Wangen hinunter. Wie in Trance starrte sie auf den Tisch. „Es war ihre Schuld“, murmelte sie immer wieder.
Wenig später kam Bruck wieder ins Zimmer und forderte Andrea auf, ihr zu folgen.
„Wir brauchen eine Blutprobe von ihnen.“
Andrea wollte erst protestieren, doch gab sie schnell auf und folgte der Beamtin.
„Es ist sehr merkwürdig, Jens, wirklich merkwürdig“, sinnierte Bruck. Immer wieder verglich sie das Gen-Material der Blutprobe mit dem aus den Hautabschürfungen, die man unter den Fingernägeln des Opfers gefunden hatte.
„Die Gerichtsmedizin sagt, dass die Hautreste zur Tatzeit unter die Fingernägel gekommen sein müssen. Sie hat sich an der Täterin festgekrallt, oder?“ Jens Meier sah seine Chefin fragend an.
Bruck murmelte nur: „Die Hautproben sind nicht von der Hausmann.“
Eine reichliche Stunde später stand die Kommissarin zusammen mit ihrem Assistenten Meier im Büro des Hotel-Chefs Alfons Obermaier und versuchte herauszubekommen, welche Mitarbeiter an besagtem Tag Dienst gehabt hatten. Es war eher ein Funken Hoffnung als ein Anhaltspunkt, den Täter oder Mittäter zunächst im Hotel selbst zu finden. Obermaier beunruhigte der Besuch der Kommissarin wenig. Seit er vor 12 Jahren aus Bayern nach Berlin kam, um das Hotel zu übernehmen, hatte es immer wieder Todesfälle gegeben, darunter auch der eine oder andere Mord. „Das kommt in den besten Hotels vor“, lachte er. Dennoch hoffte er, die Beamten schnell wieder los zu werden.
Mehr oder weniger bereitwillig gab er Auskunft darüber, wer am Mord-Tag Dienst im Hotel hatte, vor allem, welches der Zimmermädchen die dritte Etage zu säubern hatte.
„Daniela Berger war für den dritten Stock eingeteilt, also auch für Zimmer 324. Sie ist an dem Tag sehr früh nach Hause gegangen. Sie meinte, Ihr ginge es nicht gut. Ja, was soll man da machen. Glauben musste ich es Ihr. Seit dem ist sie krank geschrieben“, erklärte der Hotelier.
Bruck wurde hellhörig. „Wer ist diese Frau Berger?“
„Sie ist erst seit einem halben Jahr bei uns, ein junges Ding, 24 Jahre, lebt – soweit ich weiß – allein mit ihrem kleinen Sohn. Sie ist sehr fleißig und höflich, bisher kamen keine Klagen. Mehr kann ich ihnen nicht sagen, ich weiß ja nun nicht über jeden hier im Cevalon genau Bescheid.“
„Schon gut. Ich möchte die Spinde der Zimmermädchen sehen. Der Durchsuchungsbefehl kommt, keine Sorge.“
Obermaier stöhnte, führte die Beamten dann aber in die Mitarbeiterräume, in der Hoffnung, sie würden dann Ruhe geben.
Ein wenig genervt zog der Hotelier den Generalschlüssel aus der Tasche und öffnete nacheinander sämtliche Schränke, in die Bruck hineinsehen wollte. Nichts Auffälliges.
Doch plötzlich zog Bruck eine auffällige Stofftasche aus einem der letzten Spinde heraus.
„Wem gehört der“, fragte sie.
„Daniela Berger“, hauchte Obermaier, dem die Stimme versagte. Geschockt sah er zu, wie die Kommissarin ein hellblaues, glitzerndes Kleid aus dem Beutel zog, an dem ein Diamant-Collier hing. Ein cremefarbener Hauch von Stoff kam weiter unten in der Tasche zum Vorschein, ebenso weiterer kostbarer Schmuck und ein Bündel Scheine.
„Das kann doch nicht wahr sein“, stammelte Obermaier mit hochrotem Kopf. „Das ist mir in meinen ganzen 12 Jahren noch nicht passiert.“
„Wir brauchen die Adresse von Frau Berger“, entgegnete Bruck völlig unbeeindruckt von Obermaiers Reaktion und reichte ihrem Kollegen die Beweismittel.
Auf Andrea Hausmann wartet ein Verfahren wegen schwerer Körperverletzung. Ihr wurde nahe gelegt, sich mit einer Psychologin über den Tod ihrer Freundin zu unterhalten, ebenso über die Umstände, die zu dem Streit geführt hatten.
Daniela Berger wurde festgenommen. Während des Verhörs kümmerte sich eine Beamtin um ihren vierjährigen Sohn. Bruck brauchte nicht lange, um Berger ein Geständnis zu entlocken. Ihre Kleptomanie hatte sie schon so manche Stelle gekostet. Aus Verzweiflung hatte die junge Mutter eine Therapie gemacht und war überglücklich gewesen, im Cevalon eine neue Stelle gefunden zu haben. Sie wollte ein neues Leben beginnen, ein Leben ohne zwanghafte Diebstähle.
Nachdem an diesem Morgen die heulende junge Frau in sie hinein gerannt war, klopfte sie zaghaft an der Tür des Zimmer 324. Als sie eintrat, um aufzuräumen, fand sie Clarissa verstört am Boden sitzend, die Hand auf eine stark blutende Platzwunde an der Stirn gepresst. Doch Daniela Berger sah noch etwas anderes. Tolle Kleider, die an der Schranktür hingen, Schmuck und Bargeld auf dem Nachttisch. Sie fühlte sich mit einem Mal von diesen Schätzen überwältigt. Daniela Berger brannten die Sicherungen durch. Sie dachte nicht mehr nach, sondern überwältigte die junge Frau und erstickte sie mit einem Kissen. Die Fingernägel des Opfers, die sich im Todeskampf in ihre Oberarme krallten, bemerkte Daniela Berger in ihrer Trance nicht.
Als Clarissa leblos zu Boden sank, nahm sie Kleider, Schmuck und Geld, stopfte alles in ihren Putzwagen und räumte dann hastig den Tatort auf, um ihre Spuren zu verwischen. Mit klopfenden Herzen verließ sie das Zimmer und jagte mit ihrem Putzwagen zum Fahrstuhl. Die Beute versteckte sie in ihrem Spind, denn sie war viel zu geschockt von ihrer Tat, um auch noch darüber nachdenken zu können, wie sie die Sachen unbemerkt aus dem Hotel bringen konnte. Sie konnte sich noch nicht einmal über ihr Diebesgut freuen, sondern hatte minutenlang heulend vor ihrem Spind gesessen, bis sie den Entschluss fasste, sich krank zu melden und verstört das Hotel verließ. Daniela Berger hatte das erste Mal getötet.