Engelstrompete
von Katrin Zill
„Bis Freitag“, flötete Emilia und sah Hubert dabei zu, wie dieser in den frisch polierten Bentley stieg.
Ihr Mann würde die nächsten Tage in Japan sein. Geschäftlich. Mit seiner Sekretärin. Emilia störte das schon lange nicht mehr. Sie genoss die Vorzüge seines Vermögens in vollen Zügen und lebte mehr oder weniger ihr eigenes Leben.
Emilia schloss die Haustür. Sie ging durch den großzügigen Eingangsbereich vorbei an Huberts Bibliothek direkt zum Hinterausgang und trat über die Marmor-Terrasse in den Garten. Sie setzte sich an den Gartentisch und schlug eines ihrer Modemagazine auf.
„Marlene!“
Wenige Minuten später stand Emilias neue Haushälterin vor ihr. Ihre roten Locken glänzten in der Sonne.
„Ja, bitte?“
„Bringen Sie mir bitte ein Glas Eistee, ja?!“, sagte Emilia, ohne von ihrer Zeitschrift aufzublicken.
Marlene arbeitete nun seit einer Woche bei den Schirmbecks. Ihre Vorgängerin Irmgard, die seit über 50 Jahren im Dienste der Familie gestanden hatte, war in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. Zwei Wochen hatten Hubert und Emilia nach einer Nachfolgerin gesucht. Als Marlene sich vorstellte, war Hubert sofort begeistert. Emilia hatte ein ungutes Gefühl und Eifersucht nagte mit einem Mal an ihr. Da saß eine attraktive, schlanke Frau mit feuerroten Haaren, die etwa in ihrem Alter war, und brachte ihren Hubert bereits mit einem Augenaufschlag um den Verstand. Letztlich konnte sie ihrem Mann keinen Wunsch abschlagen, schließlich zahlte er ihre extravaganten materiellen Bedürfnisse. Und so bekam Marlene den Job.
Etwas an Marlene war merkwürdig, fand Emilia. Jedes Mal, wenn die Frau in ihrer Nähe auftauchte, fühlte sie einen kalten Schauer, der über ihren Rücken lief. Sie konnte sich nicht erklären, was das zu bedeutet hatte.
Marlene brachte den Eistee und ging wieder ins Haus. Emilia sah ihr nach, während sie an ihrem Getränk nippte.
Am Abend lies sich Emilia wie immer ihren Tee servieren. Sie saß in dem weichen Sessel am Kamin und nahm die große Tasse verträumt in die Hand.
Emilia nippte an ihrem Tee. Der erste Schluck floss warm ihre Kehle hinunter.
„Mm, sehr süß“, stellte Emilia fest und lehnte sich zufrieden zurück. Langsam trank sie ihre Tasse leer und goss sich nach.
Während Emilia so nachdenklich in ihrem Sessel saß, spürte sie mit einem Mal eine heftige Übelkeit in ihrem Magen.
„Ist mir schlecht!“, stieß sie hervor und hielt sich mit verzerrter Miene den Bauch.
Sie stellte ihre Teetasse auf den Tisch.
In ihrem Kopf summte ein Schwarm wild gewordener Bienen.
Vorsichtig stand Emilia auf und wankte aus dem Wohnzimmer. Sie wollte zur Toilette. Doch kaum, dass sie auf dem Flur stand, fing dieser plötzlich an mächtig zu schwanken. Emilia blickte sich irritiert um.
„Was ist das?!“
Die Wände schienen sich aufzulösen und ein grünlich glänzender Schleimfilm überzog den gesamten Fußboden. Emilia atmete schwer und Schweiß rann von ihrer Stirn über die Wangen hinunter bis in den Nacken. Sie wankte weiter den Korridor entlang, der sich ungewöhnlich in die Länge zog. Sie hatte das Gefühl, Tage unterwegs gewesen zu sein, als sie endlich die Schlafzimmertür erreichte. Sie entschied, sich sofort hinzulegen. Zaghaft öffnete sie die Tür und ging hinein. Ihr Kopf dröhnte immer lauter und der Raum wirbelte um sie herum wie ein Karussell. Mit Mühe erreichte Emilia ihr Bett und ließ sich erschöpft darauf fallen. Kaum hatte sie ihre Augen geschlossen, da schaukelte das Bett wie ein alter Kahn auf hoher See. Emilia riss ihre Augen wieder auf.
„Was ist hier los?“
Emilia erschrak über ihre blecherne Stimme, die klang, als würde sie sich aus weiter Ferne durch ein Eisenrohr anschreien.
„Was ...“
Die Stimme blieb ihr im Hals stecken, als sie sah, wie sich plötzlich weißer Nebel auf dem Boden ausbreitete. Die Schwaden krochen unterm Bett hervor und fraßen sich in jeden Winkel des Zimmers. Emilia wollte um Hilfe schreien, doch ihr Hals war wie mit Zement gefüllt.
Von Angst gepackt hievte sich Emilia mit aller Kraft hoch und lehnte sich ans Kopfende des Bettes. Sie zog die Beine eng an ihren Körper und umschlang mit ihren Armen beide Knie. Ihr Herz hämmerte laut und sie schwitzte fürchterlich.
Plötzlich spürte sie, dass sich jemand bei ihr im Raum befand. Emilia blickte zur Tür und erschrak. Dort stand eine Frau. Sie trug ein blass-blaues Leinenkleid, dass ein wenig zu groß für sie wirkte. Die Frau glich mehr einer nebulösen Gestalt als einem Menschen aus Fleisch und Blut. Sie stand regungslos da und starrte Emilia an. Voller Panik sah Emilia die Gestalt an und meinte, ein hämisches Grinsen in deren Gesicht zu entdecken. Emilia zitterte.
„Wer ist diese Frau?“, ging es ihr durch den Kopf. Die Gestalt hatte Marlenes Gesichtszüge, doch statt der roten, lockigen Mähne floss schneeweißes glattes Haar geschmeidig vom Kopf auf die Schultern bis weit über die Hüften. Emilia saß wie gelähmt auf ihrem Bett und musterte unentwegt die Person im Türrahmen. Da berührte etwas ihren Arm. Erschrocken fuhr sie herum und blickte in das verschwommene Gesicht einer alten Frau, die leicht gebückt an ihrem Bett stand. Sie murmelte etwas und drückte sehr fest Emilias Arm.
Emilia wich erschrocken zurück. Die Alte kam näher heran und bewegte übertrieben ihre Lippen. Emilia starrte auf den Mund der alten Frau und wollte mit einem Mal genau wissen, was diese sagte. Langsam rückte sie näher an die Alte heran.
„Sie wird dir Böses antun“, raunte diese mit knarrender Stimme.
„Böses? Wer wird mir Böses antun?“
„Sie“, schrillte die Alte, hob ihren Arm und deutete auf die Frau im Türrahmen.
„Sie? Wer ist sie?“
„Sie wird dir Böses antun! Pass auf!“
In dem Moment löste sich die alte Frau in Luft auf.
Emilia fröstelte. Nervös blickte sie wieder zur Tür. Die weißhaarige Gestalt war jetzt ebenfalls verschwunden.
Eine Weile saß Emilia schwer atmend auf ihrem Bett und ließ sich dann erschöpft ins Kissen fallen. Müdigkeit überfiel sie, doch Emilia fürchtete sich davor, ihre Augen zu schließen. Sie weinte sich schließlich in den Schlaf.
Am nächsten Tag wachte Emilia erst gegen Mittag auf. Ihr Schädel dröhnte. Sie rieb sich die Augen, erhob sich langsam. Ihre Beine fühlten sich an wie durchgequirlt. Der Geschmack in ihrem Mund war widerlich und mit einem leichten Magengrummeln schleppte sie sich ins Badezimmer.
An den folgenden Abenden wiederholten sich die Erlebnisse. Jedes Mal, nachdem Emilia ihren Schlummertee getrunken hatte, wankte sie halluzinierend durch die Villa. Und jedes Mal sah sie dabei die weiße Frau in dem blass-blauen Kleid. Emilia wurde angst und bange. Sie zweifelte langsam an ihrem Verstand.
Als sie nach der vierten grausigen Nacht gegen Mittag aufwachte, war sie fest entschlossen, ihren Hausarzt aufzusuchen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr.
Sie griff zum Telefon, dass auf ihrem Nachttischschränkchen lag und wankte zum Fenster, um frische Luft ins Zimmer zu lassen. Als sie hinaus blickte, sah sie Marlene im Garten stehen. Sie hatte nur eine dünne Jacke über ihr hellblaues Kleid gezogen.
„Das Kleid ...“
Emilia schluckte und vergaß völlig, die Nummer des Arztes zu wählen. Sie sah, wie Marlene sich an der Engelstrompete zu schaffen machte.
„Aber die ist doch giftig!“
Dann bemerkte Emilia, dass ihre Haushälterin Handschuhe trug. Verstört sah sie Marlene dabei zu, wie diese fein säuberlich Blätter und Blüten mit einer Schere abschnitt und diese dann in einen kleinen Weidenkorb legte, der an ihrem Arm hing.
„Was will sie mit der Engelstrompete?“
Nachdenklich stand Emilia am Fenster.
Plötzlich spürte sie einen heftigen Stich im Magen und eine schreckliche Ahnung ergriff sie. Hastig lief sie in die Bibliothek. Ihr Mann musste einige Bücher über Botanik haben, das wusste sie. Er liebte Gewächse aller Art und achtete darauf, dass ihr großzügiger Garten vielen verschiedenen Pflanzenarten ein zuhause bot.
Sie fand sofort, was sie suchte, denn Huberts Bibliothek war außerordentlich gut sortiert. Emilia blätterte aufgeregt, dann hatte sie die Engelstrompete in dem Band gefunden. Die giftige Pflanze kann, als Tee getrunken, heftige Halluzinationen hervorrufen. Eine zu hohe Dosis kann tödlich sein.
„Hat Marlene mir Engelstrompete in den Tee gemischt? Wieso sollte sie ...?“
Emilia war ratlos.
Sie stellte das Buch zurück ins Regal und ging ins Badezimmer, um sich ein Schaumbad einzulassen. Nachdem Emilia in der Wanne ihre Nerven beruhigt hatte, machte sie sich fertig und ging hinunter in die Küche, um etwas zu essen. Sie traf auf Marlene und ihr Magen krampfte sich sofort zusammen.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Marlene und Emilias Unbehagen nahm noch weiter zu. „Sie ...“, dachte sie und atmete tief ein: „Danke, Marlene, mir geht es sehr gut.“
Sie sah Marlene in die Augen und meinte, das hämische Grinsen der weißhaarigen Frau in ihren Pupillen glänzen zu sehen.
„Marlene, was ist eigentlich in Ihrer Tee-Mischung?“, tastete sich Emilia vor. „Sie schmeckt anders als sonst.“
„Kamille, Malve, Süßholz und Ringelblume – die sind gut für den Magen. Ach ja, und ein bisschen Anis“, antwortete Marlene ruhig.
„Mir war so, als wäre noch etwas im Tee, was da nicht hinein gehört.“ Emilia sah ihre Haushälterin prüfend an und bohrte weiter.
„Oh, wenn Sie den Honig meinen ...“
„Nein! Der ruft keine Halluzinationen hervor!“
Emilia beobachtete die rothaarige Frau, doch keine Regung war auf deren Gesicht zu sehen.
„Was haben Sie mit der Engelstrompete vor?“ Emilia griff an.
„Engelstrompete?“ Marlenes Augen wurden plötzlich eiskalt.
„Ja. Die Pflanze, die Sie heute Morgen in unserem Garten fein säuberlich abgeschnitten und in einem Korb gesammelt haben.“
Marlenes Mund zog sich zu einem kleinen Schlitz zusammen. Emilia spürte mit einem Mal, dass ihre Vermutungen richtig waren. Ihr Herz hämmerte laut.
„Marlene?“
Plötzlich lachte die Haushälterin laut auf.
„Ha! Du hast es noch immer nicht bemerkt?“
„Was meinen Sie Marlene?“
„Ich bin nicht Marlene Schuster. Ich bin es, Hanna Schuller.“
Emilia blieb die Luft weg. „Hanna Schuller?“
„Ja, hier!“ Hanna riss ihre Bluse auf und Emilia sah das Brandmal, das sich über Hannas Brust und Bauch erstreckte.
„Ich hab mich sehr verändert, stimmt´s? Hast mich nicht mehr wieder erkannt. Aber das hier ist geblieben.“ Hannas Stimme schrillte durch die Küche.
„Ich wusste, dass ich mich eines Tages an dir rächen würde.“
Emilia setzte sich wie gelähmt auf einen Stuhl und starrte auf Hannas Brandwunde. Erinnerungen stiegen hoch, die sie längst verdrängt hatte.
Emilia war bereits damals außerordentlich hübsch gewesen, jedoch auch hochnäsig und egoistisch. Und dennoch der Star der Schule und viele wollten um jeden Preis mit ihr befreundet sein, weil sie glaubten, dann einfach dazu zu gehören.
Emilia und ihre besten Freundinnen liebten es, Außenseiter zu gängeln. Hanna war solch eine Außenseiterin, eine magere, graue Maus mit dicker Brille, die immer allein durch die Schule schlurfte.
Es passierte an Emilias 16. Geburtstag. Das junge Mädchen hatte viele Leute zu ihrer Party eingeladen, auch Hanna. Erst wollte sie das stille Mädchen ausschließen, doch dann heckte sie mit ihren Freundinnen einen gemeinen Plan aus. Hanna sollte auf ihrer Party vor allen so richtig blamiert werden. Der Plan ging nach hinten los. In der Küche kam es plötzlich zum Streit zwischen den beiden, der schnell eskalierte. Emilia hatte nicht erwartet, dass sich Hanna plötzlich so vehement wehren würde. Im Affekt griff Emilia den Topf mit kochendem Wasser vom Herd, der eigentlich für die Spaghetti bestimmt war, und schleuderte Hanna das brodelnde Wasser entgegen. Als sie die Schmerzensschreie des Mädchens in ihren Ohren klingeln hörte, rannte Emilia geschockt in ihr Zimmer und schloss sich ein.
Hanna hatte an dem Abend schwere Verbrennungen erlitten. Sie lag lange im Krankenhaus und kam nicht mehr zur Schule. Seitdem hatten sich die beiden Frauen nicht mehr wieder gesehen.
„Es tut mir so leid, Hanna, ich war damals so dumm. Das habe ich nicht gewollt.“ Emilias Stimme klang leise. „Hanna, das Ganze ist jetzt über 30 Jahre her. Ich habe mich geändert, ich bin längst nicht mehr das Biest von damals. Wie kann ich das nur wieder gut machen?“
„Gar nicht!“, schrie Hanna und sprang auf. Schnell stürzte sie sich auf die verdutzte Emilia. Mit ihren langen dünnen Fingern umklammerte Hanna Emilias Hals und riss diese von ihrem Stuhl. Emilia strampelte wild und versuchte sich aus dem Würgegriff ihrer ehemaligen Schulkameradin zu befreien. Doch je mehr sie sich wehrte, desto fester drückte Hanna zu. Emilia geriet in Panik. Sie schrie wie am Spieß.
Plötzlich stand Hubert in der Küchentür.
„Was ist denn hier los?“, rief er entsetzt und zerrte die beiden kämpfenden Frauen auseinander.
„Hubert.“ Emilia saß nun schwer atmend auf dem Küchenboden und sah ihren Mann durch einen Tränenschleier an.
„Du bist schon zurück?“
Dann blickte sie zu Hanna, die keuchend neben ihr auf dem Boden saß.
Hubert hielt Emilia in seinen Armen und schaute irritiert zwischen den beiden Frauen hin und her.
„Was ist hier passiert?“, fragte er erneut, doch keine der Frauen antwortete ihm. Stattdessen sah Emilia Hanna fest in die Augen.
„Wieso hast du es nicht gleich zu Ende gebracht“, fragte sie mit zittriger Stimme.
Hanna wurde auf einmal ganz ruhig und entspannte ihren verkrampften Körper. Ihre Augen funkelten böse und mit eisiger Stimme antwortete sie: „Ich wollte dich nicht töten, ich wollte dich nur leiden sehen.“