Ein guter Tag

von Katharina Sturm

Es war ein beschissener Tag. Ein Trauertag, ohne Trauergrund.
Sie lebte schon seit über zehn Jahren hier und es hatte ihr nie besonders gefallen, bis auf wenige, seltene Sonnenauf- und Untergänge, die einen purpurnen Himmel zurückließen, zinnoberrote Flammen züngelten dort und wärmten ein wenig ein erkaltetes Gemüt.
Heute war keiner dieser Tage. Ein Tag den man vergessen mochte, aber was man weiß, das weiß man eben und vergessen ist ein viel kürzeres Wort, als der Weg dorthin und allein der Versuch ihn zu gehen führt zum scheitern, ganz einfach weil man darum bemüht ist zu vergessen und die Sache die man vergessen will dabei ständig vor Augen hat. Sie kannte sich aus damit. Vergessen, verdrängen. Ähnlich, aber nicht dasselbe. Gemeinsam war den beiden, das man sich eines Tages unweigerlich damit konfrontiert sah. So wie jetzt. Nur: Hatte man vergessen tat der Anblick weniger weh, hatte man verdrängt überraschte der Schmerz nicht; schließlich hatte man ihn unterschwellig immer gespürt, aber er war wie ein schmutziger Finger in einer frischen Wunde. Vergessen bildete einen Schorf, der mit etwas Glück bereits frischer Haut gewichen war, wenn er abbröckelte.
Sie spülte ab. Alte Weingläser und benutzte Teller von übereiner Woche. Die leeren Weinflaschen kamen in einen Korb, wo sie darauf warteten bei nächster Gelegenheit im Glascontainer auf dem Schrotplatz entsorgt zu werden Sie legte die Pizzareste von gestern sorgfältig auf einen Teller. Stellte ihn in den Kühlschrank, bemerkte, das er fast leer war und entschloss nachher einkaufen zu gehen. Da konnte sie gleich die Flaschen mitnehmen. Sie warf die leeren Schachteln weg und kehrte rasch noch einmal durch. Sie stellte die Kaffeemaschine an, die konnte ruhig durchlaufen bis sie mit allem fertig war. Aufräumen war lästig, aber befreiend.
Sacht öffnete sie die Schlafzimmertür.
Milchiges Licht drang durch die Vorhänge und warf einen zarten, staubflirrenden Schleier auf die Schläfer. Sie waren nackt und in dem tiefen, entspannten Schlaf zweier, die nach einer langen Nacht mit dem befriedigenden Gefühl eingeschlafen waren, zu einer Minderheit zu gehören: Zu Menschen mit dauerhaft gutem Sex.
Sie lächelte über ihre eigenen Gedanken und setzte sich auf den Stuhl neben dem Kleiderschrank. Beobachtete das Paar eine Weile. Sie lag halb auf der Seite, er auf dem Bauch, ihre Hände nur Zentimeter voneinander entfernt. Sie mussten also händchenhaltend eingeschlafen sein. Wie kitschig.
Ihr langes Haar floss über den Rücken, seines war nicht zu sehen, so tief war er in das Kissen vergraben. Ihr Atem ging ruhig und in völligem Einklang. Friedlich. Die Uhr neben ihm blinkte. Sie ging hin und drückte auf „Wecken“. Neun Uhr. Sie lächelte. Für zwölf Uhr hatte sie ihre Rückkehr angekündigt, sieben Stunden später als es jetzt war. Eine Schande wenn man es recht bedachte. Er hatte alles so schön getimt, jetzt machte sie alles kaputt, wegen dem kleinen Umschlag, der so unschuldig und blütenweiß zwischen Rück- und Fahrersitz gelegen war und den zu finden und nicht ignorieren zu können sie die Frechheit besessen hatte. Sie hätten noch einmal gefrühstückt und sich gegenseitig gefüttert. Sie hätte gespült, er abgetrocknet. Witze, lachen, Versprechungen. Danach hätten sie die Weinflaschen und Pizzaschachteln verschwinden lassen müssen. Sie hätte sie wohl in eine Tüte gepackt und auf dem Weg entsorgt. Vielleicht hätten sie es noch einmal im Wohnzimmer getrieben, womöglich auch im Bett, ehe er es so ordnete, das der Verdacht es könnten mehr als eine Person darin geschlafen haben nicht auf den ersten Blick kam. Ein schneller, feuchter Zungenkuss zwischen Tür und Angel, ein hastig ausgemachtes nächstes Treffen, vielleicht schon ganz offiziell, vorausgesetzt er ließe sich endlich die Eier wachsen reinen Tisch zu machen und weg wäre der kleine rote Flitzer gewesen, ehe der abgenutzte, blaugraue Kombi in die Einfahrt einbog. Echt schade dass daraus nichts mehr wurde.
Sie streichelte seine nackte Schulter und runzelte leicht die Stirn. Wie kalt er war! Sie hatte ihm doch immer gesagt, er sollte sich etwas anziehen, wenn er sich schon nicht angewöhnen konnte mit Decke zu schlafen. Nachher musste sie seine steifen Schultern einreiben.
Er brummte ein wenig, als wäre ihre Berührung ihm unangenehm, drehte sich um und umschlang seine nackte Gefährtin die sich dankbar an ihn schmiegte. Sie seufzte und zog sich etwas zurück. Mit ruhigen Händen öffnete sie ihre Handtasche, holte die Pistole heraus und schoss zweimal und überraschend zielgenau.
Sie zuckten kurz, er öffnete sogar einen Moment die Augen und starrte sie an, eher ungläubig als entsetzt. Sie kräuselte die Lippen. Natürlich hatte er ihr nicht einmal das zugetraut.
Dann starb das Licht und es wurde dunkel. Sie wartete noch kurz, bis sie keinen Atemzug mehr hörte. Dann öffnete sie das Fenster. Tageslicht drang herein und ein unverwechselbarer Duft nach regenfeuchtem Waldboden. Sie sog tief die seltene naturschwangere Luft ein. Vielleicht war der Tag doch nicht so scheiße wie sie zu Anfang gedacht hatte. Sie gab sich Mühe die Tür leise zu schließen.
Eine Tasse Kaffee wärmte ihre kalten Finger. Sein Lieblingssessel tat ihrem schmerzenden Rücken gut. Sie trank langsam und genussvoll und streckte die Füße in Richtung des prasselnden Kamins.
Dann, mit einer gewissen Vorfreude, wie ein bis dato eingesperrtes Tier, dass wittert das es ins Freie darf (auch wenn die „Freiheit“ nichts als den Weg zum Schlachter meint) holte sie den Umschlag heraus, öffnete ihn, zog den Inhalt heraus. Eine fremde Gebärmutter trug die Frucht die ihr zustand.
Langsam, wie eine rituelle Geste zerriss sie dass Bild. Einmal, zweimal, sooft es ging. Es brannte recht gut, etwas zu langsam für ihren Geschmack. Sie seufzte. Der Schmerz des Verdrängens war fort, die Last des Vergessen-müssen in Luft aufgelöst. Es gab nichts mehr zu verdrängen, das Vergessen hatte bereits eingesetzt. Die Wunde war schon fast geschlossen.
Ein guter Tag.