Tschüss Mama ...
von Ingrid Karmann
Ich bin jetzt schon solange hier oben und von Mama ist weit und breit keine Spur. Sie wird mich ja wohl nicht vergessen haben? Nein das kann sie nicht! Schließlich bin ich ihr Kind. Sie wird mich sicher suchen, davon bin ich überzeugt.
Obwohl etwas mulmig wird, mir schon, es wird dunkel und ich bin hier eingeklemmt ich komme nicht vor und nicht zurück. Also rufe ich: „Maaamaaa!“
Ich höre nichts, ich sehe sie auch nicht, ihren schönen Duft rieche ich auch nicht.
Vorsichtshalber rufe ich noch einmal: „Maaamaaa!“
Ich wiederhole es noch ein paar Mal: „Maaamaaa! Maaamaaa! Maaamaaa!“
Nichts! Es passiert nichts. Also noch mal wiederholen: „Maaamaaa!“
Ich rufe und rufe und rufe, ich weine doch nichts tut sich, ich bin allein. Mir wird kalt. Mir fehlt Mama, ich würde jetzt gerne mit ihr kuscheln, sie ist so warm, sie ist so weich.
Ob Mama mich schon vergessen hat?
Nun ja, in der Nacht konnte sie mich vielleicht auch nicht finden, aber sie hätte mich doch hören können. Meine Mama kann gut hören!
Jetzt ist es wieder hell. Ich rufe weiter so laut ich kann: „Maaamaaa!“
Ich höre schreckliche Stimmen, sie machen mir Angst. Ich werde beobachtet, ich fürchte mich. Ich schreie um Hilfe: „Maaamaaa!“
Es werden immer mehr Stimmen. Es knackt und raschelt! Man greift nach mir! Ich bin ganz still, ich zittere vor Angst. Ich wage nicht mehr, zu rufen.
Schon ist es passiert, man ergreift mich ich kann mich nicht wehren, sie halten mich fest, sie nehmen mich mit, sie sperren mich ein. Man gibt mir Milch, ich trinke, ich bin müde, ich muss Pipi, ich schlafe ein. Ich spüre, wie dauernd jemand kommt und mich ansieht, sie reden über mich. Ich bin erschöpft.
Da sind sie wieder, sie ergreifen mich schon wieder, sie sperren mich abermals ein, diesmal wo anders. Ich bin einfach nur müde, ich schlafe.
Wieder ergreifen sie mich, ich werde vorgeführt. Ein Mann in Weiß sieht mich an, er sagt: „Ach so klein!“ Er kämmt mich, mein Haar ist schön. Ich weiß das, Mama hat das immer gesagt. Der weiße Mann hält mir was Leckeres hin. Nein, ich nehme nichts an. Mama hat mir verboten, etwas von Fremden anzunehmen. Er tut mir weh, Vitamine geben nennt er das, ich halte ganz still.
Noch einmal packen sie mich. Sie bringen mich wieder zurück. Ich bekomme etwas zu essen, ich habe Hunger, ich esse. Sie haben mir ein kuscheliges Korbbett hingestellt. Ich habe Angst. Wenn die Tür aufgeht, verstecke ich mich. Sie suchen mich dann. Sie finden mich. Sie nehmen mich auf den Arm, sie streicheln mich. In ihren Armen schlafe ich ein.
Ich traue ihnen nicht. Ich höre, dass ich nicht allein bin. Es gibt noch mehr von mir.
Vielleicht ist Mama hier!
Sie kommen regelmäßig. Sie bringen was zu essen, etwas zu trinken, sie spielen mit mir, das macht Spaß. Sie halten mich in ihren Armen, das ist schön.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich schon hier bin, von draußen höre ich die Anderen.
Mamas Stimme habe ich leider noch nicht gehört.
Wenn ich nicht mehr schlafen kann, ich schlafe viel, dann erkunde ich den Raum, das ist spannend. Manchmal kommt eine mit langen Haaren, die lässt mich mit ihren Haaren spielen, auch das macht mir viel Freude.
Dann, eines Tages, ich kann es nicht glauben, ich denke es ist ein Irrtum, aber sie haben vergessen, die Tür von meinem Raum wieder zu schließen.
Ganz vorsichtig gehe ich bis zum Türrahmen, dann renne ich so schnell ich kann nach draußen, einmal quer über den Flur.
Nein, ich traue ihnen nicht. Sicherheitshalber laufe ich wieder in das Zimmer zurück.
Ein paar Minuten werde ich warten, dann probiere ich es noch einmal.
Es ist unglaublich, aber die Tür bleibt offen. Es kommt niemand der sie schließt. Ich setzte mich oben auf die Treppe und schaue hinunter. Unten sehe ich auf einem dicken, gemütlichen Teppich eine kräftige Alte liegen. Sie sieht zu mir hoch. Sie wirkt freundlich. Ich passe gut auf. Notfalls muss ich ganz schnell wieder in mein Zimmer laufen können.
Oh, ich bin fasziniert, eine elegante Schwarze kommt die Treppe hinauf gelaufen. Sie ist schön, sie hat einen aufregenden Gang, das muss ich auch mal versuchen.
„Mach Platz“, sagt sie zu mir. Ich ziehe mich zurück, beobachte sie aber weiter. Sie ist so schlank, so durchtrainiert.
Wieder sitze ich am Rand der Treppe, ich traue mich nicht nach unten, verfolge aber genau, was dort passiert. Ein wahrhaft kräftiger Typ geht auf die Alte zu. Er begrüßt sie freundlich und respektvoll. Die Alte grüßt wohlwollend zurück.
Es ist schon spät. Ich gehe, in mein Korbbett und versuche zu schlafen.
Irgendwann hat jemand die Tür wieder geschlossen. Es konnte auch nur ein Versehen gewesen sein, dass die Tür offen stand.
Am Morgen bringt mir wieder jemand was, zu essen. War es doch kein Irrtum? Die Tür ist wieder offen. Ich nutze die Gelegenheit.
Der kräftige Typ, er ist fast ein Bär, kommt die Treppe hinauf. Er sieht mich, er lacht. Er gibt mir zu verstehen, dass er noch nie so etwas Mickeriges wie mich gesehen hat.
„Ich bin nicht mickerig, ich bin noch klein“, empöre ich mich. Er lacht weiter.
Die elegante Schwarze läuft die Treppe hinunter, er sieht ihr hinterher. Klar der würde ich auch hinterher sehen, sie ist so schön!
„Pst, es kommt jemand“, denke ich. Da ist es auch schon passiert! Wieder einmal haben sie mich ergriffen. Sie schleppen mich die Treppe hinunter.
„Oh, hier ist alles riesengroß. Ich werde mich verlaufen. Sie zeigen mir, wo das Essen steht. Ich werde es mir nicht merken können.
Es ist alles zu viel“, denke ich weiter.
„Mach dir keine Gedanken! Ich werde dir schon helfen!“, versichert mir der Bär.
Ich weiß, nicht wo ich zuerst hin soll. Es ist alles so aufregend. Der Bär geht in ein großes Zimmer mit weichen Polstermöbeln. Ich folge ihm. Die Alte sitzt jetzt in einem großen schwarzen Ledersessel. Ich gehe zu ihr hin, ich stelle mich vor. Sie ist auch zu mir freundlich. Ich stelle fest, die Alte ist blind. Dennoch besteht kein Zweifel, dass sie alles mitbekommt. Mehr noch! Sie hat alle hier im Griff, stelle ich kurze Zeit später fest. Es genügt, dass sie sich aus ihrem Sessel erhebt, um zu bewirken, dass alle ehrfürchtig verstummen, mich eingeschlossen.
Die Schwarze tänzelt durch den Raum, der Bär sieht ihr wieder hinterher, die Alte hebt den Kopf. Bär hat es sich auf den Polstern gemütlich gemacht. Ich gehe zu ihm, ja ich kuschele mich an ihn. Er riecht zwar nicht nach Mama aber er ist genauso gemütlich. An seiner Seite schlafe ich ein.
Ich werde wach, wieder sehe ich die Schwarze laufen. Ihr Gang ist so aufregend, dass ich es auch versuche. Ich stolpere, der Bär lacht, ich hatte gedacht er schläft. Ich tue am Besten so als wäre gar nichts gewesen, gehe wieder zu Bär und schlafe noch ein bisschen.
Jetzt hat eine lustige Zeit begonnen. Ich renne quer durch alle Zimmer, laufe die Treppe rauf und runter. Der Bär tobt oder kuschelt mit mir. Er bringt mir Kampfsport bei. Er gibt mir zu verstehen, dass es äußerst, hilfreich sein kann, falls man ergriffen wird. Das Leben ist wunderbar. Es ist schon dunkel. Ich bin erschöpft, vom Toben mit dem Dicken. Daher setze ich mich auf das Sofa.
„Was macht die da?!“, höre ich eine Stimme, werde aber auch schon gepackt und mit dem Wort: „Böse!“, nach draußen in den Flur gebracht.
Ich setze ein unschuldiges Gesicht auf und versuche denen begreiflich zu machen, dass ich nichts dafür kann, wenn das Pipi einfach aus mir heraus läuft.
Von nun an werde ich regelmäßig daran erinnert auf die Toilette zu gehen, damit ich es ja nicht wieder vergesse. Aber das ist nicht schlimm. Bär spielt weiter mit mir. Allerdings ist es ihm manchmal etwas zu viel, dann gibt er mir das unmissverständlich zu verstehen. Auch habe ich schon versucht mich der Schwarzen anzuschließen, das hat nicht funktioniert. Sie ist zu extravagant, sie ist sehr musikalisch. Zu der Alten habe ich mich auch schon einmal gesellt, sie war zwar höflich, hat mir aber dennoch klar gemacht, wo mein Platz ist.
Abends, wenn alles ruhiger geworden ist, dann rufen sie: „Mariechen!“, dadurch weiß ich das ich gemeint bin. Dann laufe ich ganz schnell. Sie nehmen sie mich in die Arme, sie schmusen und spielen mit mir.
Viel Spaß macht es auch durch das Schlafzimmer zu rennen. Rein ins Schlafzimmer, die Kurve um das Bett, rauf auf das Bett, das ist so weich, runter vom Bett und das Ganze ein paar Mal wiederholen.
Neulich dachte ich, im Schlafzimmer wäre noch jemand. Bär hat wieder gelacht. Er hat mir erklärt, dass das nur ein Spiegel ist, darin sieht man sich selbst. Trotzdem habe ich ihn vorsichtshalber einmal berührt, es war kalt. Da stand ich dann vor dem großen Spiegel, sah mich an und konnte tatsächlich behaupten: „Ich bin ein wirklich hübsches Katzenmädchen!“
Es ist wunderbar, wenn ich ganz entspannt an der Seite von Bär liege. Ich mit ihm kuschele, er mir den Kopf leckt und ich ihm das Gesicht dann denke ich:
„Tschüss Mama, mir geht es gut, ich bleibe hier!“