Lichtschaukel

von Bernd Möller

Ach, wieder so ein schwerer Tag, fühl mich arg beklommen, schon seit Wochen ist es mir, als wolle die Welt mir nicht mehr zu einem Ort der Freude werden. Der Gestank gesammelter Emotionen malt unentwegt ein düsteres Bild von schwärzesten Gedanken in mir. Trau mich nicht mehr vor die Türe. Nur die einsiedlerische Höhle meiner Wohnung ist mir gerade vertraut genug, mein Leben wenigstens zu fristen. Ich friere, ja bibbere am ganzen Leib und die Musik im Radio, die mein Ohr als ein lästiges Gedröhne empfindet, bringt mich schier zur Weißglut. Rumms, macht es, wie ich die Quelle der Irrklänge mit einer Tasse als Wurfgeschoss schlagartig zum Schweigen bringe. Der ganze Küchenboden ist übersäht mit kleinen gelben Porzellanscherben und die Rauchwolke, welche dass sterbende Radio verlässt, verbreitet einen üblen Geruch in meiner Wohnung und lässt mich noch schwerer atmen. Mit Tränen in den Augen nehm´ ich mir Besen und Kehrschaufel und räume das Ergebnis meiner Wutattacke erstmal zur Seite. Dann brauch ich mehr Luft und traue mich endlich das Küchenfenster, eine kleine Tür zu der Welt dort draußen zu öffnen und lasse mich seufzend mit den Ellenbogen auf die Fensterbank fallen, ehe der gedankenschwere Kopf sich in meine Hände senkt. Für einige Augenblicke werde ich still, ganz ruhig, denn die Sonne lacht zur Frühlingsluft und einige Vögel in den Bäumen singen ohne Unterlass ihre Lieder.

Auf einmal sehe ich einen kleinen Jungen am Rande des Hofes auftauchen, der zielstrebig auf die buntbemalte Schaukel zugeht, welche den kleinen Garten schmückt. Er nimmt auf dem schmalen Brett zwischen den Ketten Platz, reckt sich kurz, nimmt Schwung und schon beginnt sie, die Schaukelei. Da schaut er zu mir auf und für einen Moment zucke ich heftig zusammen, - so, als fühle ich mich entlarvt um eines düsteren Geheimnisses. Als ich mich gefangen habe und den Jungen wieder erblicke, kommt es mir vor, den Kleinen schon mal gesehen zu haben. "Aus der Nachbarschaft ist er doch nicht?", fragt mein neugieriger Verstand und erneut schau ich zu dem Kind. Dunkelbraunes, ein wenig längeres Haar umsäumen sein blasses Gesicht, er scheint traurig zu sein und selbst aus der Entfernung bemerke ich, wie seine dunklen Augen dennoch leuchten, als hätt´ er seine Wahrheit nie verraten. "Seltsam", denk ich mir, "er kommt mir so vertraut vor, … so vertraut."
Allmählich scheint der Bursche seinen Spaß zu haben, denn seine Lippen zeigen mehr und mehr ein sanftes Lächeln. Da fangen sich meine Augen an dem Schattenspiel, gemalt von dem endlosen Auf und Ab der Schaukel. Rauf, … runter, - rauf, … runter, - wieder und wieder fasziniert es mich, wie die Schatten die unterschiedlichsten Formen annehmen, als würd' auf dem Grün des Rasens ein Film abgespielt. Doch besonders aufregend find ich, den Punkt, an dem die Position des Jungen zur Sonne keine Schatten wirft, sie einfach auflöst. Urplötzlich steigt, wie aus dem Nichts ein Wust von Gefühlen in mir auf, mein Herz beginnt laut zu pochen, eine Flut von dunklen Bildern bewegt sich vor meinem inneren Auge. Ich will weg, … weg, fort, … nur fort von diesem Übel, von einer Angst, die sich vielleicht so anfühlt, als würd´ ich gerade ertrinken, … ja ertrinken in einem Meer von Emotionen, doch eine zarte Stimme spricht in mir:" Vertrau´ und geh hindurch, vertrau´, ich bin bei Dir" Das Klopfen in meiner Brust wird immer heftiger und im dunkelsten Film meiner Kindheitserinnerungen, der sich in mir abspult, schreie ich schlagartig los, schreie, - schreie und brülle, denn ich spüre noch einmal den ganzen Drill junger Tage, die Einsamkeit, die Not, den Gummischlauch, der sich aus Vaters Hand immer wieder und wieder schmerzend um meine Beine und Lenden legt und schmecke, rieche die Schärfe des Alkohols, welche in teuflischer Mühsal das Mutterherz erstach. Bitterliche Tränen weine ich, finden und finden kein Ende, bin ganz außer mir, … oder? Denn eine Kraft in meinem innern lässt mich hier unerwartet auf der Stelle schaukeln, ja irgendwas wiegt mich hin und her, als wolle es das Alte, Vergangene aus mir heraus winden. Ich bemerke, wie mein Weinen ganz allmählich nachlässt, ehe ich den Kleinen auf der Schaukel mit meinen Augen wieder erfasse, da kommt es mir plötzlich:" Na klar, … na klar, … na klar, ich bin es, ich selber bin es, nicht, wie ich hier stehe, ich bin´s, vor langer, langer Zeit, als ich noch ein Kind war", da schaut der Junge wieder zu mir auf und ich fühle, wie jede Träne, die noch aus mir fließt, einen sanften Frieden auf mich legt.
Nach und nach versiegt die nasse Quelle meines alten Kummers und eine tiefe und doch zarte Freude breitet sich in mir aus, da sehe ich wie das Kind mit einem Satz aus der Schaukel springt. Es strahlt mich an und streckt mir die Arme entgegen, da öffnen sich, wie von einer höheren Macht gelenkt auch meine Arme und ein Lachen voller Kindlichkeit verlässt meine Lippen, ehe die Umrisse des Jungen schwächer und schwächer werden, bevor der Kleine mit einem Ausruf der Freude im Sonnenlicht des Gartens verschwindet.

Alles ist mild in mir, ruhig, ganz wohlig und still. Ich halte noch einen Moment inne, dann richte ich mich auf und beginne damit, wovon mein Herz schon immer träumte. Ich gehe in die Wohnstube, erblicke mit lieblichem Augen meine Gitarre, nehm´ mir Zettel und Stift und schreibe ein Lied.