Kindheitserinnerung
von Angie Pfeiffer
„Ach, mein Frollein Tochter meldet sich auch mal wieder!“
Mit diesem unterschwelligen Vorwurf schnitt Mutter mir das Wort ab. Dabei hatte ich sie angerufen, um ihr zu erzählen, dass mein erster Roman veröffentlicht worden war. Ich platzte beinahe vor Stolz. Doch jetzt, nach diesem Kommentar konnte ich nichts mehr davon sagen.
„Mutter, ich bin fast 50 Jahre alt und schon lange kein Fräulein mehr. Bitte sag das nicht andauernd zu mir!“
„Für mich bist und bleibst du eben das kleine Frollein, da kannste nix dran machen.“
Ich hasste es, wenn sie solche Kommentare abgab, denn dann fühlte ich mich sofort klein und unsicher. In den letzten Monaten war das häufiger der Fall. Ich hatte einfach nicht die Zeit mich um sie zu kümmern. Jedenfalls nicht so, wie sie es zu erwarten schien.
„Überhaupt, deine alte Mutter scheint dir ja egal zu sein! Du hast wohl andere Interessen. Ja, ja, natürlich. Die Jugend ist immer unterwegs.“
Das war die Übertreibung des Jahres. „Mutter! Jetzt hör schon auf zu jammern!“
Ich konnte einfach nicht anders als zurückzupesten. Meine Mutter ließ sich nicht beirren.
„Da gibt es eine Geschichte, die solltest du dir hinter die Ohren schreiben. Der arme Großvater saß in der Ecke und aß mit einem Holzlöffel aus einer Blechschüssel.“
O Gott, nicht schon wieder diese Story, die hatte ich wirklich zur Genüge gehört. Seufzend hielt ich den Telefonhörer ein Stück von meinem Ohr weg und überflog die Zeitung, die neben dem Telefon lag.
„…und der Vater fragte seinen Sohn: Was schnitzt du denn da, mein Junge?“
Opas Leidensgeschichte näherte sich dem Höhepunkt; jetzt konnte es nicht mehr lange dauern.
„…einen Holzlöffel für dich, damit du damit essen kannst, wenn du mal alt bist. Und von diesem Tag…“
„Ja, Mutter, ich weiß, Mutter, von diesem Tag an durfte Opa am Tisch sitzen und kleckern! Du, ich muss auch los! Schönen Tag noch! Ich rufe nächste Woche wieder an, ja!“
Ich legte den Hörer auf, ehe meine Mutter etwas erwidern konnte.
Eigentlich hatte ich gar nicht gelogen, denn heute stand ein Besuch des Wochenmarktes an. Sicher, das hätte auch noch Zeit gehabt, aber so war ich zeitig wieder zu Hause.
Auf dem Markt gab es einen neuen Stand, der mit „Brot aus der hauseigenen Backstube“ warb. Die Backwaren sahen wirklich gut aus und so nahm ich ein „Hausbrot“ mit.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich wieder daheim war und meine Einkäufe auspackte. Als ich die Tüte öffnete, stieg mir sofort der Duft des frischen Brotes in die Nase und ich bekam Hunger. Tief im Inneren regte sich eine Erinnerung, die ich nicht festhalten, nicht fassen konnte.
So bestrich ich den knackigen Brotkanten dick mit Butter. Merkwürdig, eigentlich mochte ich so etwas nicht, aber heute schien das anders zu sein. Eine Tasse Kaffee dazu, und dann biss ich herzhaft in meinen Kanten. Das schmeckte köstlich, ich schloss die Augen.
Plötzlich stiegen Bilder in mir auf: Meine Mutter stand an unserem großen hölzernen Küchentisch, das noch warme Brot mit der einen Hand vor ihre Brust haltend. In der anderen Hand das alte, schon ganz schartige Brotmesser, das bereits meine Oma benutzt hatte.
„Willste den Kanten, dick mit Butter, Frollein?“
Ich saß auf dem Ledersofa, das an der Wand hinter dem Tisch stand und nickte wortlos. Ganz gespannt, ob Mama es wieder einmal hin bekommen würde, den Kanten sauber abzusäbeln, ohne sich in die Brust zu schneiden. Natürlich gelang ihr das jedes Mal und immer aß ich den Kanten mit Genuss. Manchmal, wenn ich ganz viel Glück hatte, bekam ich auch noch eine dicke Zuckerschicht über die Butter gestreut und durfte an Mutters Milchkaffee nippen. Das war ganz wunderbar und ich fühlte mich unsagbar glücklich.
Plötzlich schämte ich mich, schämte mich so ungeduldig gewesen zu sein, so wenig verständnisvoll zu der alten Frau, die viel zu oft allein war. Die doch bloß Aufmerksamkeit wollte und Liebe.
Entschlossen ging ich zum Telefon und wählte.
„Hallo Mama, hier bin ich!“
Meine Mutter klang alarmiert. „Kind, ist irgendwas passiert?“
„Nö, eigentlich nicht. Ich war vorhin etwas kurz angebunden und das tut mir leid! Weißt du was, ich komme morgen Nachmittag mal bei dir vorbei und bringe ein Stück Kuchen mit. Dann setzten wir uns auf einen gemütlichen Kaffeeklatsch zusammen. Ich muss dir nämlich etwas erzählen!“