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von Ella Frey

Sie wartete. Paul kam spät und guter Dinge. Für ihn war der Tag sehr erfolgreich verlaufen, er hatte die Vorarbeiten für einen Gesellschaftervertrag abgeschlossen und danach ein stundenlanges Meeting mit den anderen Gesellschaftern hinter sich gebracht. Offensichtlich war er zufrieden. An diesem Abend und auch an den folgenden Abenden konnte Ella nicht erklären, warum sie sich so traurig und betrogen fühlte. Ihm nicht nahe bringen, dass er ihre gemeinsamen Ideen verraten hatte. Sie versuchte es in jeder ihr zur Verfügung stehenden Art und Weise. Schonte sich nicht, und auch ihn nicht, sprach von Betrug, von Vertrauen, von Partnerschaft. Nichts durchdrang den Panzer, den er um dieses Thema gelegt hatte und am folgenden Samstag verließ er sie.

Danach

Als sie die Tür leise hinter ihm schloss begann sie zu frieren. Zwei Wochen lang war ihr kalt, sie drehte Heizungen hoch, doch nichts konnte die Leere in ihrem Inneren vertreiben. Er hatte sich nicht einmal umgedreht, als er die Treppe nach unten ging. Und sie hatte es vermieden, ihm durchs Fenster nachzuschauen, wie sie es früher oft getan hatte.

Wiederkommen

Er stand im Treppenhaus und wirkte fremd. Die Freude, an die sie sich erinnerte wollte sich nicht einstellen. Sie wurde traurig. Und als Schallmauer gegen ihn und ihre Gefühle ließ sie den Fernseher laufen. Er hatte Abendessen mitgebracht. Der Döner erinnerte an Vergangenes. Das Gespräch verlief still, so als ob die Sprache lediglich dafür da wäre, um die Nähe des Anderen zu spüren. Er war da. Er machte emotional nicht ganz zu, er redete, sie konnte seine Anwesenheit spüren. Für diesen Abend war sie zufrieden.

Irgendwann verebbte das Gespräch. Stimmen aus dem Fernsehgerät sprachen. Er sagte noch, er wolle nicht mehr denken. Sie schliefen miteinander. An diesem Abend schlief er im Wohnzimmer. Morgens kam er in ihr Bett und schmiegte sich an sie. Sie hielt sich an dieser Nähe fest. Sie schliefen noch einmal miteinander. Dann brachte sie ihn nach Hause und bezahlte.

Bezahlte die Nacht mit Tränen.

Das erste Mal

Ella betrat den Unterrichtsraum. Unsicher. Zwanzig Monate lang würde sie jeden Montag und jeden Freitag in diesem Raum sitzen, doch heute kannte sie keinen Menschen. Ihr Sitzplatz würde für lange Zeit hinten am Ausgang sein. Es war Ihr Platz am ersten Abend. Nach einem gemurmelten „Guten Abend“ setzte sie sich, schaute sich um, hörte die Stimme der Dozentin, konnte den Sinn nicht verstehen und bemerkte ihn. Er saß diagonal, ihr entgegengesetzt. Ungefähr einhundert Kilo, braune scheue Kleidung, Jeans. Etwas ganz besonderes. Sie hörte seine Stimme und liebte die Stimmlage. Sie sah seinen Körper und fand ihn gemütlich. Stark und beschützend. Sie sah seine Augen und mochte seine Art.

Zurück

Ein Treffen im Café. Sex im Café. Auf dem Weg dahin verzögerten sich ihre sonst schnellen Schritte. Nervosität wuchs. Ein Gefühl im Bauch, der sagte: UMDREHEN!!! Vor einer Bäckerei lief sie ein paar Schritte zurück. Das ging besser. Dann wurde es genau so, nervös, ernst, kein leichter Gang, in beide Richtungen nicht. Also ging sie hin. Um eins war er noch nicht da. Er kam später, eine Kiste mit Mandarinen in der Hand. Ambivalent. Wie immer. Seine Augen luden sie ein, mitzuspielen. Sein Körper fand schnell ihren Körperkontakt. Er streichelte sie.

Weiter zurück

Alles klar, wollte sie per SMS wissen. Er rief an; lud sie zum Baden ein, Teelichter, Vanilleduft, extra für sie, den Fan von Vanilleduft und heißen Schaumbädern, sie konnte sofort einsteigen. Das Wasser entspannte sie. Sie tauchte den Kopf unter, keine sexuelle Annäherung, sie erinnerte sich an eine ähnliche Situation vor ein paar Monaten, als sie von ihm eingeladen wurde, ebenfalls zum baden, damals war das Bad genauso, er hatte ihr eine Entspannungsgeschichte vorgelesen. Und sie hatten Sex, sie erinnerte sich daran, wie sie warmes Wasser aus der Wanne um seinen Penis rinnen ließ. Seine Reaktion war ihr ins Gehirn eingebrannt. Genau das stand vor ihr und in ihrer Brust entfaltete sich eine Aufregung, eine Nervosität. Sie wurde ziellos und entspannte sich wie schon lange nicht mehr. Beziehungsziele, Aufdeckung, Spionage? Jetzt nicht. Sie genoss, als er im Bad auf der Toilette saß und sie redeten. Friedlich. Obwohl sie nackt war gab es keine sexuelle Komponente. Natürlich gab es subtile Anspielungen (Mach mich rein ist grammatikalisch nicht richtig. Und: UNTERHALTE DICH NIE MIT JEMANDEM, DER WEISS, WAS ER WILL) Doch sie reagierte nicht, auch wenn ihr Gehirn das abspeichern würde für später. Sie genoss Frieden, Entspannung, Zärtlichkeit beim Abschied.

Diesmal ging das von ihr aus. Sex war nicht der Weg, war Spielerei am Rande, war gefährlich zu diesem Zeitpunkt. Und diese Erinnerung, diese Option war Musik für die Zukunft, die Vorstellung, an die sie sich klammern würde, wenn Zweifel und Hoffnungslosigkeit sie so übermannen würden wie das in den letzten Wochen so oft passiert war.