Hermines Glück
von Jutta Ouwens
Eine Woche nach Erwins Beerdigung hatte Hermine die Baumwollvorhänge in die Reinigung gebracht. Nun hingen sie wieder vor dem Schlafzimmerfenster. Durch den orangeroten Stoff kroch die Sonne auf ihre Lider, denn, so wollte es Hermine, ihre Augäpfel sollten schwimmen in Wärme und Freundlichkeit. Sie stellte sich die milden Farbstreifen vor, die durch ihr Zimmer krochen, gleich, wenn sie die Augen öffnen und den Tag begrüßen würde.
Durch den Schlitz zwischen den Vorhängen fiel an jedem Sonnentag ein breiter Streifen gelbes Licht quer durch den Raum; morgens um acht verlieh er den blassen Ornamenten des abgetretenen Läufers sogar eine kurze Pracht. Eine orientalische, wie Hermine fand.
Der Kleiderschrank, die Frisierkommode, und ihr ausladendes altes Ehebett wurden in einen rosaroten Schleier gehüllt. Es erinnerte Hermine an romantische Szenen aus Liebesfilmen, in denen die Menschen in herrlich gelegenen Landhäusern bei geöffneten Fenstern schliefen, vor denen sich zarte Vorhänge in milder Morgenluft bauschten.
Daran dachte Hermine, bevor sie die Augen öffnete, sich dehnte und streckte, mit den Fingern Greifbewegungen machte, um den Grad der Morgensteifigkeit zu prüfen. Bei Sonnenlicht schmerzten ihre arthritischen Gelenke weniger, befand Hermine mit einem zufriedenen Seufzer. Ihr Blick wanderte nach links, zur leeren Bettseite, die sie mit einem hübschen, mohngeblümten Überwurf abgedeckt hatte. Schön anzusehen. Flach, glatt, lieblich. Gerne klopfte Hermine mit der Hand mal kurz auf die Decke, nur so, zur Bestätigung.
Erwin war seit sieben Wochen tot. Es kam ihr schon viel länger vor, vielleicht, weil sie seitdem so gut schlief. Nun, sie trödelte jetzt abends gerne lang herum, ging durch die Wohnung, nahm dabei Dinge prüfend in die Hand, manchmal lächelnd, manchmal kopfschüttelnd. ‚Bestandsaufnahme’ konnte man es wohl nennen. Hermine wunderte sich, dass manche Sachen mit Erwins Tod sofort jede Bedeutung verloren.
Das bronzene Pferd zum Beispiel. Mit aufgerichteten Vorderfüßen hatte es fast vierzig Jahre lang auf der Wohnzimmerkommode gestanden: ein aufsteigender Gaul auf einem Spitzendeckchen. Fast täglich hatte sie ihn abgestaubt, wie die anderen Dinge auch, ohne hinzusehen, einfach mit dem Lappen drüber und fertig. Hermine war in albernes Kichern ausgebrochen, als sie vor vier Wochen mit einer Umzugskiste durchs Wohnzimmer gegangen war, entschlossen, alles einzusammeln, was ihr zukünftiges Leben erschweren würde. Wie dieses nutzlose Pferd. Sie war davor stehen geblieben und hatte den leeren Blick der angedeuteten Augen verfolgt. Direkt auf das Landschaftsgemälde hatte es gestarrt, mit diesen toten Augen. Schauderhaft.
Die scheußliche Flusslandschaft, mit ihren rissigen Wiesen vor dem angestaubten Tannenwald. Hermine stellte sich vor, wie das Pferd ganz unvermittelt einen Satz machen und in den Wald galoppieren würde. Doch richtig Kichern musste sie erst, als sie sich dazu noch vorstellte, wie Erwin zu Tode erschrocken aus seinem Chintzsessel hochfuhr, mit verrutschter Brille nach dem Buch über Pferdezucht griff, das gerade von seinem Schoß glitt und verständnislos auf das verwaiste Spitzendeckchen starrte.
Nun stand es im Karton, das arme Pferd, und versuchte immer noch zu springen. Irgendwie sah es ja auch würdevoll aus, fand Hermine, würdevoll, aber trotzdem scheußlich. Genau wie das Bild. Das musste auch weg. Sie würde es in den Laden bringen, der gebrauchte Sachen aller Art verkauft, oder, noch besser, es abholen lassen.
Überhaupt, sie wollte in aller Ruhe den ganzen Plunder zusammenstellen, verpacken in Umzugskisten, Erwins blankgescheuerte Anzüge gleich mit, die Unterwäsche nicht, die käme nach und nach in die Mülltonne, aber seine Schuhe vielleicht? Ja, Schuhe gingen bestimmt. Sicher freuten die Leute vom Laden sich auch über den ganzen Jägerkram, Erwins grüne Uniform, den Hut mit dem Gamsbart, für so was gibt es doch immer Liebhaber…aber die beiden Gewehre, was sollte sie damit anfangen? Konnte sie die auch einfach abgeben? Hermine wollte erst den Polizisten aus dem Nachbarhaus fragen, oder Mia vom Schützenverein, die wussten so was bestimmt.
Und dann, wenn der letzte Karton durch die Tür getragen würde, wäre es endgültig vorbei! Keine Schützenfeste mehr, keine affigen Paraden mit Landadelverkleidung, keine Mia mehr, die aufgeregt herumflatterte und betonte, wie außerordentlich schwierig die aufwendige Organisation mal wieder gewesen war, kein Erwin mehr, der einen bierlastigen Blick in Mias ausgeschnittenes Taftkleid wandern ließ.
WUNDERBAR!
Nie wieder würde Hermine eine der dunkelbraunen Jalousien herunterlassen, die abends aus der Wohnung eine Festung gemacht hatten, weil Erwin nicht wollte, dass jemand hineinschauen konnte; im ersten Stock, ohne direktes Gegenüber! So ein Blödsinn!
Hermine sehnte sich nach allen Schattierungen des Lichtes: Das zarte Rosa der Morgendämmerung, nachdem sich die Nachtschwärze in flüchtiges Grau verwandelt hatte, gleißenden Blauhimmel, Wolkenberge, die geisterhafte Stunde des Zwielichtes, einfach alles wollte sie sehen, ab jetzt, jeden Tag.
Der Anruf war von Mia gekommen. Vor etwas mehr als sieben Wochen. Bei der Planung des Jagdausfluges war es passiert. Im Vereinsheim, diesem nach Bohnerwachs und Bier riechenden Versammlungsort der Jäger und Sammler, der echten Kerle und der willig dienenden Frauen, deren allererste Mia war.
Zusammengebrochen war er, völlig unspektakulär, tot von der Eckbank gerutscht. Und nichts konnte die gewissenhafte, eifrige, alleinstehende, weil geschiedene Mia davon abhalten, sogleich ihre Jägerinnenpflicht zu erfüllen und das große Halali höchstselbst zu blasen. Hermines Bitterkeit war von zartem Schmelz und löste sich rasch auf, ebenso wie die Überraschung, die kurz und heftig war, aber kaum Trauer nach sich zog. Schon als sie Mias Botschaft begriff, fand sie es schade, dass Erwin nicht Mias Mann gewesen war. Das hätte wirklich besser gepasst. Neben der Jagd und dem Schützenverein waren sie auch noch über zwanzig Jahre gemeinsam in der Steuerbehörde gewesen, was für eine Ungerechtigkeit! Arme Mia. Hermine hatte sich manchmal mit müdem Interesse gefragt, ob Erwin und Mia wohl ein Verhältnis hatten, doch im Grunde war es ihr zu anstrengend, darüber nachzudenken. Sollte er doch in den fleischigfaltigen Ausschnitt schielen oder sonst was tun.
Vor einigen Jahren waren sie bei Mia zum Geburtstag eingeladen gewesen, im kleinen Kreis, daheim, nicht im Vereinshaus. Hermine erinnerte sich deutlich an ihr Erstaunen, als sie Mias Wohnung sah. Hell und freundlich, mit ausgesuchten Möbelstücken, modernen Bildern und vielen Pflanzen. Hermine wusste nicht, weshalb sie plötzlich fror, sich unsicher bewegte und immerzu an ihre vollgestopften, dunklen Räume dachte. Wie selbstverständlich Erwin sich hier bewegte, von Zimmer zu Zimmer ging, mit jedem Schritt Vertrautheit kundgab. Er kannte sich aus, keine Frage.
Hermine dachte an die Zinnsammlung in ihrem Wohnzimmerschrank und das polierte Pferd, bei Mia strahlten farbige Drucke von hellen Wänden und Gardinen gab es überhaupt nicht. Keine Gardinen, wirklich unglaublich. Im Wohnzimmer stand auf einer hellen Holzkommode eine wunderschöne schwarze Lackschatulle mit chinesischen Schriftzeichen, der Inhalt von einem vergoldeten, winzigen Schloss vor Neugier geschützt. Mia bemerkte Hermines bewundernden Blick und stellte sich neben sie. Ja, das ist ein herrliches Andenken von einer Chinareise, hatte sie gesagt und Mathilde wunderte sich noch mehr. Was, diese treue Vereinsmeierin war in China gewesen?
Erwin kam dazu, als Mia lächelnd sagte, dass die Schatulle ihre kleinen Geheimnisse berge. Lächelnd, mit einem Augenzwinkern in seine Richtung, das hätte Mathilde beschworen. Und er? Der schweigsame, schmallippige, ritualversierte Tageseinteiler, was hatte er getan? Zurückgelächelt, mit jungenhafter Scham, weiß der Teufel, wo er die plötzlich hergeholt hatte.
Hermine verdrängte die Angelegenheit, vergaß die schöne Wohnung der Jagdgefährtin und das Lackkästchen, machte weiter in ihrem ganz eigenen Leben, ohne Irritationen, nur mit der Gewissheit, dass Menschen eben so völlig unterschiedlich sein können, eine Binsenweisheit.
Und dann fand sie das Kästchen in Erwins Koffer, oben auf dem Kleiderschrank. Den Schlüssel gleich dazu, fantasielos in ein Nebenfach mit Gummizug geschoben, was für eine Blödigkeit. Hermine wollte Anzüge in den Koffer packen und ihn gleich mit abgeben.
Die roten Drachen tanzten zierliche Tänze auf dem schwarzen Lack, lustig klimperte das goldene Schlösslein. Das schöne Stück in Erwins abgeschabtem Koffer mit dem karierten Stoffbezug. Wenn das kein Beweis war! Hermine, gichthändig, mit fünfundsechzigjähriger Kinderverblüffung, hob es heraus und trug es mit traumwandlerischer Sicherheit auf die Wohnzimmerkommode. Die war natürlich viel zu dunkel für das schwarze Kleinod, doch das würde sich bald ändern. Hermine erinnerte sich sehr genau an Mias Wohnung, Stück für Stück tauchten die Räume in ihrem Kopf auf, dabei drehte sie den Schlüssel in ihrer Hand hin und her. Es konnten doch nur Briefe darin sein, oder? Fotos vielleicht? Hatte Erwin Mia die Schatulle abgeschwatzt? Mit ihren Liebesbriefen? Es konnte ein neckisches Spiel gewesen sein: Einmal hast du die Schatulle, dann wieder ich, ein Spiel zwischen balzenden Grauköpfen, von denen einer blondiert war.
Wie sicher musste Erwin sich gefühlt haben! Hermine erschlaffte bei dem Gedanken. Ihre letzte gemeinsame Reise lag Jahre zurück. Niemals wäre sie an seinen Koffer gegangen, mit dem Staubwedel feudelte sie nachlässig drum herum, sah doch keiner, ein bisschen Staub auf dem Kleiderschrank.
Er brannte in ihrer Hand, der Schlüssel. Hermine nahm ihn in die andere Hand, sofort Brandblasen, dicke, aufgeworfene Wasserblasen, die nur sie fühlen konnte. Was würde Mia jetzt machen? Plötzlich zerplatzten die Blasen, der Schlüssel war ein kühles kleines Ding in IHRER HAND. Hermine legte ihn neben die Schatulle. Gerade hatten die Drachen eine Pirouette vollführt, oder nicht?
Mia würde diese Wohnung nie betreten, es gab keinen Grund, sie überhaupt je wiederzusehen. Hermine war jetzt die Eignerin eines Stücks Leben von Erwin und Mia. Sie hatte sich wahrlich niemals danach gedrängt, in ihrer gleichgültigen Naivität. Alles hingenommen hatte sie, vermeintliche Pflichten erfüllt, den Irrtum der Ehe nie korrigiert. Doch jetzt gab es eine Entschädigung, ein Prickeln, das sie sich erhalten konnte, so lange sie wollte, vielleicht für immer. Mia würde verrückt vor Sorge, vor Angst, sie konnte ja nicht wissen, was geschehen war, nur ahnen konnte sie es, fantasieren konnte sie und nachts wach liegen. Oh ja.
Und Stück für Stück veränderte Hermine ihre Wohnung. Bis die Lackschatulle auf einer hellen Kommode stand, die vor der maisgelben Wand hinreißend aussah. Der Wiesengrund war einem Druck von Macke gewichen und Hermines Füße versanken in zimtenem Hochflor.
Nur das Schlafzimmer hatte sie nicht verändert. Schließlich war sie niemals in Mias Schlafzimmer gewesen. Und Mia niemals in ihrem.
Als ihre Hand über die Sonnenblumen strich, fühlte sie die kleine Erhebung in Kopfkissenhöhe. Da lag er, der Geheimnishüter, auf Erwins Matratze, und konnte nicht hinaus. Da blieb er, der Briefverschließer, und niemand sah sein goldenes Leuchten. Hier schlief er einen langen Schlaf, so lange, wie Hermine es befahl und die Drachen des Tanzens nicht überdrüssig wurden.
Der Sonnenstreifen zeigte den Staubpartikelreigen und Hermine konnte ihr Glück kaum fassen.