Der Mann in ihrer Küche
von Ingrid Karmann
„Verdammter Wasserhahn! Nur für eine dumme Dichtung kommt kein Klempner raus. Jedenfalls nicht so schnell. Daran verdienen sie nichts, da ist die Anfahrt teurer als alles andere!“, fluchte sie vor sich hin. „Jetzt klingelt auch noch das blöde Telefon!“, meckerte sie weiter. Nahm den Hörer ab, sie sah an der unterdrückten Rufnummer im Display, das es sich um nichts Wichtiges handeln konnte. Daher rief sie in die Muschel: „Oder, aber weder noch!“, hängte ein. Zumal es auch schon zum zweiten Mal an der Tür klingelte. In der frohen Hoffnung, dass der Klempner sich doch noch hier heraus gewagt hätte öffnete sie die Tür.
„Sie sind aber nicht der Klempner“, sagte sie sehr langsam und irritiert.
„Nein, der bin ich nicht! Aber du hast einen anderen Nachnamen, wie sehe“, sagte der Mann vor der Tür gut gelaunt.
„Ja, das ist wahr“, gab sie knapp und gedankenverloren zurück.
„Ich habe dich gesucht, aber bin nicht darauf gekommen, dass du einen anderen Namen haben könntest.“ „Ich habe gedacht …“ „Nein sprich nicht weiter, ich weiß was du gedacht hast. Es ist jetzt auch egal. Gut ich habe damals lange auf dich im Park gewartet. Leider umsonst, aber länger konnte ich auch nicht mehr warten, mein Flugzeug ging. Na ja, das ich es dann dennoch verpasst habe war halt Glück.“ Das Geräusch das sie hörte ermahnte sie wieder in die Küche zu gehen.
„Ich muss in die Küche! Komm doch rein!“, beeilte sie sich zu sagen, um in die Küche zu laufen. Er folgte ihr.
„Setze dich ruhig!“, bot sie ihm an, nahm den Deckel vom Topf und rührte ein paar Mal um.
„Das mit dem Flugzeug habe ich nicht gewusst. Ich meine, dass du es verpasst hast. Ich wusste auch nicht, dass du im Park auf mich gewartet hast. Wir waren im Café verabredet, um sechzehn Uhr. In den Park hätte ich es doch gar nicht geschafft!“, erklärte sie.
„Wieso bist du nie an das Telefon gegangen?“, wollte er wissen.
„Ich konnte es nicht. Ich wollte niemanden hören. Es hat mir schon im Büro gereicht. All die mitleidigen Blicke. Dabei hat niemand was Genaues gewusst. Du weißt schon wir haben es nie an die große Glocke gehängt.“ „Du bist ziemlich schnell weggezogen“, stellte er fest.
„Ja, das erwies sich für mich damals als Glücksfall. Es war eine Stellung in einer Filiale in einer anderen Stadt frei die umgehend besetzt werden musste. Ich habe um den Job gebeten und man hat ihn mir gegeben.“ „Aber du kannst nicht lange da gewesen sein, weil als ich dort in dem neuen Büro nach gefragt habe sagte man mir du hättest aufgehört. Niemand wusste mehr, wo du warst“, sagte der Mann.
„Ja, das stimmt. Genau genommen war ich nur ein paar Tage dort. Per Zufall kam ich dann an eine Stelle als Abteilungsleiterin.“ Wieder rührte sie im Topf.
„Ich hatte dich damals gebeten mit mir, zu fliegen.- So war ich dann nur sauer das Du mich sitzen gelassen hast“, erinnerte er sich.
„Ja ich weiß, ich habe keinen Urlaub bekommen. Ich habe lange in dem Café gewartet, ich war traurig. Aber wenn ich Urlaub bekommen hätte, hätten wir den Flug nicht verpasst!“, gab sie zu bedenken.
„Ja, das stimmt! Ich war nur vier Wochen weg! Vier Wochen, die mein Leben verändert haben. Danach war nichts mehr, wie es war! Du hast geheiratet?“, wollte der Mann wissen.
„Ja, wegen des Kindes. Es war besser. Ich wollte erst nicht. Du kennst meine Einstellung dazu, aber mit Kind.“ „Ich erinnere mich! Wir hatten vor, gehabt so zusammenzuleben. Für immer und ewig, oder?
Sie rührte wieder im Topf.
„Es war nicht ganz so! Wir hatten es angesprochen, aber nicht festgelegt. Wir wollten nach deiner Rückkehr darüber reden“, stellte sie richtig.
„Kommt dein Kind jetzt aus der Schule?“, fragte er.
Sie lachte: „Nein, er ist schon so alt das Er selbst Kinder haben könnte.“ „Dann wärest du Großmutter. Möchtest du das?“ „Nein, ich lege keinen Wert darauf. Ich weiß nicht, warum, aber es ist, so. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich mich eigentlich nie binden wollte.“ „Dann kochst du jetzt für deinen Mann und er kommt jeden Augenblick nach Hause?“ „Nein, er kommt erst viel später. Und ich koche nicht für ihn, er isst in der Firma.“ „Ich fürchtete schon ich müsste jetzt schon wieder gehen, jetzt wo ich dich eben erst gefunden habe. Würdest du mich ihm vorstellen?“ „Nein, ich würde die Küchentür schließen!“ „Und dann?“, wollte er wissen.
„Nichts dann! Er kommt nicht in die Küche. Ich kann mich nicht daran erinnern ihn jemals hier drinnen gesehen zu haben.“ Der Mann lachte.
„Er weiß nicht was er verpasst! Wir waren oft in der Küche. Wir haben zusammen gekocht!“ „Ja, aber bis wir zum Essen kamen war immer alles kalt!“ „Schon, aber dann hatten wir auch immer richtig Hunger!“, stellte er fest.
Sie setzte den Deckel schräg auf den Topf und stellte den Herd ab, sie stand da und sah zu Boden.
„Einmal hast du Flamenco auf dem Küchentisch getanzt!“, erinnerte er sie.
„Ja, der war ziemlich stabil“, bestätigte sie ihn und sah ihn an.
„Hast du noch mal getanzt?“
„Nein, nie wieder!“
„Bist du eigentlich glücklich?“, wollte er wissen.
„Ich bin zufrieden.“
Er nickte. Sie sah wieder zu Boden.
„Was tust du so den ganzen Tag?“, fragte er sie.
„Nicht viel, ich halte das Haus in Ordnung. Und du was tust du? Bist du glücklich?“, wollte sie wissen.
„Ich tue das was ich immer getan habe, du erinnerst dich! Ja, im Augenblick bin ich glücklich. Ich habe dich gefunden!“ „Du wirst mir nicht erzählen, dass du in all den Jahren nichts weiter getan hast als mich zu suchen! Du konntest schon früher an keinem Rock vorbei gehen!“ „Doch, das habe ich. Gut, auch ich war zwischenzeitlich verheiratet. Es ist nicht gut gegangen. Sie wollte nicht die zweite Geige spielen. Dir war ich immer treu, wenn man es genau betrachtet, bin ich es bis heute geblieben“, gestand er.
„Hast du Kinder?“
„Nein, ich habe keine. Ich denke ich bin kein guter Vater, mir hätte auch die Zeit gefehlt:“ „Ja, ich verstehe. - Ich habe oft an dich gedacht.“ „Ich glaube dir. Nur hast du das unter anderen Voraussetzungen. Du bist davon ausgegangen, dass ich das Flugzeug bekommen habe.“ „Schon, aber ich habe darüber nachgedacht was gewesen wäre hättest du unsere Verabredung eingehalten.“ „Ja, ich wünschte wir hätten uns nicht verpasst. Vieles wäre einfacher gewesen. Wahrscheinlich hätte ich das Flugzeug erst recht nicht mitbekommen!“ „Es macht keinen Sinn über vergossenen Wein zu debattieren. Das war gestern. Wir leben im Heute!“, machte sie ihm klar und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.
„Du hast recht! Hängst du sehr an all dem hier?“ „Nicht sonderlich, ich wollte dieses Haus nie haben. Auch diese Küche, sie gefällt mir nicht“, erklärte sie.
„Ja, ich sehe, der Tisch ist nicht sehr stabil und er steht falsch.“ Sie lachte: „Wolltest du jetzt hier umräumen?“ „Nein, aber kannst du es noch? Ich meine Flamenco tanzen?“ „Keine Ahnung.“ „Bist du nicht einmal auf den Gedanken gekommen es zu versuchen? Es hätte ja nicht unbedingt auf dem Tisch sein müssen!“ „Nein, es passte nicht. Es passte nicht hier her.“ „Weißt du noch wie wir zu den Spielfilmen im Fernsehen eigene Texte gesprochen haben?“, erinnerte er sich.
„Ja, das war lustig.“
„Hast du es noch mal gemacht?“, wollte er wissen.
„Nein, er mag es nicht, wenn beim Fernsehen geredet wird.“ „Ich habe dich vermisst!“, sagte er.
Sie saß da und nickte.
„Tust du eigentlich manchmal Dinge, die dir einfach Spaß machen?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf.
„Was würde dir Spaß machen?“, hakte er nach.
„Wenn du mich so fragst, ich würde gerne tanzen“, antwortete sie.
Er stand auf, ging um den Tisch, verbeugte sich und sagte: „Darf ich bitten?“ Sie strahlte, sie nickte, sie stand auf, sie lag in seinen Armen.
Er sang das Lied Moon River, er war ein guter Sänger, immer schon. Sie tanzten einige Schritte.
„Nein! Nein, das ist nicht richtig“, sagte sie und blieb stehen, „wir haben nie zu diesem Lied getanzt!“ Er sah sie erstaunt an. „Meinst du nicht, dass es dann höchste Zeit ist, es zu tun?“ Sie sah ihn an. Es klingelte an der Tür. Sie stutzte einen Augenblick und ging dann zur Tür. „Oh, ja, schön das sie doch so zügig kommen konnten, der Wasserhahn ist in der Küche.“ Sie ging zu ihm zurück, sie sah ihm in die Augen und sagte dann: „Du hast recht! Wir sollten es versuchen!
Sie nahm einen Zettel aus der Küchenschublade, schrieb schnell etwas darauf, legte es auf den Küchentisch, nahm ihn bei der Hand, wandte sich dann an den Klempner: „Bitte schließen sie die Außentür wenn sie wieder gehen und einen schönen Tag noch!“