„Jetzt ist meine Seele wieder aufgetankt“
Märchen erreichen die Herzen der Menschen

Trotz Fernsehen und Computer-Spielen haben Märchen in der heutigen Zeit ihren Reiz ganz und gar nicht verloren. Das beweist nicht zuletzt die Berufsgruppe der Märchenerzähler, die in Deutschland bei verschiedensten Veranstaltungen auftreten und ihr Publikum mit ihrer bildhaften Erzählkunst verzaubern. Marlis Arnold ist eine Märchenerzählerin aus Köln, die ihren Lehrerberuf gegen diesen kreativen Job eintauschte und sich somit einen Traum erfüllte.

WE: Du hast rund 30 Jahre als Lehrerin für Deutsch und Französisch gearbeitet. Was war der Auslöser, dass du diesen Beruf an den Nagel gehängt und einen anderen Weg eingeschlagen hast?

Arnold: Ich war es leid, mich immer nur an die Köpfe der Schüler zu richten, ich wollte den ganzen Menschen erreichen – nicht nur Wissen vermitteln, sondern Kreativität wecken. Der Auslöser für meinen Ausstieg aus dem Lehrerberuf war meine Depression. Ich bin krank geworden, fühlte mich überfordert, weil ich mich an den Lehrplan halten musste und nicht kreativ arbeiten durfte. In dieser Zeit habe ich mir ein Gelübde gegeben: Wenn ich wieder gesund bin, höre ich mit der Schule auf, werde Märchenerzählerin und spende mein Honorar an das Kinderhilfswerk in Osnabrück. Schließlich wurde ich drei Mal glücklich: ich wurde gesund, ich wurde Märchenerzählerin und ich spende meinen Verdienst – und das bis heute.

WE: Du spendest dein Honorar – wovon lebst du dann?

Arnold: Nun, ich habe meine Pension und die Mieteinnahme eines Hauses – ich brauch nicht von der Erzählkunst zu leben. Doch es gibt einige Menschen, die davon leben müssen. Deshalb trete ich nie ohne Honorar auf, um denen nicht die Preise kaputt zu machen.

WE: Du hast bei der Europäischen Märchengesellschaft deine Ausbildung gemacht. Wie wird man dort zur Märchenerzählerin?

Arnold: In der Europäischen Märchengesellschaft kann man bei verschiedenen Lehrern verschiedene Erzählstile erlernen. Zum Beispiel die Lemniskate bei Frau Knoch. Das ist ein sehr meditativer Erzählstil, man schwingt quasi in einer liegenden Acht. Oder die sehr wortgetreue Sprechkunst von Herrn Janning, ein Sprechausbilder, der sich auf Grimm spezialisiert hat. Fünf Grundkurse in möglichst verschiedenen Erzählstilen, fünf Fortgeschrittenen-Kurse und ein Intensivkurs gehören als Minimum zur Ausbildung. Danach kann man eine Prüfung ablegen. Für die habe ich mir übrigens sieben Jahre Zeit gelassen.

WE: Wie läuft solch eine Prüfung ab?

Arnold: Man braucht zwei bis drei Empfehlungen von Erzähllehrern, bei denen man Kurse besucht hat, dann kann man sich öffentlich einem Publikum vorstellen. Drei gestandene Erzähler bilden das Prüfteam. Waren sie mit der Art der Erzähldarbietung zufrieden, muss man noch Auskunft über Märchensachkunde geben, dann wird man in die Liste der zu empfehlenden Märchenerzähler aufgenommen.

WE: Das heißt, die Europäische Märchen-Gesellschaft hilft Erzählern, sich bekannt zu machen?

Arnold: Nein. Die EMG ist in erster Linie eine wissenschaftlich orientierte Literaturgesellschaft. Die Erzählförderung steht erst an zweiter Stelle. Allerdings erhalte ich schon einige Anfragen über die Märchengesellschaft, da ich die einzige professionell ausgebildete Märchenerzählerin in Köln bin.

WE: Warum gerade Märchen? Was ist das Besondere daran?

Arnold: Oh, ich erzähle nicht nur Märchen, sondern auch Mythen, Geschichten aus aller Welt, Sagen, Fabeln und Schwänke. Doch meine Liebe gehört den Märchen, weil sie sich am Verstand vorbei schlängeln und direkt zum Herzen der Zuhörer gelangen. Ich freue mich immer besonders, wenn ich aus meinem Publikum höre „Jetzt ist meine Seele wieder aufgetankt“.

WE: Hast du ein Lieblingsmärchen?

Arnold: Das ist eigentlich immer das, welches ich gerade neu lerne. Im Moment ist das ein hessisches Märchen: „Frau Leberwurst zu Besuch bei Frau Blutwurst“, schaurig schön schräg. Ansonsten mag ich „Die blaue Rose“, ein chinesisches Liebesmärchen, und Grimms „Froschkönig“ ganz besonders.

WE: Mit welcher Absicht bist du Märchenerzählerin geworden? Was ist dein Ziel?

Arnold: Die Imaginationsfähigkeit meiner Zuhörer wecken und entwickeln. Im Fernsehen bekommen wir fertige Bilder vor die Nase gesetzt. Märchen bedienen sich einer Bildersprache, die den behinderten Jugendlichen genauso erreichen wie die promovierte Juristin. Sie sehen mich mit den gleichen Augen an, wenn sie in die Bildern des Märchens eintauchen. Es ist für mich wichtig, die Imagination anzusprechen. Die Sprache der Information ist kalt, es sind nur Fakten, die vermittelt werden. Die Sprache der Märchen dagegen ist warm und findet Zugang zu den Menschen.

WE: Du hast auch eigene Märchen geschrieben?

Arnold: Ja. Die sind auch ganz gut. Aber das Schreiben steht für mich nicht so im Vordergrund. In der Kinderliteratur gibt es soviel Durchschnitt, da möchte ich meinen Durchschnitt nicht auch noch dazu packen. Ich könnte nie so schreiben wie eine Cornelia Funke, die ich begeistert lese. Aber ich habe noch eine Geschichte, die ich gern zu Papier bringen möchte: „Die obdachlose Waldelfe“. Allerdings leiste ich schon kreative Arbeit bei meinen Märchen. Bevor ich sie mir einverleibe, sie inwendig lerne, bearbeite ich sie behutsam, ich mache die Schriftsprache mundgerecht, entstaube veraltete Ausdrücke. Am Inhalt verändere ich nie etwas, aber wenn man bei einem Eskimo-Märchen zu sehr den Missionar als Übersetzer spürt, nehm ich etwas Moralin heraus.

WE: Und doch hast du einige deiner Märchen veröffentlicht. Wie bist du an einen Verlag heran gekommen?

Arnold: Nun, diese Geschichte ist schon fast selbst wie ein Märchen. Ich war in Bologna auf der Kinderbuchmesse und der renommierte Könemann Verlag wollte neu in die Kinderbuch-Sparte einsteigen. Da sah ich eine Chance. Beim Gespräch mit dem Verlagsleiter stellte sich heraus, dass wir nicht nur beide in Köln ansässig sind, sondern dass seine Tochter und ich im gleichen Reitstall ritten. Da lief der Vertrag per Handschlag. Bei diesem Verlag ist dann mein Märchenkochbuch „Zwerg Nase in den Kochtopf geschaut“ in einer Auflage von 40.000 Stück erschienen. Später dann noch die 3-Minuten-Märchen mit CD.

WE: Zurück zur Erzählerin. Wo trittst du eigentlich auf? Wo kann man deinen Geschichten lauschen?

Arnold: Hauptsächlich werde ich von Schulen gebucht. Daneben erzähle ich auch in Museen, Bibliotheken, kirchlichen und kulturellen Begegnungsstätten aber auch auf Erzählfestivals im In- und Ausland, zum Beispiel beim Märchenfestival auf der dänischen Insel Bornholm (im Andersen-Jahr 2005) oder beim Kölner Festival Fabula Colonia. Zur Zeit läuft alles über Mundpropaganda, ich mache keine Werbung. Allerdings wäre es schon schön, jemanden zu haben, der mich im Bereich Eigenwerbung coacht.

WE: Wie sieht eigentlich dein Terminkalender aus? Gibt es Zeiten, wo sich die Anfragen knubbeln und Zeiten, wo eher Flaute ist?

Arnold: Die meisten Anfragen kommen von November bis Dezember. In dieser Zeit muss ich sogar oft Angebote ablehnen, denn mehr als drei Mal in der Woche auftreten geht nicht. Das macht die Stimme nicht mit. Im Sommer ist es dann eher etwas ruhiger. Der Idealfall wäre ein Mal in der Woche zu erzählen.

WE: Wenn du sehr oft schon so gut ausgebucht bist, wozu willst du dann noch Werbung betreiben?

Arnold: Die meisten Termine sind in Schulen – für Kinder. Natürlich freue ich mich über die strahlenden Kinderaugen, doch ich möchte gern mehr für Erwachsene machen. Ein Erwachsenen-Publikum zu finden, ist allerdings schwieriger.(.......) Ich möchte mir keinen Raum mieten müssen, um meine ErzählKunst zu präsentieren, sondern trete lieber da auf, wo ich willkommen geheißen werde. Mich selbst bekannter zu machen, oder gar anzubieten, fällt mir schwer – deshalb denke ich, ich bräuchte dafür einen Coach, der z.B. die Veranstaltungstermine in den Zeitungen publik machen würde.

WE: Welche Wünsche hast du für das Jahr 2007?

Arnold: Gesund bleiben, dass meine Stimmbänder nicht schlapp machen und offene Ohren und Augen in den Gesichtern meiner Zuhörer.

WE: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte women´s edition Herausgeberin Katrin Zill.

Foto: Marlis Arnold ©

Marlis Arnold im WEB: