Ausgewählte Rezension - Archiv ab 2006
September 2008: Heide Floor "Tanz ins letzte Drittel"
Alt werden wir alle, irgendwann. Und jeder von uns verbindet andere Erwartungen und vielleicht auch Vorurteile mit dem Alter. Alt und grau, krank und dem Tod ein Stück näher. Doch alt sein ist nicht nur bestimmt von beängstigenden Vorstellungen über das nahende Ende, im Gegenteil: der Spaß am Leben muss noch nicht in eine Schublade gelegt werden, er darf gefeiert werden! Das ging mir durch den Kopf, als ich „Tanz ins letzte Drittel“ von Heide Floor gelesen habe und es hat mich sehr gefreut. Der Erstling der Göttinger Autorin sprüht vor lauter Lebenslust.
Mathilda und Maximilian heißen die beiden Protagonisten, die seit sechs Jahren ein Paar sind und zusammen leben. Geheiratet wird nicht, wegen der Witwenrente. Während Mathilda darüber grübelt, in welchem Altenheim beide ihren Lebensabend verbringen sollen und wann der beste Zeitpunkt gekommen ist, sich anzumelden, verstrickt sich Maximilian Specht in einem plötzlich aufgetauchten Gefühlsgeflecht. „Bis bald, Deine Barbara“ stand verheißungsvoll unter jedem Brief, den Specht von einer Unbekannten erhielt. Barbara. Obwohl er sich trotz aller Anstrengungen nicht wirklich vorstellen kann, wer diese geheimnisvolle Frau ist, ist er verliebt. Verliebt in Barbara. Auch in diesem Alter lässt sich die Liebe nicht davon abhalten, wie ein hungriges Tier über ihr Opfer herzufallen und die Gefühle aufzuwirbeln, bis ein riesiger Schwarm Schmetterlinge im Bauch herumschwirrt. Specht, der an einem Buch über die verschiedenen Formen des ICH brütet, hat es erwischt und es lässt nicht nur seinen Puls rasen wie bei einem Teenager, sondern inspiriert ihn. Das Schreiben geht flotter von der Hand und die Heimlichtuerei gibt dem Ganzen die passende Würze. Doch das Begehren, das da plötzlich in ihm lodert, irritiert den alten Mann.
Specht liebt Mathilda über alles, doch die Fremde bringt ihn zunehmend um seinen Verstand. Mathilda, die immer noch Rezensionen und Artikel für eine Zeitung schreibt, beschäftigen andere Dinge. Frau Wendeberg, eine Dame, die sie regelmäßig im Altenheim besucht und die im Laufe der Zeit zu einer guten Freundin geworden ist, geht es von Tag zu Tag schlechter bis deren Zeit gekommen ist. Wehmütig nimmt Mathilda Abschied von der alten Frau. Dem Tod begegnet man nun häufiger. Doch Mathildas Gedanken kreisen nicht nur um Frau Wendebergs Ableben, das eigene Alter und die Anmeldung für das Stift, sondern auch um Stefan Kranzfeld, der ihr immer wieder bei ihren Besuchen im Altenheim begegnet ist.
Wer ist Barbara und was hat es mit Stefan Kranzfeld auf sich? Bringt Mathildas Geburtstagsfeier Licht ins Dunkel? Mit Raffinesse hat die Autorin eine Geschichte entwickelt, die amüsiert, die verblüfft und mitfühlen lässt. Sie wob ein herrliches Netz aus Möglichkeiten und setzte gekonnt nacheinander die Figuren auf das Spielbrett, so dass man als Leser immer wieder auf eine falsche Fährte gelockt wurde. Mit Leichtigkeit lässt sie jeden Anflug von Ahnung, wie die Geschichte weiter gehen könnte, im Keim ersticken. „Tanz ins letzte Drittel“ ist ein sehr unterhaltsames Buch, welches achtsam Themen wie Liebe und Sex, Alt sein und Tod berührt. Ein Buch über große Gefühle. Ein Buch mit Tiefgang.
August 2008: Kerstin Gier "Für jede Lösung ein Problem"
„Was wäre, wenn Ihre Familie, Freunde und Bekannte wüssten, was Sie wirklich über sie denken…“ Ja, was wäre wenn? Mord und Totschlag? Ächtung und Verbannung? Oder endlich mal was los? Wer sich nicht traut oder gar keine Grund hat, das selbst herauszufinden, es aber gern erfahren möchte, der sollte Kerstin Giers Roman „Für jede Lösung ein Problem“ lesen. Ein köstliches literarisches Werk, ich habe herzhaft gelacht!
Protagonistin Gerri ist auf den ersten Blick eine völlig normale Frau in einem völlig normalen Leben mit den üblichen kleinen und großen Problemen. Doch schaut man dahinter, dann erkennt man eine Frau, die doch tatsächlich allen Grund hat, sich aus dem Leben zu katapultieren. Die Familie macht sie fertig, weil sie mit 30 noch Single ist. „Du bist zu blöd, einen Mann abzukriegen!“ Na und dass sie als Kind das gute Meissner Porzellan zerstört hat, nimmt man der jungen Frau heute noch übel. Geduldig erträgt sie die Eigenarten ihrer religionsfanatischen Verwandten und nimmt gern in Kauf, dass sie ihre Wohnung nur über eine gefährliche Außentreppe erreicht, damit die Verwandtschaft das Haus optimal für sich selbst nutzen kann.
Der Freundeskreis besteht nur aus Paaren, die zu allem Übel auch noch fleißig Kinder produzieren. Ihre Erfüllung scheint Gerri zumindest in ihrem Job gefunden zu haben. Auch wenn sich ihre Mutter, die sie und ihre Schwestern nie beim richtigen Namen nennt, dafür schämt und in der ganzen Familie erzählt, ihre Tochter habe ein Schreibbüro, so ist Gerri doch eine sehr erfolgreiche Liebesromanheft-Autorin. Doch auch der letzte Halt im Leben der Dreißigjährigen bricht weg, als der Verlag von einem anderen übernommen und ihre Romanreihe gekickt wird. Von jetzt auf gleich ist sie arbeitslos und ihre Depression nimmt nun konkrete Formen an. Sie will sich umbringen, mit Schlaftabletten, weil sie eher der Marilyn-Monroe-Typ ist, als alles andere. Einfach weg, Ende.
Gerri entwickelt einen ausgeklügelten Schlachtplan und bereitet ihren Selbstmord akribisch vor. Alles muss stimmen für das Ende. Und damit sie für alle einen unvergesslichen Abgang hinlegt, schreibt sie Briefe an Familie und Freunde. Ehrlicher kann ein Mensch wohl kaum sein, als angesichts des bevorstehenden Todes und so nimmt Gerri kein Blatt vor den Mund und schreibt jedem ehrlich und von Herzen, was sie von ihm oder ihr hält. Und das hat sich teilweise richtig gewaschen, jeder kriegt sein Fett ab.
Alles scheint perfekt, alles ist vorbereitet, eigentlich kann nichts mehr schief gehen. Geht es dann aber doch: Der Selbstmordversuch misslingt und Gerri muss sich ihren per Post versendeten Wahrheiten stellen. Puh, das ist heikel, denn nicht jeder freut sich erst einmal darüber, dass sie noch lebt, sondern fühlt sich gehörig auf den Schlips getreten. Das Unheil nimmt seinen Lauf und Gerris Leben einen völlig neuen Weg.
Das Buch ist eine heitere und spannende Lektüre. Man kann sich sofort in die Situation der Romanheldin hinein versetzen, sich mit ihr und ihren Problemen identifizieren, nachvollziehen, was in ihr vorgeht. Die Figur, die Kerstin Gier hier entwickelt hat, fühlt sich trotz ihrer überspitzten Darstellung authentisch an. Und irgendwie hatte man beim Lesen auch gehofft, dass Gerri ihren Selbstmordversuch überlebt, kommt die Chaotin doch so sympathisch daher. Die Ich-Form haucht der ganzen Story Leben ein, denn sie vermittelt den Eindruck, man säße mit der Protagonistin in einem Café und sie erzählt dabei die ganze Geschichte.
Warum ich das Buch überhaupt gelesen habe? Mich hat zum Einen das Cover gereizt, zum Anderen der Titel: Wer hat nicht schon mal zu mancher Lösung ein Problem? Neben all dem Spaß regt das Buch allerdings auch ein wenig zum Nachdenken an, denn es stochert in einem recht interessanten Thema herum. Wie vermittele ich anderen, was ich wirklich über sie denke. Wie viel Wahrheit ist notwendig und wie viel Wahrheit ist gesund, tut beiden gut, sprich: wie viel Wahrheit verträgt der Mensch? Wie entsteht das Bild, das man sich von anderen macht und wie viel von einem selbst fließt in dieses Bild mit ein?
Das Buch ist absolut lesenswert, Unterhaltung pur und ein guter Stoff, um sich selbst zu reflektieren.
Juni 2008: Gitta Becker "Das Rosenspiel"
Hat irgendwer schon mal seine Frau betrogen? Männer, ihr solltet es besser nicht tun, denn frau durchschaut euch schneller, als euch lieb ist. Männer verraten sich grundsätzlich, Männer wollen die Wahrheit nicht sehen, Männer glauben fest an den Mythos, dass sich schon alles von allein regelt. Solch ein Kerl ist jedenfalls der Mann von Susanne, Romanheldin von Gitta Beckers Erstling „Das Rosenspiel“.
Spannend ist er, der Debütroman von Becker, witzig auch und: er fühlt sich authentisch an, so, als würde man die Geschichte live miterleben. Die Geschichte ist eigentlich recht banal, denn Fremdgehen passiert heutzutage in erschreckend vielen Beziehungen. Die Autorin packt das Thema beim Schopfe und macht daraus eine leicht überspitzte, amüsante Story, die viel vom aufgewühlten Gefühlsleben einer gehörnten Frau wiederspiegelt und die tumb-naive Sorte Mann herrlich aufs Korn nimmt.
Alles nimmt seinen Lauf bei einem harmlosen Golfspiel. Susannes Mann hatte die Idee – warum auch immer Männer auf solche Ideen kommen, aber sie tun es – seine Geliebte als sogenannte „beste Freundin“ seiner Frau vorzustellen. Natürlich nur, um diese ganz legal bei sich zu haben. Klar. Susanne riecht den Braten sofort, kommt aber erst viel später hinter das Geheimnis der beiden, als sie heimlich den Computer ihres Mannes durchsucht und Mails findet, die die Karten ganz klar auf den Tisch legen. Susanne ist verzweifelt und hin und her gerissen. Was tun? Sie beschließt, sich nicht klein kriegen zu lassen und stattdessen mit den beiden Katz und Maus zu spielen. Das Rosenspiel ist eröffnet.
So nach und nach weiht sie wichtige Personen in die Umstände und ihre Pläne ein und kanalisiert all ihre Energie in die Vereitelung der Treffen zwischen ihrem Mann und dessen Geliebten. Die Mittel, die sie sich dafür ausdenkt, könnten aus dem realen Leben gegriffen werden, die Reaktionen des Mannes und deren Angebeteter ebenfalls und gerade das macht den Roman so glaubwürdig, so authentisch, dass es Spaß macht, ihn zu lesen. Es fällt leicht, sich mit den Figuren zu identifizieren, auch wenn man selbst vielleicht noch nie in einer der Rollen gesteckt hat. Aber man kann sich die Farce, die da in Susannes Familie passiert, bildlich vorstellen.
Sehr gelungen fand ich die Ideen, die Geliebte zum Adventskaffee einzuladen, die Susanne mit befreundeten Pärchen jedes Jahr feiert. Ob sie es tatsächlich wagt, sich in der Höhle der Löwin den Blicken und Gedanken von Susanne und deren Freundinnen auszusetzen, nur um ihrem Angehimmelten für ein paar Stunden nah zu sein? Spannung pur ist später das Kapitel „Silvester“. In die Situation und Gefühlswelt, die Susanne da erlebt, kann man sich nur zu gut hinein versetzen und die Autorin schafft es hier hervorragend, einen Spannungsbogen zu bauen, der sich dann so auflöst, wie man sich es vielleicht nicht gewünscht hat, wie es aber zur Romanheldin passt.
Sehr bildhaft zeichnet sie auch Susannes Ehemann und dessen Geliebte. Er, der naiver Weise keinen Gedanken daran verschwendet, dass seine Frau Wind bekommen haben könnte, der keine Entscheidung fällen kann und Liebe am Geldbeutel festmacht – eine fast schon klassische männliche Fremdgeh-Figur. Sie, eine eigentlich taffe Frau, die sich den falschen Liebhaber ausgesucht hat und immer wieder versucht, ihn in ihr Boot zu zerren. Schafft sie es? Dem gegenüber Susanne, die mit allen Mitteln kämpft und Sachen macht, die eigentlich gar nicht ihre Art sind, frei nach dem Motto „im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“.
Und zu so einem gelungenen Werk gehört auch ein guter Schluss. Ich hab nur gesagt: „Ja!!“ Mehr möchte ich gar nicht verraten. Alles in allem hat Gitta Becker mit ihrem ersten Roman einen super Start hingelegt und die Themen Beziehung, Liebe, Lüge, Betrug, Schmerz und Leid wunderbar aufgearbeitet.
April 2008: Arto Paasilinna "Die Giftköchin"
Arto Paasilinna ist und bleibt mein Geheimtipp. Nachdem ich schon in „Der Sommer der lachenden Kühe“ von seinem subtilen Humor eingefangen wurde, traf sein Roman „Die Giftköchin“ erneut ins Schwarze. Herzerfrischende Komik, ausgeklügelte Story, der Finne weiß seine Leser zu vergnügen.
Es ist die Geschichte der Offizierswitwe Linnea Ravaska, die eigentlich ein beschauliches Leben in ihrem kleinen Häuschen auf dem Lande führen könnte, wären da nicht ihr gewalttätiger und dreister Neffe Kake Nyyssönen und seine beiden Saufkumpane. Der 30-Jährige Finne hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, allmonatlich die alte Dame zu schröpfen und ihr ihre magere Rente abzunehmen. Er war der Meinung, dass ihm das sehr wohl zustand, denn er war schließlich jung und brauchte das Geld. Und er war der Pflegesohn Linneas und um die Verwandtschaft hatte man sich eben aufopfernd zu kümmern.
Doch die monatlichen Besuche der Männer bei der alten Witwe standen nicht nur im Zeichen der Geldeintreiberei. Die Drei nutzten den Ausflug, um mal aus der Großstadt Helsinki herauszukommen und auf dem Land so richtig zu feiern. Und feiern hieß bei der Bande, eine möglichst große Sauerei zu hinterlassen – in Linneas Sauna, auf ihrem Hof und in ihrem Haus. Wenn es sein musste, schreckten die skrupellosen Kerle vor Schlägereien und Diebstahl nicht zurück, kein Wunder, dass die alte Dame sich vor diesen monatlichen „Zahltagen“ fürchtete. Die letzte Begegnung wurde allen Beteiligten zum Verhängnis und Paasilinna entwickelte daraus eine herrlich chaotisch wirkende, aber gut strukturierte Geschichte. Der Witwe Ravaska war das Treiben der Rüpel zu viel, sie quälten ihre Katze und hatten ein Schwein gestohlen, das sie jetzt auf dem Spieß brieten. Linnea packte das Wichtigste zusammen und stahl sich aus dem Haus, um die Polizei zu alarmieren. Diese erwischten das Pack zwar nicht, doch blieben die Beamten nicht unbemerkt und das Trio schwor Rache an der Alten, denn solch eine Behandlung hatten sie schließlich nicht verdient.
Linnea flüchtet zu einem befreundeten Arzt nach Helsinki und dann beginnt ein verrücktes Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Witwe immer wieder um ihr Leben fürchten muss und es mysteriöse Todesfälle passieren. Immer wieder führt der Autor seine Leser in die Irre und lässt die Situation in eine Sackgasse führen, in der dann wie aus heiterem Himmel doch eine Tür auftaucht. Er spinnt eine sehr komische, absurde Geschichte und zeichnet sowohl ein wunderbar authentisches Bild einer alten Dame, die beherzt und mutig ihren Lebensabend meistert, wie auch drei junge Menschen, die am Rand der Gesellschaft in ihrer kleinen Welt leben und sich überhaupt nicht in das Hier und Jetzt einfügen möchten.
Arto Paasilinna ist ein wahrer Meister. Seine Geschichten sind lustig, abstrus, nie langweilig und von bestechender Logik. Eine geniale Lektüre.
Februar 2008: Nicole Rupp "Haben kommt von Sein"
Ich will MEHR Geld und mit dem Wunsch stehe ich sicherlich nicht allein da. Diese Sehnsucht kennt einfach jeder, egal wie groß der Geldbeutel gerade ist. Nun, wenn man mehr Geld will, kann man etwas dafür tun. Logischer Schritt, den viele gehen: sparen, sparen, sparen. Das ist keineswegs verwerflich und klingt zunächst schlüssig, denn wenn ich nicht viel ausgebe, habe ich mehr in der Tasche.
Autorin und Coach Nicole Rupp stellt diese Theorie in Frage, denn mit überzogenen Einsparungen schaffen wir uns nicht den gewünschten Mehrwert, sondern „fügen wir uns Verluste auf materieller und emotionaler Ebene zu“. In ihrem Buch „Haben kommt von Sein“ öffnet sie ihren Lesern einen Blick auf den Zusammenhang, der zwischen wert bewusster Lebensgestaltung und wirklichem Reichtum besteht.
Sicher habt ihr schon davon gehört, dass Geld „im Fluss“ sein muss. Das kann es nicht, wenn wir es wie Dagobert Duck im Geldspeicher horten. Ein anderer Aspekt ist die Frage danach, was wir wert sind. Was ist die Arbeit wert, die wir täglich leisten? Was sind die Dienstleistungen oder Produkte wert, die wir anbieten? Nicole Rupp geht in ihrem Buch an die Wurzeln des Menschsein. Was ist Geld für uns und welche Ängste beeinflussen unser Handeln in Bezug auf das Geldausgeben? „Alles was wir 'haben', was sich in unserer Gesellschaft und in unserem eigenen Leben offenbart, ist die Folge unseres Denkens, Fühlens und Handelns – unseres Seins.
Die Autorin kratzt dabei bei weitem nicht nur an der Oberfläche, sondern sie hält uns den Spiegel vor. Wir leben in einer Gesellschaft des kultivierten Billigwahns. Großmärkte und Discounter schießen wie Pilze aus dem Boden und werfen Samen auf fruchtbaren Boden. Billig, da steht´ste doch drauf und Geiz ist nun mal geil, weil das Fernsehen immer Recht hat! Genau! Echter Wert wird gegen billig eingetauscht, weil das Leben um uns herum immer teurer wird und wir glauben, uns durch die Hingabe zum Billigwahn retten zu können. Was eigentlich passiert, ist der stete Verfall von Preisen und Werten. Verlust von Arbeitsplätzen, geringerer Lohn für erbrachte Arbeitsleistung – wie steht es eigentlich um dein Selbstwertgefühl?
Wenn man wenig Geld hat, kann man nicht viel und teuer einkaufen. Stimmt. Aber warum hat man wenig Geld? Arbeit wird schlecht bezahlt, weil Unternehmen sparen wollen, damit Aktionäre und Vorstände sich ordentlich die Taschen füllen können. Ja? Der kleine Mann hat weniger Geld, um einzukaufen, da stellen wir ihm einfach einen Discounter hin, dann passt das wieder. Die Ware im Discounter wird aber billig hergestellt und um diese billig herstellen zu können, muss der Arbeiter billig sein. Selbst ein Blinder sieht, dass sich diese Spirale immer weiter nach unten schraubt. Viele Unternehmen produzieren mittlerweile im Ausland, weil der heimische Arbeiter es nicht mehr wert zu sein scheint, angemessen bezahlt zu werden. Die Folge: Kleinunternehmen und Einzelhandel kämpfen wie David gegen Goliath ums Überleben. Wertigkeit und immer wieder Wertigkeit. „Die Preis-Wert-Frage gilt für jeden von uns, sowohl für Sie als Angestellter wie auch als Selbständiger, als Unternehmer, als Verkäufer und auch als Käufer.“ Solange der Wert eines Produktes, einer Dienstleistung, einer erbrachten Arbeitsleistung nicht überzeugt, wird der Preis immer eine Rolle spielen. Und die Kunst ist es, vom Wert zu überzeugen – vor allem auch von seinem eigenen Wert. Und da landen wir schnell wieder beim Selbstwertgefühl.
Die Autorin stellt das eigene Wertbewusstsein beim Einkaufen zur Diskussion. „Wie wertvoll sind für Sie niedrige Preise?“ Die Frage ist, wie schätzen wir Produkte und Dienstleistungen, für die wir nicht viel bezahlt haben gegenüber denen ein, auf die wir vielleicht lange hin gespart haben. Und würden wir das gleiche Produkt kaufen, wenn es teurer angeboten werden würde. Kaufen wir Produkte nur, weil sie billig sind, aber eigentlich brauchen / schätzen wir sie gar nicht. Wie wertschätzt man sich selbst. Das ist letztendlich die entscheidende Frage.
Nun mag das Gegenargument fallen: „Greif mal ´nem nackten Mann in die Taschen!“ Nicole Rupp dazu: „Die Menge des Geldes in ihrem Leben und die Erfüllung, die es mit sich bringt, hat weniger mit Geld an sich zu tun als mit ihnen selbst. Am Geld zeigt sich, wer sie sind.“ Die Autorin geht tief in die Psychologie des Menschen hinein und zeigt jedem Leser, wo er gerade steht und wie sich Erfüllung und Mangel zueinander verhalten. Jedem Leser? Ja, jeder kann sich an Stellen im Buch wiedererkennen, die zu ihm passen. Eine gute Portion Selbstreflektion und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst muss man allerdings schon mitbringen.
„Haben kommt von Sein“ ist kein Lehrbuch darüber, wie man mit der „richtigen“ Finanzanlage zu mehr Geld kommt, sondern wie man seine Beziehung zum Geld kennen lernen kann, hinterfragt und gegebenenfalls korrigiert. „Geld spiegelt unsere Beziehung zu unseren Werten, zu unserem Leben und zu uns selbst. Unser Umgang mit Geld zeigt nicht nur, wer wir sind, sondern bestimmt auch das, was wir haben.“ Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich mich mal etwas genauer unter die Lupe genommen und reflektiert, welche Beziehung ich zum Geld habe. Sehr interessante Fragen kamen immer wieder hoch:
- Wie viel ist meine Arbeit wert, welchen Lohn / welches Honorar habe ich verdient und wie fordere ich dies ein?
- Welches Kaufverhalten habe ich? Falle ich auf Billigangebote rein und ärgere mich später über die mangelnde Qualität oder gönne ich mir auch mal was richtig Gutes?
- Bin ich eher großzügig oder geizig?
- Welche Rolle spielt Geld überhaupt in meinem Leben?
Es ist ein Buch, das einen zum Nachdenken bringt und die eigene Welt des Materialismus aufwirbelt. Was es bei mir auf jeden Fall bewirkt hat, ist, nicht mehr jeden Blödsinn zu kaufen, sondern öfter zu hinterfragen: „Brauche ich das überhaupt.“ Dann hat man nämlich auch wieder mehr Geld für die wirklich schönen Dinge im Leben.
Januar 2008: Bauer / Lewinski "Powerfrauen betrügt man nicht"
Einen exzellenten Start hat das Autorenduo Bauer/Lewinski mit dem Debütroman „Powerfrauen betrügt man nicht“ hingelegt. Es ist ein packender Wirtschaftskrimi, der einem den Schlaf und die Nerven raubt. Kapitel für Kapitel geht es hinein in einen Sumpf voller Liebe, Leidenschaft, Betrug und Mord. Spannung pur – und das bis zum Schluss. Man kann nie wirklich erraten, welche Wendung die Geschichte gerade nehmen wird und ist dem Kalkül der beiden Autorinnen hilflos ausgeliefert. Meisterlich!
Die fesselnde Geschichte, die in Köln und beinah der ganzen Welt spielt, ist von Anfang an gut durchdacht und schlüssig; ja, sie wirkt manches Mal so authentisch, als wäre sie wirklich passiert. Charlotte, eine attraktive Studentin aus gutem Hause, lebt zusammen mit ihrer besten Freundin Kelly in einer WG in Köln. Die Wohnung teilen sie sich noch mit Barbara, einer jungen Frau, die so gar nicht ins Bild passen will. Alle drei genießen das Studentenleben in vollen Zügen. Kelly angelt sich ihren Traummann Damian, mit dem es anscheinend etwas Ernstes wird. Hochzeit, Kinder, trautes Heim – könnte man meinen. Barbara sucht alles andere als eine feste Beziehung. Sie hat einen gehörigen Männerverschleiß und nachdem sie mit jedem Spieler einer Kölner Fußballmannschaft durch ihr Bett getobt ist, sucht sie sich neue Opfer. Charlotte dagegen vergräbt sich derweil im Studium, doch erliegt sie alsbald dem Charme von Frederik, einem unmöglichen Kerl, der ihr Herz dann doch im Sturm erobert. Was für eine schöne Romanze. Wenn es so wäre, dann hätte der Roman schon nach den ersten Kapiteln ein jähes Ende gefunden. Zum Glück nicht! Denn die Männer führen Übles im Schilde und spielen mit den total ahnungslosen Mädels ein falsches Spiel. Ohne Verdacht zu schöpfen, werden die jungen Frauen in einen gefährlichen Komplott hineingezogen. Es geht um Macht und Geld. Viel Geld. Und im Rausch der skrupellosen Intrigen und hinterlistigen Machenschaften schreckt man bald auch vor Mord nicht mehr zurück.
Ganz langsam und genüsslich öffnen die Autorinnen ihren Lesern die Augen und zeigen die wahre Welt, in der Damian und Frederik leben. Eine Welt, die für Otto-Normal unvorstellbar erscheint. Immer wieder erlebt man neue Überraschungen, tauchen neue Figuren auf, die das Netz der Intrigen noch undurchdringlicher und undurchschaubarer machen. Die beiden Heldinnen tappen sehr lange im Dunkeln, was einen richtig nervös macht, weil man mit wachen Augen zusieht, wie Charlotte und Kelly von einer Falle in die nächste stolpern. Dazu kommt, dass man sich oft nicht sicher ist, wer nun wirklich zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, weil einige Figuren sich während der Geschichte so heftig entwickeln oder ihnen irgendwann die Maske herunter gerissen und gezeigt wird, wen man tatsächlich vor sich hat.
„Powerfrauen betrügt man nicht“ ist ein Krimi, der einen verrückt macht, ein Buch, in dem man kleben bleibt, bis die letzte Tat vollbracht ist. Und dazu kommt ganz viel Mut und Glück, das die beiden Protagonistinnen begleitet, denn die Aufgaben, die Charlotte und Kelly zu bewältigen haben, scheinen oft unlösbar. Und genau das bringt die Geschichte immer wieder so richtig in Fahrt, meist dann, wenn man sich sowieso schon am Buchrücken festgekrallt hat, weil man es vor Spannung nicht mehr aushält. Es wird einem ganz unbedarft vor Augen geführt, dass man immer viele Möglichkeiten im Leben hat, flüchten, den Kopf in den Sand stecken oder einfach mal was riskieren, allen Mut zusammen nehmen und einfach darauf vertrauen, dass es klappt. Und so entwickelten die beiden Heldinnen im Laufe der Geschichte ein unglaublich detektivisches Gespür, um an die Lösung des größten Falles ihres Lebens heranzugehen.
Dem Duo Bauer/Lewinski ist ein spannender Erstling gelungen und bemerkenswert finde ich zudem, dass sich der Roman so flüssig ließt, als hätte ihn eine Person geschrieben. Da haben sich zwei Schreibstile gefunden, die hervorragend miteinander harmonieren und dem Leser ein Gefühl von Einheit geben.
Oktober 2007: Anke Behrend "Fake Off!"
Ein Leben zu zweit, das wär´s. Endlich den Traummann finden und nicht mehr allein zu Hause herum hocken. Ja, worauf noch warten? Alex ist Anfang vierzig, hat einen super Job, aber keinen Mann an ihrer Seite. Kein Problem, es gibt ja das Internet. Denkt sie. Doch wie kann man im Wirrwarr des World Wide Web seinen Mr. Right finden und bei dem Überangebot an „tollen Kerlen“ die Spreu vom Weizen trennen? Das hört sich nach jeder Menge Stoff für eine lustige Story an; und das ist es auch. In ihrem Debüt-Roman „Fake Off!“ geht Autorin Anke Behrend dem Phänomen Online-Singlebörse auf den Grund und präsentiert einen Angriff auf´s Zwerchfell.
Es ist ein Buch, das man in einem Rutsch durchlesen kann. Das Thema Onlinedating ist sicher nicht neu, doch es ist und bleibt immer aktuell. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich zum Einen meine eigenen Erfahrungen vor Augen (ja, ich bekenne mich, dass ich es ausprobiert habe). Zum anderen denke ich immer an diverse Comic-Zeichnungen, in denen der Mensch vor dem PC überhaupt nicht mit der Beschreibung im Dating-Netzwerk übereinstimmt. Warum auch. Ohne Webcam sieht einen doch keiner und ohne gute Verkaufsstrategie kein Erfolg. Das ist leider die nackte Realität; ob die kleinen oder großen Lügen die Menschen via Internet wirklich dauerhaft zusammen bringen, ist eher fraglich. Doch jedem sein Weg.
Die Geschichte ist einfach: Frau sucht Mann, Frau lernt Mann kennen, das erste Rendezvous und hoppla, aus dem virtuell so tollen Kerl wird im realen Leben ein kleines Männeken. Was für ein Schlag, doch gibt es erst einmal kein Zurück mehr, denn die Protagonistin Alex hatte sich Wochen vor dem ersten Date so richtig schön in die Geschichte hinein gesteigert. Der Mann hinter dem viel sagenden Nickname „Listen2Me“ verwandelte sich in ihrem Kopfkino zu d e m Mann schlechthin. Der oder keiner, war Alex´ Devise und da konnte sie doch jetzt keinen Rückzieher machen. Und so schlimm ist es doch nicht, wenn man über seine Macken und sein überhaupt nicht attraktives Äußeres hinweg sieht.
Doch irgendwann wacht Alex dann doch auf und löst sich aus dieser merkwürdigen Beziehung. Leider nicht ohne Folgen, denn Männer können ja manchmal so gekränkt sein. Der Nächste steht schon in den Startlöchern. Ob dieser Prinz ein Prinz bleibt oder auch binnen kurzer Zeit zum Frosch mutiert?
Mit leichter, flüssiger Sprache führt Anke Behrend ihre Leser in diese Thematik hinein und zeichnet ein unverblümtes Bild der Realität. Da und dort übertreibt sie auch mal ein bisschen und hebt damit die Absurdität des Verhaltens mancher Onlinedating-Junkies auf herrlichste Art und Weise hervor. Behrend hält uns einen Spiegel vor, sie bringt zum Lachen. Sicher will sie nicht abschrecken und ihre Leser vom Internetflirt abhalten – im Gegenteil: jeder darf hier seine eigenen Erfahrungen machen und über die der Romanheldin herzhaft kichern.
Und nein, in Anke Behrend´s Roman geht es nicht einfach nur um die kleinen „Betrügereien“ im Online-Dating-Spiel, da passiert noch ein bisschen mehr. So wird es im zweiten Teil des Romans kriminalistisch und Behrend würzt ihre Geschichte mit jede Menge Nervenkitzel. Ob am Ende alles gut ausgeht und Alex ihren Traumprinzen finden wird, soll hier noch nicht verraten werden. Viel Spaß beim Lesen.
August 2007: J. K. Rowling "Harry Potter and the Deathly Hallows"
Herzlichen Dank an Joanne K. Rowling für diese Welt, diese Geschichte, diese Figuren. Der letzte Harry-Potter-Band ist endlich erschienen – das Ende einer über Jahre währenden Erfolgsstory. Was für ein fulminanter Abschluss eines unvergleichlichen Fantasie-Romans!
Als ich Sonntag aus dem Urlaub nach Hause kam, lag das Päckchen auf meinem Briefkasten. Jippieh! In meiner Wohnung angekommen ließ ich nur den Seesack von meiner Schulter fallen und setzte mich gleich mit meinem Paket aufs Sofa. War ich aufgeregt! Ehrlich! Und glücklich, dass es endlich soweit war. Endlich lesen, wie die Geschichte um Harry ausgeht. Ich packte das Buch aus und ließ die Blätter durch meine Finger flattern, atmete den Duft des neuen Schmökers ein.
Angefangen zu lesen habe ich dann doch erst etwas später am Abend, genauer gesagt, kurz vorm Einschlafen. Wow! Im Rückblick auf alle anderen Bände muss ich sagen, die Frau legt im letzten Teil ein Tempo vor, dass mir fast den Atem nahm. Keine sanfte Rückblende mehr, kein langsames Vorbereiten neuer Abenteuer. Nahtlos geht es weiter und das in einer Intensität, dass einem ein bisschen das Herz klopft beim Lesen. Keine Angst, ich verrate nichts, keine bisschen. Schließlich will ich all denen, die auf die deutsche Ausgabe bis Oktober warten müssen, nicht den Spaß verderben.
Deshalb ein paar Worte zur Sprache der Autorin J. K. Rowling: Sie trifft genau den Nerv der heutigen Zeit und erreicht mit ihrer Romanreihe Menschen jeglichen Alters. Und warum? Nun, wahrscheinlich, weil ihre Protagonisten Harry, Ron und Hermione so authentisch sind. Da werden keine gekünstelten Helden geschaffen, sondern Menschen wie du und ich. Erinnern wir uns. Harry wuchs in einer Familie auf, in der er mehr geduldet als geliebt wird. Das ist kein Märchen-Schnickschnack, sondern sicher für manche pure Realität. Während sich womöglich das eine oder andere ungeliebte Kind auf dieser Welt wünscht, davon fliegen zu können, erhält Harry eine Möglichkeit, aus diesem Leben zu fliehen. Die Zauberwelt. Mit sehr viel Liebe zum Detail schuf Rowling hier eine Welt, in die Kinder wie Erwachsen gern eintauchen möchte. Zaubern, auf Besen fliegen, unsichtbar werden, wer hat noch nicht davon geträumt.
Rowling bastelt hier allerdings keine heile Welt, in der alles klappt, der Held immer gewinnt und unfehlbar ist. Nein, sie setzt ihren Lesern erst gar keine rosa Brille auf und zeichnet Figuren, die sich genauso mit den uns allen mehr oder weniger bekannten Problemchen herumschlagen müssen wie wir. Besonders gelungen finde ich hier immer wieder, wie sie alles Zwischenmenschliche auf so wunderbare Weise spiegelt. Freundschaft. Bedingungslose Liebe. Das ist es, worum sich im Leben alles dreht. Gefühle, Gedanken, Taten – Rowling liefert nicht DAS Rezept für gute Freundschaften, sondern zeigt uns nur Möglichkeiten, die durch unsere eigenen Schwächen und Stärken entstehen können.
Angepasst an Harry´s Alter – und wohl auch das der meisten Leser – baut die Autorin eine große, runde Geschichte auf. Der Leser wird mit ihm älter - und das sogar wirklich, da die Zeit zwischen den einzelnen Bänden bekanntlicherweise sehr sehr lang war. Rowling kreiert zwei Welten, in denen Harry hin- und herswitcht – Muggles und Zauberer, No. 4 Privet Drive und Hogwarts. Zusammen mit seinen Fans wird Harry erwachsen und muss genauso wie sie eine Menge lernen. Der Sprachstil wird von Buch zu Buch auch immer erwachsener und die Geschichte verdichtet sich immer mehr. Sehr geschickt führt Rowling ihre Leser immer wieder in Fallen. War man sich so sicher zu wissen, was passiert, die Autorin hatte immer einen Trumpf im Ärmel, den sie zu gegebener Zeit gekonnt ausspielte. Und da es sich hier nicht um eine Gute-Nacht-Geschichte in heiler Welt handelt, konfrontiert Rowling ihre Leser auch immer wieder mit dem Thema Tod. Harry´s Eltern, Sirius, Dumbledore.
So auch in der letzten Ausgabe. Ja, es sterben einige der Charaktere, die wir in den letzten Bänden kennen- und lieben oder hassen gelernt haben. Freundschaften werden auf die Probe gestellt, emotionale Stärken und Schwächen ausgekostet. Das Thema Vertrauen wird noch einmal sehr stark beleuchtet. Mit detektivischer Logik und Kombinationsgabe kreiert die Autorin in ihrem Abschlussband eine herrlich spannende Fahrt durch die Zauber- und Gefühlswelt, sammelt alle Fäden, die sie in den letzten Bänden gesponnen hat, sorgfältig auf und knüpft sie zu einem großen, stimmigen Ende um die beiden Kontrahenten Harry und Voldemort zusammen.
Ein Meisterstück! Nachdem ich durch war, heute Nacht um 3 Uhr, war ich völlig fertig. Heute morgen dann fühlte ich mich, als hätte ich einen guten Freund verloren. Der Roman ist definitiv zu Ende, kein Warten mehr auf „wie geht es jetzt weiter“ – Fortsetzung Fehlanzeige. Zuletzt habe ich mich so intensiv gefühlt, als ich den „Herr der Ringe“ ausgelesen hatte. Eine ähnliche Situation – alles aufgelöst. Doch an alle, die die deutsche Version lesen möchten: Das Warten lohnt sich und Finger weg von Spoilern (Meldungen, in denen alles ausgeplaudert wird), denn es lohnt sich, das Buch zu lesen, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen wird!
Juli 2007: Eleni Dafnidi "Barbies Vernichtung"
Als ich die ersten Seiten gelesen hatte, schwankte ich zwischen Heißhunger, Appetit und plötzlichem Anfall von Magersucht. Zum einen klang es wirklich sehr lecker, was die Heldin in Eleni Dafnidis „Barbies Vernichtung“ so alles in sich rein stopfte. Doch die Masse dessen, was Thenia in kürzester Zeit futterte, hatte auf mich die gleiche Wirkung wie die Reportagen über amerikanische Fettleibige: nie wieder essen. Dabei ist die Anfang Zwanzigjährige kein bewegungsunfähiger Fleischberg, eher ein Wal – so sieht sie sich selbst.
Dafnidi zeichnet in ihrem Erstling ein sehr authentisches Bild einer jungen Frau, die mit dem großen Löffel aufgezogen wurde. Will heißen, ihre Eltern liebten sie, indem sie das Mädchen fütterten. „Iss. Das wird sich alles verwachsen. Das ganze Fett wird Länge.“ So die Ausrede der Erzeuger. Jetzt als Jurastudentin kann Thenia völlig wissenschaftlich feststellen, dass dies eine Lüge war. Ab 160 cm hörte sie auf in die Länge zu wachsen und ging statt dessen in die Breite. Sie kämpft sich mit Schokocroissants, Fleischbällchen und jede Menge Käsestrudel durchs Leben.
Weil sie den richtigen Spicker in der Kaugummipackung nicht finden kann, fliegt ihr Betrugsversuch auf und sie aus der Prüfung. Trost findet Thenia in er Mensa – klar, bei einem frischen Käsestrudel. Und dann passiert es. Sie sieht IHN, Ari, ein Adonis von einem Mann. Thenia hebt ab und verzweifelt zugleich. Wie soll so ein toller Kerl sie, einen Wal, schön finden. Doch einige Leckerbissen später ist sie davon überzeugt, dass auch dicke Mädchen die große Liebe finden können. Die junge Frau setzt nun alles daran, ihren vermeintlichen Mr. Right zu kriegen. Und sie lernt ihn tatsächlich kennen, nach vielen Peinlichkeiten, chaotischen Situationen und über dessen Freund Janni, der sich zunächst unsterblich in Thenia verliebt. Doch Thenias beste Freundin Rea hat schon ein Auge auf diesen Kerl geworfen. Verzwickt.
Eine rasante Geschichte, wie eben das Studentenleben Anfang Zwanzig so ist. Verwirrung der Gefühle, Verwicklungen, Verstrickungen, Durcheinander, Missverständnisse, Offenbarungen – ein Karussell, das sich immer schneller dreht. Und diesem ganz normalen Wahnsinn setzt Dafnidi noch eins drauf. Sie packt eine lustige Entführungsstory dazu. Anfangs dachte ich, wieso muss man das Terrorismusthema verwursten, doch diese Busentführung entwickelte sich im Laufe des Buches zu einem wirklich köstlichen Ereignis. Das nenne ich den Leser gekonnt auf die falsche Fährte geführt!
Und was hat das ganze nun mit Barbie zu tun?? Nun, jetzt mal scharf nachgedacht. Die Heldin ist übergewichtig und fühlt sich in ihrem Körper nicht wohl, schafft es aber auch nicht, von ihren kulinarischen Gelüsten zu lassen. Und Barbie? Richtig, die Verherrlichung der Schlankheit schlechthin, die Ausrichtung der Frau auf Standardmaß und ein Faustschlag ins Gesicht jeder, die ein paar Pfunde zu viel auf die Waage bringt. Klar, dass diese Spezies vernichtet werden muss und Thenia liefert gleich die korrekte Anleitung dazu:
1. eine Barbie kaufen, am besten das Modell, das am meisten auf die Nerven geht
2. von einer nähbegabten Tante die schärfste Schere leihen
3. aus dem Badezimmerschrank von Papa eine neue Rasierklinge klauen
4. Ausführung der Tat – was man mit Schere und Rasierklinge machen muss, will ich hier lieber nicht genauer beschreiben...
Das ganze Buch ist köstlich, und das nicht nur wegen der vielen Leckereien, die die Protagonistin verputzt. Ein witziger für den Sommerurlaub - zum schlapp lachen. Ehrlich! Das Liebesgebahren der Gattung Mensch ist manchmal zum Haare ausraufen komisch, besonders dann, wenn die Schmetterlinge im Bauch die Regie übernommen haben. Und, gibt es ein Happy End? Wird Thenia ihren Ari kriegen und das erste Mal Sex haben oder sich mit Schokoladentörtchen trösten? Wie sagt man immer so schön: Lesen hilft!
Mai 2007: Willy Russell "Der Fliegenfänger"
Eigentlich wollte ich diesen Monat ein anderes Buch vorstellen. Und ich weiß, dass das hier sicher keinen interessiert. Egal. Doch dieses Buch habe ich soeben zu Ende gelesen und bin so ergriffen von diesem Roman. Ich muss darüber schreiben - jetzt. Willy Russell „Der Fliegenfänger“. Noch nie habe ich einen so guten Roman gelesen. Ich war mittendrin. Die ganze Zeit war ich mit Raymond zusammen unterwegs, in seiner Vergangenheit und Gegenwart. Wahnsinn!
Es sind eigentlich nur Briefe, lange Briefe, Briefe an Morrissey zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Doch eigentlich sind es nicht einfach nur Briefe. Das Ganze ist eine Geschichte, die unter die Haut geht, die einem aus der Haut fahren lässt, die Tränen und Lächeln gleichermaßen hervorruft. Eine unglaublich Geschichte, die sich so wahr anfühlt, dass man hinaus schreien möchte: Warum, warum nur hat denn niemand zugehört? Wieso hat diesem Jungen niemand ins Herz gesehen? Sind wir Menschen manchmal so oberflächlich, so fest in unseren Strukturen verwachsen, dass wir nicht merken, wenn wir ein Lebewesen falsch beurteilen? Verurteilen?
Raymond Marks ist elf, als sein Leben aus den Fugen gerät. Er erfindet das Fliegenfangen, das ich hier nicht wirklich näher beschreiben will. Doch Jungs in dem Alter sind einfach so und es ist völlig natürlich, völlig normal. Doch wenn Erwachsene aus harmlosen Situationen ein menschenverachtendes Drama machen, dann kann die kleine heile Welt eines Elfjährigen gefährlich ins Schwanken geraten. Ray fliegt von der Schule und jeder hält ihn für einen Idioten, der sich selbst umbringen will. Ein Verrückter, dem man sofort zutraut, dass er sich an kleinen Mädchen vergreift. Ein Subjekt, das weggeschlossen gehört. Verachtet. Gehasst. Ausradiert.
Jahre später, als 19-Jähriger, schreibt Raymond seine Geschichte nieder. Er, der größte Morrissey-Fan aller Zeiten, ist auf dem Weg nach Grimsby, weil er dort auf dem Bau arbeiten und erwachsen werden soll. Er schreibt in sein Songbook. Briefe. Briefe an sein Idol Morrissey. Ihm erklärt er ehrlich alles, was damals passiert ist, als man ihn von der Schule schmiss und keiner seiner Freunde mehr mit ihm spielen durfte. Ihm verriet er auch, was damals am Kanal wirklich passierte, als man die kleine Paulette Patterson mit zerrissenem Kleidchen und blutigen Armen in einem verlassenen Schuppen gefunden hatte.
„Der Fliegenfänger“ ist Russells erster Roman und ein fantastisches Debüt. Seine Sprache ist so authentisch, dass man beim Lesen manchmal das Gefühl hat, man hätte die schlimmen Dinge alle selbst erlebt. Wir Erwachsenen haben schnell vergessen, wie verloren wir uns manchmal als Kind im Dschungel der Welt vorkamen. Wie gefährlich harmlose Dinge auf uns wirkten, wie Fantasien mit uns durchgingen. Die „Großen“ hielten Raymond für verrückt und ich fühlte so sehr mit dem Jungen, dass ich gern ins Buch geschrien hätte: „Lasst ihn in Ruhe!“
Der dicke Schmöker ist nicht einfach „nur so ein“ Roman. Auf dem Buchdeckel steht, es ist eine „ganz persönliche Unabhängigkeitserklärung“ - ja, dass trifft es sehr gut. Und ein Abschluss mit der Vergangenheit, ein Loslassen. Und warum Morrissey? Weil Raymond nicht nur sein größter Fan ist, sondern er sich mit diesem fantastischen Musiker so sehr identifizieren kann. Er fühlt, dass dieser ihn verstehen würde. Versteht, warum all dies passiert ist.
Das über 500-seitige Buch ist ein packender Roman. Mich hat er gefesselt. Und ich bewundere Russells unglaublichen Stil, der seine Geschichte zu einem wahren Meisterwerk gemacht hat. Vielleicht ist sie ja wirklich so passiert. Wer weiß.
März 2007: Banana Yoshimoto "Kitchen"
Tod, Abschied, Einsamkeit – Banana Yoshimotos „Kitchen“ dreht sich genau um diese Themen und ist dennoch kein Roman, der deprimiert oder pausenlos auf die Tränendrüsen drückt. Die Autorin spricht die Herzen ihrer Leser an und vermittelt auf unschuldig leichtfüßige Weise, dass es immer weiter geht im Leben. Schließt sich eine Tür, so öffnet sich eine neue. Verloren sein und Wiederfinden, Unsicherheit und Liebe, Gefühlsachterbahnen, die jeder kennt und mit denen sich jeder identifizieren kann. Und genau diese Identifikation mit den so authentisch wirkenden Geschichten schafft die Autorin mit ihrem unverkennbaren Stil.
Mikage entwickelt eine schon fast absurde Affinität für Küchen. Die Küche ist ihr der liebste Platz überhaupt, dort fühlt sie sich sicher und geborgen, egal, wie groß oder klein, sauber oder schmuddelig dieser Raum auch sein mag. Bevor ihr Leben aus den Fugen geriet, schlief sie sogar auf dem Boden zusammengerollt in der Küche der Wohnung, die sie sich mit ihrer Großmutter teilte. Mikage ist ein Mädchen, dass früh schon fast ihre ganze Familie verlor. Nur ihre Großmutter ist ihr geblieben. Als auch die stirbt, bricht Mikages kleine Welt zusammen. Ihre Familie wurde immer kleiner, bis nur noch sie übrig geblieben war. An was sollte sie jetzt noch glauben, der Boden unter ihren Füßen war weg.
Tod. Die Frage nach dem Warum. Warum hat es sie nicht getroffen? Welche Gedanken quälen einen Menschen, der so jung seine gesamte Familie verliert. Yoshimoto führt uns hier in die verworrene Welt einer jungen Frau, die versucht, die Leere aus ihrem Leben hinaus zu katapultieren. Es geht immer weiter – sie wird von den Tanabes aufgefangen. Yuichi Tanabe kannte Mikages Großmutter. Wenig später zieht das Mädchen bei ihm und seiner Mutter, die gleichzeitig sein Vater ist, ein. Das Leben erhält für sie wieder einen Sinn und sie gewinnt an Stärke. Die braucht sie auch – für ihren Kampf gegen die eigene Unsicherheit und den Sieg der Liebe. Sehr einfühlsam beschreibt Yoshimoto die Unsicherheiten zweier Menschen, die ineinander verliebt sind, aber sich nicht trauen, diese Gefühle zuzulassen und gegenseitig einzugestehen. Jeder, der so etwas schon einmal erlebt hat, fühlt sich hier aus dem Herzen gesprochen.
Loslassen. Damit könnte man die letzte der drei Geschichten im Buch beschreiben. Satsuki verliert bei einem Autounfall ihren Freund. Ein harter Schlag, der das Mädchen vollkommen aus der Bahn wirft. Doch Satsuki erhält die große Chance, das Erlebte endgültig zu verarbeiten und ihren Frieden zu finden. Sie lernt eine geheimnisvolle Frau kennen, die ihr ein erstaunliches Erlebnis verschafft, das Satsuki hilft, los zulassen.
Der Tod ist ein schwieriges Thema. Wer möchte sich schon freiwillig damit auseinander setzen. Banana Yoshimoto wagt sich in ihrem Erstling in diese Gefühlswelt und schafft es durch ihre authentische Sprache, einen Blick in die Seele ihrer Protagonisten zu geben. Doch sie malt nicht nur einen Gefühlsausschnitt von Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben, sondern vermittelt eine Botschaft: „Überwinden und Wachsen, (...) Dinge, die den geistigen Weg eines Menschen prägen, mit all seinen Hoffnungen und Möglichkeiten“.
Januar 2007: Frauen in Indien - Erzählungen
Frauen sind das wahre starke Geschlecht, denn Frau zu sein, ist ein täglicher Kampf. Wir Frauen kämpfen darum, dass der Feminismus nicht verkümmert. Wir kämpfen um unsere eigene Einsicht, dass eine Hausfrau genauso erfüllt leben kann wie eine Karrierefrau. Wir sind immer auf der Suche nach unserer Rolle in der Gesellschaft, zwischen Gefühlen und Verstand, zwischen Kontrolle und Macht, zwischen Liebe und Schmerz. Unter Männern, mit Männern, neben Männern – und Frauen.
Wie Frauen in Indien diesen Kampf führen, spiegelt die sehr eindrucksvolle Sammlung von Erzählungen „Frauen in Indien“, herausgegeben von Urvashi Butalia, wieder. Bekannte und weniger bekannte indische Autorinnen öffnen Türen, durch die wir einen Blick in die indische Kultur erhaschen können. In den Geschichten geht es um die Rolle der Frau in einer sich ständig verändernden modernen indischen Gesellschaft. Es geht um Politik, Religion, Nationalität – Ehe, Küche, Tradition und neue Wege. Es geht um Frauen und deren Ideale, Träume, Wünsche und Erlebnisse.
Schockierend und sehr bewegend beginnt die Erzählreihe mit Anjana Appachanas „Beschwörung“. Es ist die Geschichte zweier Schwestern. Die ältere durchlebt eine Welle der Gewalt. Am Vorabend ihrer Hochzeit wird sie vom Bruder ihres Ehegatten vergewaltigt. Nachdem der Schwager bei dem jungen Paar einzieht, vergeht er sich immer wieder und wieder an der jungen Frau. Diese sieht in ihrer Hilflosigkeit nur einen Ausweg: ihrer jüngeren Schwester davon zu erzählen und sie zum Schweigen zu verdammen und letztendlich ihren Peiniger und sich selbst zu töten. Das Schweigen deckt seinen schweren Mantel über alles und als die Wahrheit irgendwann doch endlich ans Licht kommt, ist alles zu spät.
In „Durst“ von Vandana Singh geht es um eine Frau, die eine wunderbare Verwandlung erfährt. Susheela lebt neben ihrem Mann in einer für sie unerfüllten Beziehung. Sie fühlt sich hoffnungslos, ungeliebt, unbeachtet. An Naag Panchami, dem Schlangenfest, findet die sie zu ihrem wahren ICH – im tosenden Regen läuft sie in den Park und lässt sich in den See gleiten, um sich wenig später im Körper einer Schlange wiederzufinden. Ihr passiert in diesem Moment die gleiche Verwandlung, wie sie ihrer Mutter und Großmutter lange vor ihr wiederfahren ist und sie beginnt den Sinn ihres Lebens zu verstehen.
Zwischen zwei Männern gefangen ist eine Frau in der Geschichte „Martand“ von Mayantara Sahgal. Beiden gehörte sie mit Körper und Seele, sie liebte beide, glaubte an beide – eine zermürbende Dreiecksbeziehung, in der das Schicksal den Weg bestimmt.
Das Buch ist eine wirklich gelungene Sammlung von Geschichten indischer Erzählerinnen, die einen unverblümten Einblick in die Welten indischer Frauen geben. Ob das Schicksal einer verwitweten Frau, die sich den für sie vorgeschriebenen Hindu-Riten nicht fügen will, den Schrecken, den eine Frau in einer arangierten Ehe erlebt oder die Leere und Sehnsucht, die eine Frau in einer modernen Ehe fühlt. Die Augenblicke aus dem Leben so unterschiedlicher Frauen sind so authentisch geschrieben, dass man sich als Leser mit den Protagonistinnen identifizieren kann, mit ihnen mitfühlt.
Mich selbst hat dieses Buch sehr bewegt und beeindruckt. Schockierend und verletzend empfand ich die Erzählungen, die von Gewalt und Missbrauch handelten. Doch der Mut der Inderinnen, um ihre eigenen Rechte zu kämpfen, hat mich beflügelt. Oft sind es die kleinen Dinge, die einen ganz weit nach vorn bringen können. Der Glaube an sich selbst und der Respekt seinem eigenen ICH gegenüber kann sehr viel bewirken. Doch dafür muss man sich selbst erst einmal gefunden haben.
Dezember 2006: Nicole Henser "Das Beziehungsexperiment"
Knapp über 200 Seiten Kurzweiligkeit, verpackt in ein Beziehungsdrama, welches sich als fünfstelliges Lebensepos entfacht. „Das Beziehungs-Experiment – Eine Wohngemeinschaft der etwas anderen Art“ von Nicole Henser ist für jeden, der WG-verliebt ist oder war oder der einfach Lust hat, einmal aus seinen eigenen vier Wänden auszubrechen. Völlig unerwartete Wendungen, absolut unberechenbar – fesselnd. Raffiniert zieht die Autorin ihre Leser in die Welt der WG-ler hinein. Drei Männer, zwei Frauen und ein neurotischer Kater – mitten in Berlin. Charaktere und Kulturen prallen da aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein können.
Eine Geschichte, wie aus dem Leben gegriffen, authentisch und echt – das steckt hier zwischen den Buchdeckeln. Nicole Henser zeichnet Persönlichkeiten, die man schnell lieb gewinnen kann. Menschen, mit denen man mitfühlt, Figuren, die uns einen Spiegel vorhalten.
Bea, eine biedere deutsche Krankenschwester, verliebt sich Hals über Kopf in den Koma-Patienten Alex. Wie durch ein Wunder hatte dieser einen schweren Unfall überlebt. Aufopfernd kümmerte sich die junge Frau um den Patienten. Als ihr Märchenprinz aus dem Koma erwacht, ist sogleich sein Jagdtrieb geweckt. Ein graues Mäuschen hatte bisher nicht auf seinem „Speiseplan“ gestanden, also warum nicht.
Ganz andere Sorgen plagen Brian. Der australische 5-Sterne-Koch lässt in Sachen Liebe nichts anbrennen. Mal die eine, mal die andere, ohne große Gefühle, ohne Versprechungen. Doch dann trifft er auf Doro, die Mutter einer seiner Gespielinnen, und verbrennt sich an ihr gehörig die Finger.
John und Mona – ein Traumpaar? Zwischen diesen beiden WG-Mitgliedern fliegen auf jeden Fall ordentlich die Fetzen. Während der Amerikaner die junge Schwedin anhimmelt und am liebsten auf Händen tragen würde, erntet er dafür von ihr nur verbale Tiefschläge. Was aber nicht heißen mag, dass Mona ihn nicht doch irgendwie mag, sie ist einfach nur süchtig nach Unabhängigkeit. Verzwickt, köstlich, spannend.
Monas Bruder Tommy ist leidenschaftlicher Musiker und durchlebt zwar gerade eine Sinnkrise, doch findet er in dem charmanten Barkeeper Leon die große Liebe seines Lebens, was ihn beflügelt.
„Das Beziehungs-Experiment“ - der Erstling der Autorin - ist ein sehr unterhaltsamer Roman, leicht und flüssig geschrieben. Es ist ein Genuss, ihn zu lesen. Nicole Henser präsentiert hier interessante Charakterstudien mit Tiefgang.
Jeder der Bewohner dieser multikulturellen WG sucht nach Liebe, nach jemanden, auf den sie / er sich verlassen kann. Und alle verstricken sich dabei mehr oder weniger in die Irrungen und Wirrungen dieses mächtigen Gefühls, wie im realen Leben. Doch nicht nur Liebesbeziehungen stehen im Focus der Autorin, auch die ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Zu- und Abneigungen werden beleuchtet, verschiedene Psychen offengelegt. Wenn man es zulässt, lernt man in diesem Buch viel über sich selbst.
November 2006: Rena Larf "Das Liebesleben einer Macho-Frau"
Köstlich, einfach köstlich. Genau der richtige Schmöker für die nasse, kalte und graue Jahreszeit, zu der man sich lieber im gemütlich warmen Bett aneinander kuschelt. Und warum sich dabei nicht gegenseitig etwas Aufregendes vorlesen? Der brandaktuellste Roman von Rena Larf könnte dafür genau das Richtige sein. „Das Liebensleben einer Macho-Frau“ ist herzerfrischen lustig und prickelnd erotisch – ein knisternde Lektüre für Frauen und Männer.
Eine Berliner Schnauze in Hamburg, frech, vulgär und immer einen coolen Spruch auf den Lippen - das ist Scarlett. Die 37-Jährige ist eine etwas chaotische Frau, die jeden Tag auf ungewöhnliche Weise den ganz normalen Wahnsinn lebt (was schon mit dem ersten Blick in ihren Spiegel beginnt – eine Irre!!). Trotz ihrer schnodderigen Art hat sie eine sentimenale Seele, die sie so liebenswert und authentisch macht.
Die Protagonistin hat „Schlag bei den Männern“ und ist kein Kind von Traurigkeit. Sie wartet nicht brav im Kämmerlein auf den EINEN, sondern stürzt sich ins Leben und nimmt sich, was sie will: Sex. Warum soll sie sich auch von einer „biologischen Uhr“ das Leben schwer machen lassen? Und wenn der Prinz auf dem Ross zur Zeit auf sich warten lässt – na und.
Die Autorin nimmt uns mit auf einen wilden Streifzug durch Scarletts Männerwelt und zeichnet das Bild einer selbstbewussten, taffen Frau, die Moralapostel in die Ecke stellt und sich vom „starken Geschlecht“ noch lange nicht einschüchtern lässt. Egal ob der eine oder andere Praktikant, ein Personalabteilungsleiter oder ein Flirt aus dem Internet, die vermeintlich große Liebe oder der Zeitvertreib, Scarlett ist ein weiblicher Casanova und genießt ihr Leben in vollen Zügen.
„Das Liebesleben einer Macho-Frau“ ist dabei aber keine lieblose Aneinanderreihung von wilden Sexszenen, sondern ein reizvoller Einblick in das Sexualleben einer modernen Frau. Mal bissig, mal urkomisch, immer mit einem Augenzwinkern und oft herrlich in die Klischeekiste gegriffen – eine Geschichte, gespickt mit wohldosierten erotischen Eskapaden, Pannen und jede Menge Gefühl steckt zwischen diesen beiden Buchdeckeln.
Es macht richtig Spaß, dieses modern-freche Frauengeschichte zu lesen. Ein richtiger „Bettseller“ eben. Und ob Scarlett am Ende doch den Einen für immer findet oder weiter im großen Männerteich fischt, wer weiß.
Oktober 2006: Daniela Ehrlemann "Nachhauseweg"
Liebe ist wunderschön und Liebe tut weh. Nichts legt einem so viele Fallstricke in den Weg, wie die Suche nach dem oder der Einen. Oft ist es ein langer Weg, der ans ersehnte Ziel führt, oft führt er auch ins Nirgendwo.
Daniela Erlemann´s Roman „Nachhauseweg“ handelt von den Irrungen und Wirrungen der Liebe und erzählt die Geschichte zweier Menschen, die sich im Strudel ihrer Gefühle, Ängste und Missverständnissen verfangen.
Marie Schürmann war die Kleinste im Abiturjahrgang gewesen und auch jetzt, bei der Abschlussfeier an der Hochschule konnte man ihre Größe deutlich von den anderen unterscheiden. Doch dies stört sie nicht mehr, im Gegenteil: es macht sie zu etwas Besonderem, jemanden, an den man sich erinnert, wenn man sie das erste Mal traf.
Die junge Frau schließt als beste Absolventin des Jahrgangs die Hochschule ab und stolpert noch am gleichen Abend in ein Gefühlskarussell, das ihr Leben ordentlich durch schüttelt. Die (wahrscheinlich) große Liebe des Lebens gefunden, entgleitet ihr das Glück gleich wieder aus den Händen. Nach einer romantischen Nacht mit Tom entwickelt sich das Frühstück in seinem Lieblingscafe zur Farce und alles zerfällt in Scherben. Immerhin ist Marie geladen genug, um ihren (Noch)-Freund Michael, der sich in der Zwischenzeit mit einer anderen Frau in ihrer Wohnung vergnügte, wenig später aus derselben und ihrem Leben zu werfen.
Alles scheint kaputt, doch Marie verliert sich nicht in Selbstmitleid, sondern setzt einen lange gehegten Plan in die Tat um. Sie entscheidet sich gegen den Job bei der Gesellschaft für Stadtmarketing und für ihr Stipendium an der Universität in Florenz und packt ihre Sachen. In Italien findet sie eine gute Wohnung, neue Freunde und nach dem fünfmonatigen Studium einen Job im Fachbereich Scienza di Media. Sie hätte sicher nie gedacht, dass sie so schnell Karriere machen würde, als der Fachbereich einen Auftrag vom deutschen Audi-Konzern erhält. Doch Marie erhält eine anspruchsvolle Aufgabe und entfaltet ihr unbeschreibliches Organisationstalent.
Was sie in der Toskanischen Hauptstadt auch findet, ist eine neue Liebe – die große Liebe? Auf jeden Fall ist Francesco der Liebling ihrer Familie und wird auf der Hochzeit ihrer Schwester von den Schürmanns herzlich aufgenommen. Eine Hochzeit, die Maries Herz wie wild hüpfen lässt und ihre Sinne betäubt. Der Geistliche, welcher den krank gewordenen Pfarrer Kunze in letzter Minute vertritt und Kristin und Björn traut, reißt alte Wunden wieder auf, weckt süße wie schmerzliche Erinnerungen und wirft Marie vollends aus der Bahn.
Spannend und mit Liebe zum Detail strickt die Autorin die Welt ihrer Protagonistin und lässt diese immer wieder neue Wege einschlagen. So muss sich die junge Frau gegen Mobbing und Stress im Job zur Wehr setzen. Neid und Missgunst lassen die übelsten Intrigen gegen sie aufkeimen, doch Marie lässt sich nicht unterkriegen. Auch dann nicht, als sie schon glaubt, an Verfolgungswahn zu leiden, weil nur ihre Freundin ihr glaubt, dass irgendwer in ihre Wohnung einbricht und sie von mysteriösen Anrufen gequält wird, während Francesco und auch die Polizei sie für verrückt halten. Und wieso läuft sie eigentlich immer diesem EINEN Mann über den Weg, der ihr Leben so durcheinander wirbelt, aber – obwohl oft zum greifen nah – doch so fern und unerreichbar scheint?
„Nachhauseweg“ ist eine amüsante und spannende Geschichte, die uns unweigerlich den Spiegel vorhält. Wer hat solche oder ähnliche Situationen nicht schon erlebt, die wir in diesem Buch das Glück haben, hin und wieder von beiden Seiten – seiner und ihrer – zu sehen. Wie oft mir der Satz „Mensch, du blöde Kuh, er liebt dich doch!“ entfuhr, weiß ich nicht. Ein Roman zum Verrückt werden, Nachdenken, Schmunzeln, Heulen und richtig Freuen. Und ob es ein Happy-End gibt, das müsst ihr schon selbst nachlesen.